Omer

»Bis 50 sollt ihr zählen«

Das Zählen ist eine zusammenhängende Mizwa, die sich über sieben Wochen erstreckt. Foto: Todor Tsvetkov

Mitten zwischen den spät am Sederabend fröhlich geschmetterten Liedern »Adir Hu« und »Echad Mi Jodea« weist uns die Haggada darauf hin: »Am zweiten Sederabend fängt das Omerzählen an.« Dann folgen der Segensspruch sowie der kurze Satz: »Heute ist der erste Tag im Omer.« Das wird schnell dahingemurmelt und bleibt ein bisschen rätselhaft.

Vielen begegnet der Ausdruck »Omer« erst wieder im Zusammenhang mit dem Lagerfeuer an Lag BaOmer. Dabei lenkt dieses Detail der Zählung unseren Blick mitten in der Hochstimmung von Pessach schon auf Schawuot – beide Feste sind durch einen Zahlenstrahl miteinander verbunden.

Das Omer war ein Hohlmaß von ungefähr drei Litern und bezeichnete die Menge der Gerste, die als Erstlingsfrucht mit Beginn des Pessachfestes im Tempel dargebracht wurde. Von da an boten die Kohanim als Erntedank täglich, sieben Wochen lang, ein Omer Gerste in einer schwingenden Bewegung dar – bis es am 50. Tag von der Darbringung der Erstlinge des Weizens abgelöst wurde.

SCHABBAT In der Tora heißt es: »Ihr sollt von dem Tag an zählen, der dem Schabbat folgt, dem Tag, an dem ihr die geweihte Garbe dargebracht habt. Sieben volle Wochen sollen es sein. Bis zum Tag nach dem siebten Schabbat sollt ihr zählen, 50 Tage« (3. Buch Mose 23, 15–16).

In rabbinischer Auslegung wurde »Schabbat« zu Beginn des Verses nicht als Wochentag verstanden, sondern als der erste Tag des Pessachfestes. Da Schawuot das einzige Fest ist, für das die Tora kein festes Datum angibt, sondern lediglich, dass es 50 Tage nach dem ersten Pessachtag zu begehen sei, war die Zählung wichtig, um überhaupt den Zeitpunkt dieses Feiertags zu bestimmen. Die Bezeichnung als »Wochenfest« verweist auf diese Verbindung.

Selbst als durch die Kalenderberechnung klar war, dass Schawuot jedes Jahr am Abend des 6. Siwan beginnt, wurde die Zählung beibehalten, da dieses Gebot »euch eine ewige Ordnung von Genera­tion zu Generation sei, wo immer ihr wohnt« (23,14).

Und so wird ab dem zweitem Pessach­abend täglich mit Eintritt der Dunkelheit die Bracha gesagt: »Gesegnet seist Du, Ewiger, unser Gott, Souverän der Welt, Der uns durch Seine Gebote geheiligt und uns das Omerzählen befohlen hat.« Dann wird der jeweilige Tag benannt.

Das Zählen ist eine sich über sieben Wochen erstreckende, zusammenhängende Mizwa: Falls man das abendliche Ritual einmal vergisst, zählt man am folgenden Tag weiter, dann aber ohne Segensspruch. Anzeigetafeln in den Synagogen oder Omerzähler mit rollbaren Papierstreifen, heutzutage auch Omer-Counting-Apps, er­innern an das tägliche Zählen. Doch welche Relevanz hat dieses Zählen für uns über die Erfüllung des Gebotes hinaus?

CHARAKTER Der Omerzeit wird ein besonderer Charakter zugeschrieben. Sie wurde als eine Zeit des Gerichts über die Ernte des Jahres verstanden. Das heißt, in diesen Wochen entscheidet sich, wie ertragreich die Landwirtschaft in diesem Jahr sein wird.

Der Botaniker und Erforscher der biblischen Fauna, Noga Hare’uveni (1924–2007), wies darauf hin, dass alle der Sieben Arten Israels in dieser Zeit entweder knospen, ihre Früchte ausprägen oder bereits geerntet werden.

Die Zählung verband Pessach und Schawuot nicht allein mit Blick auf die Getrei­deopfer, die ja seit der Tempelzerstörung im Jahr 70 n.d.Z. ohnehin nicht mehr dargebracht werden. Die dazwischenliegenden 49 Tage lassen sich wie Stufen verstehen, über die man zum Berg Sinai hinaufsteigt, sich also Tag für Tag der Annahme der Tora annähert.

