Schmirat Negia

Auf Abstand gehen

Anziehung zwischen Jungen und Mädchen ist natürlich. Doch niemand braucht sich zu schämen, wenn er oder sie keinen Sex will, bevor die Entscheidung fürs Leben getroffen ist. Foto: Thinkstock

Schmirat Negia bedeutet »sich vor Berührung hüten«. Den hebräischen Begriff kennen heute auch junge Menschen, die den Weg zurück zur jüdischen Tradition suchen. Doch für Jugendliche und Erwachsene, die Teil der Mainstreamkultur sind und vielleicht auch ohne Trauschein mit ihren Partnern zusammenleben, hört sich der Begriff völlig fremd an.

Was ist Schmirat Negia? Diese Haltung ist Ausdruck einer Selbstbestimmung. Jemand, der öffentlich demonstriert, dass er jeglichen körperlichen Kontakt vermeidet, übt Schmirat Negia aus. Dazu gehören auch Umarmungen, Küsse und sogar ein Händedruck zwischen Personen verschiedenen Geschlechts.

Anziehung Die sexuelle Anziehung zwischen Jungen und Mädchen ist natürlich. Sie wurde bereits bei der Erschaffung der Welt als wünschenswerter Zustand zwischen Männern und Frauen geschildert. Über die Verbindung zwischen Ehemann und Ehefrau steht geschrieben: »Da sprach der Mensch: Das ist doch Bein von meinem Bein und Fleisch von meinem Fleisch; diese werde genannt Männin, denn vom Manne ist diese genommen worden. Darum verlässt der Mann seinen Vater und seine Mutter und hängt an seinem Weibe, und sie werden zu einem Fleische« (1. Buch Mose 2, 13–24).

Doch die Pubertät ist für viele Jugendliche das Alter einer schwierigen Auseinandersetzung mit sich selbst. In dieser Entwicklungsphase fällt es zahlreichen jungen Menschen nicht leicht, sich auf die Ziele zu konzentrieren, die Eltern oder Lehrer ihnen setzen, was einige Konflikte mit sich bringt. Etliche setzen sich in diesem Alter ausführlich mit dem Sinn des Lebens auseinander. Fragen, die sich im Kindesalter lustig anhören, wie »Was soll ich machen, wenn ich groß bin?« werden langsam, aber sicher real. Die Zeit rückt näher, in der ein junger Mensch sich entscheiden muss, was er wirklich tun will, wenn er groß ist.

Körper Im Alter von zwölf, 13 Jahren verändert sich der menschliche Körper. Diese Wandlung durch die Pubertät wird im späteren Leben von großer Bedeutung sein. Wenn ein Mensch geschlechtsreif wird, beginnt er, Verantwortung für sein Leben zu übernehmen. Diese körperliche Entwicklung ist es, die einem jungen Mann und einer heranwachsenden Frau die Fähigkeit verleiht, Kinder auf die Welt zu bringen.

Warum aber soll man bis zur Heirat warten, um Sex zu haben? In diesem Punkt herrscht oft große Verwirrung. Junge Leute leben manchmal jahrelang vor ihrer Heirat zusammen und sehen darin kein Problem. Das Zusammenleben vor der Hochzeit ist seit einigen Generationen nichts Außergewöhnliches mehr. Die meisten Jugendlichen, die nicht in religiösen Gemeinschaften groß geworden sind, machen ihre ersten Erfahrungen mit körperlichem Kontakt schon lange, bevor sie unter der Chuppa stehen.

Sexualkunde Viele sagen, dass heutzutage keine Grenzen und Schranken mehr bestehen. Andere meinen, für Einschränkungen gebe es keinen Grund. Körperlicher Kontakt ist heute fast zu einem »notwendigen Bestandteil« der Pubertät geworden. Schon Dritt- und Viertklässler erhalten in der Schule Sexualkundeunterricht, der sie auf das Heranwachsen vorbereiten soll.

Also stellt sich die Frage: Warum eigentlich nicht? Warum soll man als Jugendlicher seine Sexualität nicht ausleben? Der Hauptgrund ist: Das Eheleben ist das höchste Ziel im Judentum.

