Wieso, weshalb, warum

Aguna

Aguna: bleibt an ihren Mann gefesselt, mit dem sie nicht mehr zusammenlebt, und kann deshalb nach dem Gesetz nicht erneut heiraten Foto: Thinkstock

Eine nach den halachischen Vorschriften geschlossene jüdische Ehe endet, wie man der ersten Mischna im Traktat Kidduschin entnehmen kann, durch den Tod eines Ehepartners oder durch eine Scheidungsurkunde (hebräisch: Get), die der Ehemann der Frau überreicht.

Halacha Wenn ein Ehepartner unauffindbar ist, so kann ein gemeinsames Leben natürlich nicht mehr stattfinden. Halachisch gesehen besteht die Ehe jedoch weiter. Sollte einer der Eheleute erneut heiraten wollen, so ist dies nicht sofort möglich. Erst muss sie oder er den Beweis erbringen, dass die erste Ehe nicht mehr besteht. Ist ein Ehepartner verschollen, ergibt sich für die zweite Seite ein ernstes Problem. In der Praxis hat eine Ehefrau unter solchen Umständen wesentlich mehr Schwierigkeiten zu überwinden als ein Ehemann.

Das liegt daran, dass die Tora einem Mann erlaubt, mehrere Frauen zu heiraten; eine Frau darf aber nie mit zwei Männern verheiratet sein. Zwar wurde die Polygamie durch eine rabbinische Verordnung im Mittelalter verboten, aber unter bestimmten Bedingungen wird einem Mann erlaubt, eine zweite Frau zu ehelichen. Daher kann ein Beit Din (Rabbinatsgericht) einem Mann mit einer verschwundenen Ehefrau erlauben, sich eine neue Frau zu nehmen. Sollte die erste Ehefrau wieder auftauchen, ist nichts Schlimmes passiert.

Kinder Der umgekehrte Fall hingegen kann tragische Folgen haben: Sollte die Frau erneut heiraten und Kinder gebären, so hat sie, falls der erste Mann wieder auftaucht, (unbeabsichtigt) Ehebruch begangen. Die Kinder aus der zweiten Verbindung bekommen einen Makel, der an ihnen folgenreich haften bleibt (hebräisch: Mamserut).

Eine Frau, die nach dem Gesetz nicht erneut heiraten kann, wird »Aguna« genannt. Sie bleibt an einen Mann gefesselt, mit dem sie nicht mehr zusammenlebt. Die besondere Lage einer Aguna wird im Talmud-Traktat Jebamot besprochen. Die Ergebnisse der religionsgesetzlichen Erörterungen sind sowohl im Kodex von Maimonides (Hilchot Geruschin 12–13) als auch im Schulchan Aruch (Even HaEzer 17) zusammengefasst worden.

In der Responsenliteratur werden erstaunlich viele Aguna-Fälle diskutiert. So hat Rabbi Yizhak Elchanan Sektor (1817–1896) aus Kovno mehr als 150 Responsa zu diesem Themenkomplex veröffentlicht.

Fast alle Halachisten, die sich mit solchen Fällen befasst haben, neigten dazu, erleichternd zu entscheiden, das heißt, der betreffenden Frau eine neue Ehe zu erlauben. Vom früheren sefardischen Oberrabbiner Ovadia Josef (1920–2013) und seinem Beit Din ist bekannt, dass sie nach dem Jom-Kippur-Krieg 1973 fast 1000 Agunot aus ihrem gefesselten Zustand befreiten.

In den halachischen Gutachten geht es stets darum, die Umstände des jeweiligen Falls zu untersuchen und dann zu prüfen, ob die halachischen Kriterien es erlauben, den Tod des Mannes für sicher zu halten. Forscher der umfangreichen Aguna-Literatur haben festgestellt, dass leider nicht in jedem Fall eine positive Lösung gefunden werden konnte.

Richter Eine große Verantwortung lastet auf den rabbinischen Richtern. Die Gefahr besteht, dass sie Urteile fällen, die sich am Ende als falsch erweisen (wenn der Mann unerwarteterweise wieder auftaucht). Man denke an die wirren Verhältnisse in den Vernichtungslagern, an unüberschaubare Kriegsereignisse und an die Menschen, die am 11. September 2001 in den Twin Towers in New York waren und vermutlich umgekommen sind.

Sehr bewegend sind auch die Schicksale einer anderen Sorte von Agunot. In diesen Fällen sind die Männer nicht verschollen, sondern sie wollen ihren Frauen keinen Get geben, obwohl sie vom Beit Din dazu aufgefordert wurden. In Israel werden solche widerspenstigen Ehemänner unter Druck gesetzt, im Extremfall landen sie sogar im Gefängnis.

Vielen Berichten kann man entnehmen, wie unermesslich das Leid einer Aguna ist. Wer ihr helfen kann, aus ihrer misslichen Lage herauszukommen, vollbringt eine g’ttgefällige Tat.

Talmudisches

Schlaf

Was unsere Weisen über die Nachtstunden lehren

von Chajm Guski  19.06.2026

Essay

Zwischen Progressivität und Zerfaserung

Quo vadis, liberales Judentum? Ein Debattenbeitrag von Avitall Gerstetter

von Avitall Gerstetter  19.06.2026

Korach

Im Vergleich

Oft schmerzt nicht der eigene Mangel, sondern der Vorsprung der anderen – doch zwischen Impuls und Handlung liegt ein entscheidender Moment

von Rabbiner David Kraus  18.06.2026

Militär

Verteidigung statt Zerstörung

Israel exportiert Arrow-3-Abwehrraketen nach Deutschland. Schon im Talmud wird der Verkauf von Waffen diskutiert. Die Rabbiner werfen moralische Fragen auf, die sich bis heute stellen

von Rabbiner Dovid Gernetz  18.06.2026

Halacha

Deutsch-jüdischer Leuchtturm

Die Berliner Studien zum Jüdischen Recht feiern ihr 30-jähriges Bestehen an der Humboldt-Universität

von Detlef David Kauschke  16.06.2026

Schelach Lecha

Mit der Kraft des Ewigen

Die biblische Erzählung lehrt, dass sich mit Gottvertrauen auch aktuelle Herausforderungen bewältigen lassen

von Rabbiner Salomon Almekias-Siegl  12.06.2026

Talmudisches

Spiel des Lebens

Was unsere Weisen über Fußball lehrten

von Avi Frenkel  12.06.2026

Fußball-WM

Darf man einem Kraken glauben?

Was das Judentum über Orakel, Omen und Vorhersagen lehrt

von Rabbiner Dovid Gernetz  11.06.2026

Dresden

Elnet: Initiative soll Neugier auf jüdisches Leben wecken

Die Kampagne ist Teil des Themenjahres »Tacheles. Jahr der jüdischen Kultur in Sachsen 2026« und wird zunächst sechs Wochen sichtbar sein

 11.06.2026