Die Omerzeit erlangte somit Bedeutung als eine Zeit des spirituellen Wachstums, denn sie verbindet das Fest der Freiheit mit dem Fest der Gabe der Tora, den Auszug aus der Knechtschaft mit dem Eintritt in den Bund mit Gott, die Befreiung aus der Unmündigkeit mit dem Freiwerden zur Übernahme von Verantwortung.

BRÄUCHE Um sich auf die Gabe der Tora vorzubereiten, entfalteten sich während der Omerzeit viele Bräuche rund um das Torastudium. Am bekanntesten ist das Lernen des Mischna-Traktats Pirkej Awot (Sprüche der Väter): An jedem Schabbatnachmittag zwischen Pessach und Schawuot wird ein Kapitel daraus gelernt. Die im Kapitel 6, 5–6 erwähnten 48 Eigenschaften, durch die die Tora erworben wird, sind auch Grundlage für tägliche Meditationen über jeweils eine davon.

Das biblische Gebot »Sieben volle Wochen sollen es sein« wurde nie allein auf die Omerzählung bezogen, sondern auch auf den Prozess der geistigen Zurüstung auf Schawuot. Die Kabbalisten entwickelten ein eigenes System, in dem sie die sieben unteren Sefirot des Lebensbaums – Gnade (Chessed), Stärke (Gewura), Pracht (Tif’eret), Ewigkeit (Nezach), Glanz (Hod), Fundament (Jessod) und Herrschaft (Malchut) – auf zwei Achsen anordnen, sodass sich jeweils zwei von diesen Eigenschaften treffen und Ausgangspunkt für Meditationen sind.

Im Chabad-Chassidismus pflegt man in der Omerzeit den Talmud-Traktat Sota zu studieren, weil er 49 Blatt umfasst, von denen man jeden Tag eines lernt. Überhaupt ist die Zahl 49, also sieben mal sieben Tage, stets als bedeutungsvoll angesehen worden – nicht nur für die Strukturierung der Lerneinheiten vor Schawuot, sondern weil die Zahl sieben für das Schöpfungswerk, für Vollkommenheit und Heiligkeit steht.

Aufgrund einer Legende, die über 12.000 Schülerpaare von Rabbi Akiwa berichtet, die alle zwischen Pessach und Schawuot starben, weil sie einander keinen Respekt erwiesen (Talmud, Jewamot 66b), wird die Omerzeit als eine Trauerperiode begangen. Es finden keine Hochzeiten statt, Haarschnitte und Rasuren werden nicht vorgenommen – erst an Lag BaOmer, dem 33. Tag der Omerzeit, unterbrechen aschkenasische Juden diese Trauerbräuche – um sie einen Tag später wieder fortzusetzen, denn um diese Zeit waren viele Gemeinden des Rheinlands den Kreuzzügen zum Opfer gefallen. In Frankfurt am Main war es üblich, am Schabbat vor Schawuot in der Synagoge das Memorbuch zu verlesen. Im sefardischen Judentum hingegen stellt man mit dem 34. Omer die Trauerbräuche ein.

Lag BaOmer wird seit dem 20. Jahrhundert mit großen Feiern unterschiedlicher Prägung begangen. Die Chassidim pilgern zum Grab von Rabbi Schimon bar Jochai im galiläischen Meron, veranstalten dort große Lagerfeuer und nehmen die Chalaka, den ersten Haarschnitt von dreijährigen Jungen, vor. Die zionistische Bewegung feierte dagegen Bar Kochba als ihren Helden, ebenfalls mit Ausflügen, Lagerfeuern und einem »Kumsitz« mit Liedern. In Gestalt von Barbecue und Gemeindefesten im Freien ist diese Tradition auch bei uns angekommen.

Was fangen wir also mit dem Omerzählen zwischen Pessach und Schawuot an? Ganz egal, ob wir religiös oder säkular sind – diese Zeit ist eine Einladung, täglich ein paar Minuten innezuhalten und darüber nachzudenken, auf welches Ziel wir eigentlich in unserem Leben zulaufen. Von welchen Zwängen wurden wir zu Pessach befreit, und wie kann sich unsere Freiheit in Mündigkeit und Verantwortung ausdrücken?

Der spanische Dichter und Philosoph Jehuda Halevi (1074–1141) hat einen ganz modernen Rat für uns: »Die sich von der Zeit knechten lassen, sind Knechte von Knechten. Der Knecht Gottes allein ist frei.«

Die Autorin ist Rabbinerin der Jüdischen Gemeinde Hameln und Mitglied der Allgemeinen Rabbinerkonferenz (ARK).

Andreas Nachama

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