Es gibt viele Gesetze, die sich mit den Fragen der Partnerschaft und der Errichtung einer Familie befassen. Die Tora hat uns mit einem gesamten System von Mizwot und Gesetzen versehen, die sich um das Familienleben drehen. Hier finden wir Antworten auf die Fragen, wen man heiraten darf und wen nicht, in welchen Fällen man sich lieber scheiden lassen soll, und wie eine solche Scheidung vor sich geht. Doch über all diesen Anweisungen steht der Befehl aus den Zehn Geboten: Du sollst nicht ehebrechen!

Körperlicher Kontakt hat im Judentum höchste Priorität. Im Gegensatz zu Religionen, die Geschlechtsverkehr als Sünde ansehen, gilt er im Judentum als Gebot. Der sexuelle Kontakt hat die Aufgabe, Gutes und Heiliges in die Welt zu bringen. Im körperlichen Akt sehen wir einen Weg, uns auch in geistiger Hinsicht zu erhöhen. Paarung und Vereinigung gelten als große Tugend im Judentum.

Ehebruch Aus ebendiesem Grund hat das Judentum dem körperlichen Kontakt Grenzen auferlegt. Ein verheiratetes Paar hält sich an Einschränkungen, die der gemeinsamen Beziehung förderlich sind und der Gründung einer Familie dienen. Das Verbot, Ehebruch zu begehen, bedeutet auch, dass jeder außereheliche Kontakt völlig unnötig ist. Der Mann verpflichtet sich übrigens unter der Chuppa in der Ketuba, dem Ehevertrag, seine Frau sexuell zu befriedigen. Damit soll vermieden werden, dass einer der Ehepartner einen berechtigten Grund zur Scheidung hat – mögen sie davor bewahrt bleiben!

Natürlich kann man sich fragen, ob das Ziel einer Ehe der Geschlechtsakt ist – oder der Geschlechtsakt das Mittel zu einem gesunden Familienleben. Junge Menschen, die sexuelle Erfahrungen machen, denken dabei nicht an die Zukunft und sehen nicht die grundlegende Wichtigkeit des Ehelebens. Doch je mehr Erfahrungen junge Menschen im Kontakt mit dem anderen Geschlecht gewinnen, je mehr One-Night-Stands sie haben, desto mehr könnte es ihnen in Zukunft schwerfallen, ein treues Eheleben zu führen.

Zwei große Probleme begleiten diese jungen Männer und Frauen. Ihre sexuellen Erfahrungen sind nicht verbindlich, sondern beruhen auf reinem Begehren und führen zu der Einstellung, dass kein Anlass besteht, eine stabile Partnergemeinschaft aufzubauen.

Sensationen Doch das zweite Problem ist nicht weniger schwerwiegend. Ein sexuell erfahrener Mensch, der auf Sensationen aus ist, möchte diese auch in Zukunft erleben. Es besteht die Gefahr, dass die Lebenspartnerin oder der Lebenspartner, der sich ihm seelisch nahe fühlt, eine verbindliche Beziehung im Rahmen der Ehe eingeht und eine Familie gründet, eventuell seinen oder ihren sexuellen Drang nicht ganz befriedigen kann, weil er oder sie Ambitionen hat und nach Sensationen sucht, die er oder sie als junger Mensch erfahren hat.

Dies kann im Eheleben zu Enttäuschung, Untreue – möge man davor bewahrt sein! – und – G’tt bewahre – zur Auflösung des Familienlebens führen. Wie kann man sich vor solchen Katastrophen schützen?

Leider gibt es kein Wundermittel; es ist eine Frage der Erziehung und der Selbstdisziplin. Die Pubertät tritt gewöhnlich mit der körperlichen Entwicklung im Alter von zwölf bis 13 Jahren ein, ungefähr zum Zeitpunkt der Barmizwa oder Batmizwa.

Auf Hebräisch sind sich die Substantive Pubertät (»Bagrut«) und Überwindung (»lehitbager«) sehr ähnlich. Ja, manchmal muss der Mensch seinen Willen bezwingen. Falls er für sich selbst moralische Grundsätze festgelegt hat, nach denen er sein Leben führen will, wird er verstehen und verinnerlichen, dass er seinen sexuellen Drang lieber bis zur Heirat aufschiebt.

