Bikkur Cholim

Abschied in Würde

Gegengewicht zu antisolidarischen Tendenzen im Umgang mit den Schwächsten der Gesellschaft: der Krankenbesuch Foto: Thinkstock

Das Sorgen für hinfällige alte Menschen, Schwerstkranke und Sterbende wird in unserer Zeit immer wieder als zunehmende Herausforderung und Belastung für die Gesellschaft gesehen. Mehr und mehr wird der »Wert« eines Menschen an seinem Status und seiner Leistungsfähigkeit gemessen, und die Vorstellung eines in allen Bereichen selbstbestimmt geführten, »erfolgreichen« und vor allem produktiven Lebens wurde längst zum erstrebenswerten Ideal. Wer aber an diesem Lebensentwurf nicht festhalten kann, weil er wegen seines Alters oder einer Krankheit seine Leistungsfähigkeit und Selbstständigkeit verliert, wird nicht selten von sich selbst oder der Gesellschaft als nutzlos erachtet.

Fachleute betonen, dass dringend ein Wandel im Verständnis von Heilkunde sowohl bei Ärzten als auch in der breiten Öffentlichkeit notwendig sei. Zudem muss die Gesellschaft wieder lernen, dass selbstverständlich auch ein Mensch in größter Pflegebedürftigkeit »wertvoll« ist, allein weil er Mensch ist. Mindestens so wichtig, wenn nicht noch wichtiger als der geforderte Dialog zwischen Experten verschiedener Fachdisziplinen auf dem Weg zu diesem Wertewandel, sind der Austausch und die Kooperation zwischen Kranken, Familien, Ärzten, Pflegekräften, professionellen und ehrenamtlichen Helfern im jeweils konkreten Einzelfall.

Für Menschen, die sich religiös oder spirituell im Judentum verorten, gehören auch Gemeindemitglieder aus den Bikkur‐Cholim‐Gruppen und Rabbiner zu wichtigen Partnern in diesem Dialog. Verblüffend ist, dass die jahrhundertealte Tradition des Bikkur Cholim, (deutsch: »Krankenbesuch«) und das traditionelle jüdische Verständnis von den Verpflichtungen des Arztes schon längst alle Prinzipien und Grundhaltungen der Palliativmedizin enthalten, die in den letzten Jahrzehnten als etwas scheinbar ganz Neues und Subversives »erfunden« wurden – und deren Integration in die Behandlung Schwerkranker und Sterbender unser Gesundheitswesen aus den oben geschilderten Fehlentwicklungen herausführen soll.

Damit hat der traditionelle jüdische Krankenbesuch auch und gerade in unserer Zeit einen sehr hohen, leider aber unterschätzten oder gar nicht erst erkannten Stellenwert. Er stellt ein effektives Gegengewicht zu antisolidarischen Tendenzen im Umgang mit den Schwächsten in unserer Gesellschaft dar.

Ehrenamtlich Es lohnt sich unbedingt, Ehrenamtliche aus den Bikkur‐Cholim‐Gruppen der Gemeinden enger mit Ärzten und Pflegekräften ins Gespräch zu bringen, damit sie gegenseitig voneinander lernen und die so dringend notwendige Zusammenarbeit auf den Weg bringen. Bikkur Cholim als Mizwa, die von der ganzen Gemeinde erfüllt wird, ist ein wunderbares und deutliches Signal, dass das Judentum Alte, Kranke und Hinfällige nicht an den Rand drängt, sondern sie in die Gemeinschaft integriert. Darüber hinaus ist die sehr achtsame Grundhaltung, mit der das religiöse Gebot des Krankenbesuches erfüllt wird, ein guter Weg, die Kranken durch die ihnen zuteilwerdende Zuwendung besser zu verstehen und sie damit zur authentischen Selbstbestimmung zu befähigen. Die Begleitung auf diesem Weg erhält die Würde des Kranken und hilft, die richtigen Entscheidungen zu treffen. Dies gibt auch den Tagen der Krankheit Wert und Sinn.

Die Psychoanalytikerin Ruth C. Cohn schrieb den zu Recht viel zitierten Satz: »Keine Methode ersetzt persönliche Wärme, Toleranz und positive Einstellung zum Menschen.« Die Wertschätzung der Persönlichkeit des Kranken durch sein Umfeld ist die unbedingte Voraussetzung dafür, dass er sich selbst achten, seine Würde wahrnehmen und Lebensqualität finden kann. Das erkannten bereits die Rabbinen, die Verfasser der Kodifizierungen der Halacha und spätere Poskim (Dezisoren/Gelehrte), die als halachische Autoritäten anerkannt sind. Für Fälle, in denen beispielsweise der Besuch den Kranken kompromittieren oder ihn krankheitsbedingte Veränderungen beschämen konnten, wird im Schulchan Aruch vom Krankenbesuch entweder ganz abgeraten, oder es werden im heutigen Gesundheitssystem besonders behutsame Vorgehensweisen vorgeschlagen.

