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Auf der Hut

Von seinen Brüdern in die Sklaverei verkauft, steigt Josef zum zweitmächtigsten Mann Ägyptens auf Foto: imago/United Archives International

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Auf der Hut

Jakow traut seinen Söhnen nicht und behält Benjamin, den Jüngsten, lieber zu Hause

von Rabbinerin Yael Deusel  19.12.2019 16:23 Uhr

Was wäre, wenn wir die Zeit zurückdrehen könnten? Wenn wir eine bestimmte Situation noch einmal erleben würden und uns noch einmal entscheiden müssten? Im Nachhinein sieht manches anders aus, und eine vermeintlich gute Wahl, ein uns damals richtig erscheinendes Handeln entpuppt sich als Holzweg. Manchmal bereut man ein Leben lang, sich einst nicht anders entschieden, anders gehandelt zu haben. So ergeht es auch den zehn Brüdern von Josef.

Sie haben vor Jahren ihren ungeliebten Bruder in die Sklaverei verkauft und wissen nicht, was aus ihm geworden ist. Im Affekt hatten sie zuerst sogar beschlossen, ihn zu töten. Re’uven hatte es noch gut gemeint, aber er handelte nicht entschlossen genug.

Gewissen Jehuda war schließlich derjenige, der die Idee hatte, wie man den kleinen Bruder loswerden konnte, ohne ihn gleich umzubringen. Sogar ein bisschen Geld gab es dafür: 20 Silberlinge – für zehn Brüder aus wohlhabendem Hause allerdings nicht viel mehr als ein Taschengeld.

Froh allerdings wurden sie über diese Entscheidung später offenbar nicht; es plagte sie das schlechte Gewissen. Wenn sie sich in unserer Parascha daran erinnern, wie wenig sie damals für Josef und seine seelische Verfassung übrighatten, dann klingt das nicht so, als wäre ihnen das gerade erst in diesem Moment wieder eingefallen. Ihr damaliges Handeln und die Folgen, von denen sie nur ihre Seite der Geschichte kennen, sind ihnen sehr wohl bewusst.

Re’uvens Reaktion: »Ich hab’s euch damals ja gleich gesagt«, ist nicht besonders hilfreich. Allerdings erhält nun Josef einen ersten Einblick in das, was einst geschah; denn er wiederum kennt ja nur seine Seite. Vielleicht hat ihn das auf die Idee gebracht, wie er weiter mit seinen Brüdern umgehen sollte. Was wäre, wenn? Würden sie sich noch einmal so entscheiden? Was jetzt geschieht, ist eine Art Déjà-vu.

Der Vater soll seinen geliebten Benjamin losschicken, der bei ihm zu Hause geblieben ist wie einst Josef. Er soll ihn losschicken, diesmal nicht zu den Brüdern, sondern mit ihnen. Jakow tut sich schwer mit dieser Entscheidung.

Sorge Sforno, Rabbi Obadja ben Jacob Sforno (1475–1550), meint, der Vater habe wohl damals den Braten gerochen, die Geschichte nicht geglaubt, die ihm seine Söhne über das vermeintliche Ende von Josef aufgetischt hatten, und war nun besorgt, es könnte Benjamin ähnlich ergehen.

Doch die Brüder haben sich geändert, womöglich gerade wegen der Sache mit Josef. Sie haben daraus eine bittere Lehre gezogen. Der Vater allerdings hat sich nicht geändert, er macht den gleichen Fehler noch einmal, indem er nun Benjamin zu Hause bei sich behält. War Josef einst der Ersatz für Rachel, so mag nun Benjamin der Ersatz für Josef sein.

Und wieder ist es Jehuda, dessen Argumente die Entscheidung herbeiführen, nachdem Re’uven einen – auch diesmal wenig zielführenden – Versuch unternommen hatte, den Vater umzustimmen.

Nicht zufällig finden wir als Einschub in die Josefsgeschichte die Abhandlung über Jehudas Schwiegertochter Tamar, der er unrecht tut und dies am Ende auch einsieht. Auch durch diesen Vorfall ist Jehuda sicher gereift.

Und nun zieht eine andere Karawane mit gefragter Handelsware nach Ägypten, diesmal in Form von Geschenken. Statt der Jischmaelim mit Josef sind es die zehn Brüder mit Benjamin. Und noch einmal entsteht eine Situation »Bruder gegen Silber«, diesmal ist es ein silberner Becher statt Silbergeld.

Die Analogie ist klar: Wäre es vordergründig nur um einen fingierten Diebstahl gegangen, hätte man wohl eher ein goldenes Gefäß statt eines Silberbechers untergeschoben.

Josef führt also noch einmal eine solche Schicksalssituation herbei. Wie werden die Brüder diesmal reagieren?

Und doch – was wäre gewesen, wenn Josef nicht als Sklave nach Ägypten gekommen wäre? Nichts geschieht ohne Grund, und sogar eine üble Tat kann durch den Willen des Ewigen zum Segen dienen. Vertrauen wir darauf, dass Er, Der die Geschicke der Welt leitet, auch in unserem Leben alles zum Guten wendet.

Die Autorin ist Rabbinerin der Liberalen Jüdischen Gemeinde Mischkan ha-Tfila Bamberg und Mitglied der Allgemeinen Rabbinerkonferenz (ARK).

inhalt
Paraschat Mikez erzählt von den Träumen des Pharaos, die niemand an seinem Hof deuten kann – außer Josef. Er sagt voraus, dass nach sieben üppigen Jahren sieben Jahre der Dürre kommen werden, und empfiehlt dem Pharao, Vorräte anzulegen. Der Herrscher betraut ihn mit dieser Aufgabe. Dann heiratet Josef: Er nimmt Asnat, die Tochter des ägyptischen Oberpriesters, zur Frau. Sie bringt die gemeinsamen Söhne Efraim und Menasche zur Welt. Dann kommen wegen der Dürre in Kanaan Josefs Brüder nach Ägypten, um dort Getreide zu kaufen.
1. Buch Mose 41,1 – 44,17

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