Man braucht sich nicht zu schämen, wenn man sagt, dass man Kontakt meidet und auf eine pure und reine Liebe mit seiner zukünftigen Ehefrau oder seinem zukünftigen Ehemann wartet – vor allem, weil eine solche Einstellung einem Menschen in der Zukunft nur guttut.

Verantwortung Pubertät und sexuelle Entwicklung gehören zusammen. Genauso, wie wir Heranwachsende zu Verantwortung beim Lernen, bei der Arbeit oder beim Autofahren erziehen, wenn sie ihren Führerschein machen, müssen wir sie ebenfalls zu Verantwortung für ihre Sexualität erziehen und in ihnen den Wunsch wecken, eine dauerhafte, stabile Partnerschaft einzugehen, damit sie später eine starke Familie gründen.

Mit den Reproduktionsorganen, die sich in jugendlichem Alter ausbilden, zeugen wir später Kinder, damit wir eine Familie großziehen und ihnen eine jüdische Erziehung für die kommenden Generationen zukommen lassen. Auf diese Weise wachsen erfolgreiche Menschen auf, zum Wohl unserer Familie und der Welt im Allgemeinen.

Ich hoffe, dass diese Überlegungen uns allen, aber vor allem Jugendlichen helfen, über ihre Sexualität nachzudenken und ihre Praxis auf den Tag zu verlegen, an dem sie einer Lebenspartnerin oder einem Lebenspartner versprechen, eine Familie zu gründen, für ein lange währendes, gemeinsames Leben.

Der Autor ist Rabbiner der Jüdischen Gemeinde Groß-Dortmund und Vorstandsmitglied der Orthodoxen Rabbinerkonferenz (ORD).

Meinung

Orden für den Botschafter: Wie Leo XIV. Irans Regime aufwertet

Mit seinem Orden für den iranischen Botschafter beim Heiligen Stuhl verpasst der Papst den Menschen im Iran symbolisch einen Tritt in die Magengrube

von Michael Thaidigsmann  13.05.2026

Meinung

Wer definiert das Judentum?

Die Theologische Fakultät der Universität Freiburg im Üechtland verleiht dem messianischen Rabbiner Mark S. Kinzer die Ehrendoktorwürde. Das belastet das jüdische Verhältnis zu einem katholischen Partner

von Zsolt Balkanyi-Guery  12.05.2026

Israel

In Deboras Fußstapfen

Seit 2018 versuchen Frauen, an den Halacha-Prüfungen des Oberrabbinats teilzunehmen. Nun ist es ihnen gelungen

von Sophie Goldblum  08.05.2026

Talmudisches

Die Zahl 80

Was unsere Weisen über die wahre Stärke im Alter lehren

von Avi Frenkel  07.05.2026

Redaktion

Die Menschen hinter der Jüdischen Allgemeinen

Wer textet und redigiert, gestaltet, illustriert und organisiert heute die Jüdische Allgemeine? 18 Menschen, neun Ressorts – wir stellen uns vor

 07.05.2026

Essay

Brandbeschleuniger Hass auf Israel: Der Gesetzgeber darf nicht länger wegschauen

Wer auf unseren Straßen »Tod Israel« ruft, kann bislang in der Regel ohne strafrechtliche Konsequenzen bleiben. Das zermürbt die Demokratie

von Volker Beck  07.05.2026

Medien

Worte wiegen schwer

Was dürfen Journalisten? Auch Pressekodex und Gesetz kennen Grenzfälle. In der jüdischen Ethik wirft der Chafetz Chaim einen interessanten Blick auf die Frage, was an die Öffentlichkeit gehört

von Mascha Malburg  07.05.2026

Behar–Bechukotaj

Vom Joch befreit

Wie der Ewige seinem Volk die Last der Unterdrückung nimmt

von Rabbiner Avraham Radbil  07.05.2026

Jubiläum

Starke Stimme

Vor 80 Jahren erschien die erste Ausgabe der Jüdischen Allgemeinen. Mehr denn je braucht es eine präsente und selbstbewusste jüdische Zeitung in Deutschland

von Philipp Peyman Engel  07.05.2026