Rollenerhalt Eine schöne neuzeitliche Anekdote, die die Bedeutung des Rollenerhalts im Krankenbesuch veranschaulicht, erzählt Rabbi Hanoch Teller in seinem Buch über Rabbi Shlomo Salman Auerbach: Rabbi Auerbach besuchte den kranken Rabbi Mosche Landau, als dieser auf der Intensivstation lag und dem Tode schon nahe war.

Rabbi Landau, der noch bei vollem Bewusstsein war, entschuldigte sich bei Rabbi Auerbach dafür, dass er ihn früher einmal in einer halachischen Diskussion sehr scharf kritisiert hatte. Auerbach beruhigte Landau, dass es keinen Grund für eine Entschuldigung gebe, denn es sei ja keine persönliche Beschimpfung, sondern ein halachischer Disput um des richtigen Verständnisses der Halacha willen gewesen – betonte aber nochmals nachdrücklich, dass er mit seiner Auslegung recht habe und Landau hingegen ganz und gar irre. Rabbi Landau habe daraufhin Kräfte entwickelt, die man ihm nicht mehr zugetraut hatte, und habe ein heftiges Streitgespräch begonnen. Rabbi Auerbach erkannte sehr genau die »Essenz« des kranken Rabbiners und sprach ihn in der Kontinuität dessen an, was immer sein Leben und seine Persönlichkeit ausgemacht hatte. Mit dem Entfachen des Disputs tat Auerbach etwas Kluges und Würde‐Erhaltendes, indem er Rabbi Landau weiterhin in dessen Rolle als halachische Autorität begegnete, statt würdenehmend und mitleidig bloß auf das Leiden und die verlorenen Fähigkeiten des auf dem Sterbebett liegenden Kranken zu schauen. Nicht jeder ist eine halachische Autorität, aber jeder hat Erfahrungen und Kenntnisse, nach denen gefragt zu werden ihm guttut.

Rabbiner Joseph Telushkin schildert in seinem Buch A Code of Jewish Ethics eine ganz ähnliche »Intervention«, mittels derer ein sehr kluger Rabbiner seinem sterbenden Vater mit dem richtigen Fingerspitzengefühl half, in seiner Rollenfunktion zu bleiben. Anstatt sich mit dem Kranken über dessen Krankheit zu unterhalten, ließ sich der Rabbiner beim Krankenbesuch in Fragen zur Buchhaltung beraten, mit denen er selbst im Gemeindebüro überfordert war. Er konnte aber sicher sein, dass der frühere Kaufmann sofort die Antwort wusste.

Sehr häufig können wir bei Menschen an ihrem Lebensende einen starken Altruismus beobachten. Diesen aufzugreifen, anzunehmen und zu stärken, kann wunderbare Erfahrungen in der Begleitung Sterbender ermöglichen.

Vermächtnis Eine weitere, von dem kanadischen Palliativmediziner und Entwickler der »Dignity Therapy«, Harvey Max Chochinov, neben dem »Rollenerhalt« identifizierte wichtige, Würde bewahrende Ressource, das »Vermächtnis«, finden wir ebenso bereits in den allerfrühesten jüdischen Schriften wieder. Das Vermächtnis eines Menschen wird für ihn zu einer Quelle von Würde, weil ihn das Wissen tröstet, dass nach seinem Tod etwas den Tod Überdauerndes von ihm bleiben wird. Es wird ihm Kraft geben, zu erfahren, dass die Gemeinschaft aufrichtiges Interesse an den Dingen und Werten hat, die ihm wichtig sind oder waren.

Dies ist das große Thema des Wochenabschnitts Wajechi (wörtlich »und er lebte«, 1. Buch Mose 47,28 – 50,26). Was heute in der »Dignity Therapy« als Würde stiftende Intervention in Form eines strukturierten Aufschreibens der Lebensgeschichte und des Vermächtnisses alter oder kranker Menschen am Ende ihres Lebens geschieht, half auch unserem Stammvater Jakob dabei, sich an seinem Lebensende ein Gefühl für Transzendenz, für Sinnhaftigkeit und Würde zu bewahren.

Der Autor ist Palliativmediziner am Klinikum Bielefeld und Mitglied der Jüdischen Kultusgemeinde Bielefeld »Beit Tikwa«. Der hier gekürzt wiedergegebene Textauszug erschien im Sammelband »Bikkur Cholim – Die Begleitung Kranker und Sterbender im Judentum«, hrsg. von Stephan Probst. Hentrich & Hentrich, Berlin 2017, 272 S., 19,90 €.

Abdruck mit freundlicher Genehmigung des Verlags

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