Pandemie

»Bescheidener und demütiger werden«

Rabbiner Jehoschua Ahrens Foto: privat

Pandemie

»Bescheidener und demütiger werden«

Rabbiner Jehoschua Ahrens über christlich-jüdischen Dialog, Verschwörungstheorien bei Bischöfen und Sinnfragen in diesen Zeiten

von Ayala Goldmann  20.05.2020 12:31 Uhr

Herr Rabbiner Ahrens, wie haben Sie den Brief von Erzbischof Carlo Maria Viganò empfunden, den auch der deutsche Kurienkardinal Gerhard Ludwig Müller unterzeichnete? Darin wird vor einer »Weltregierung« als Folge der Corona-Pandemie gewarnt.
Das war ein Schock! Doch im Moment sind wir mit vielen anderen Dingen beschäftigt, wie mit der Öffnung von Synagogen, sodass für uns Rabbiner andere Themen im Vordergund stehen.»

Sind Sie besorgt, dass sich Verschwörungstheorien jetzt auch in Kirchenkreisen ausbreiten?
Das ist auf jeden Fall ein Riesenproblem, auch wenn es nicht neu ist. Wir wissen schon seit einiger Zeit, dass es Menschen auch innerhalb der Kirchen gibt, die solchen Theorien anhängen. Aber jetzt trauen sie sich, diese Meinungen noch offener zu äußern.

Die Bischofskonferenz ging auf Distanz zu Kardinal Müller. Beruhigt Sie das?
Ja, die Deutsche Bischofskonferenz ist ein sehr guter Partner für uns orthodoxe Rabbiner. Wir haben letztes Jahr eine große gemeinsame Tagung veranstaltet, und auch mit Kardinal Kurt Koch im Vatikan, der für die Beziehungen zum Judentum zuständig ist, klappt die Zusammenarbeit sehr gut. Aber man merkt natürlich, dass die Bemühungen im jüdisch-christlichen Dialog nicht bei jedem Kirchenmitglied ankommen. Das Problem besteht weniger auf Führungsebene als bei der Basis. Wie stark Verschwörungstheorien verbreitet sind, können wir nicht abschätzen, aber ich gehe davon aus, dass es eine kleine Minderheit ist.

Hören Sie manchmal auch in den eigenen Reihen Äußerungen über Corona, die Sie stutzig machen?
Natürlich sind auch wir Juden ein Abbild der Gesellschaft. Sicherlich gibt es da einige, die sich von abstrusen Theorien beeinflussen lassen, wobei Juden für Verschwörungstheorien weniger anfällig sind. Wir wissen ja, dass normalerweise damit wir gemeint sind. Aber auch bei uns gibt es Leute, die zum Beispiel gegen eine Impfpflicht sind.

Wie funktioniert der interreligiöse Dialog in Zeiten von Corona – per «Zoom»?
Ja, der Vorstand des Koordinierungsrates der Gesellschaften für christlich--jüdische Zusammenarbeit veranstaltet Zoom-Konferenzen. Im Haus am Dom, der Katholischen Akademie in Frankfurt, habe ich einen Vortrag per Zoom gehalten, mit Powerpoint-Präsentation und Diskussion, und das wurde dann zusammengeschnitten und auf YouTube gestellt.

Sprechen Sie mit Ihren christlichen Partnern auch über Sinnfragen – etwa, ob man Corona als Strafe Gottes betrachten kann?
Da sind sich eigentlich alle einig, dass wir das nicht so sehen. Es geht eher darum, welche Lehren wir aus der Pandemie ziehen. Denn wir stimmen darin überein: So wie vor Corona kann es nicht weitergehen. Das ist das Anliegen des Judentums: das Negative ins Positive zu wenden, aus einem Fluch einen Segen zu machen. Das liegt in unserer DNA:

Tote, Kranke, geschlossene Schulen, gestresste Eltern: Wo sehen Sie das Positive?
Das Positive wäre, wenn wir merken, dass wir als Menschen nicht alles im Griff haben. Wir sind nicht die Herren der Schöpfung, und wir sollten ein bisschen bescheidener werden. Es gibt Unsicherheiten. Die Gesellschaft muss sich damit auseinandersetzen. Nur gemeinsam und solidarisch können wir solche Krisen meistern. Es geht nicht individuell oder nationalstaatlich, es geht nicht um das Ich, das in unserer Marktgesellschaft viel zu sehr im Vordergrund steht. Wenn dieses Ich zu einem Wir wird, dann hätten wir schon viel gewonnen. Und wenn wir bescheidener und demütiger mit unserer Schöpfung umgehen, können wir diesen Ansatz zum Beispiel auch im Klimaschutz anwenden.

Mit dem orthodoxen Rabbiner und Director Central Europe des Center for Jewish-Christian Understanding and Cooperation (JCUC) sprach Ayala Goldmann.

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