Essay

Der Holocaust ist zur moralischen Währung geworden – und wird nun mit der Genozid-Legende in Gaza gegen die Juden selbst verwendet

Das Konzentrationslager Auschwitz wurde zum Symbol der nationalsozialistischen Vernichtungsmaschinerie. Foto: Marco Limberg

Eines kann man nicht behaupten: dass die Faktenlage über den Holocaust dünn wäre. Der größte Genozid der Menschheitsgeschichte wurde bis ins Detail erforscht, analysiert, beschrieben. Von der Bürokratie des Mordens über die Sprache der Häftlinge bis zur Freizeitgestaltung des Lagerpersonals. Und noch immer gibt es Neues. Jüngst meldete die Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem in Jerusalem, sie habe inzwischen fünf Millionen Menschen namentlich identifiziert, die in den Vernichtungslagern ermordet worden seien. Fünf Millionen Namen – zusammengetragen aus Deportationslisten, Briefen, Tagebüchern, Dokumenten der Täter.

Angesichts der Fülle an Wissen könnte man meinen, es gebe kaum noch Lücken im Verständnis dessen, was ein Genozid bedeutet – was systematische Vernichtung heißt. Doch das Gegenteil ist der Fall. Trotz akribischer Forschung, trotz zahlloser Studien, Analysen und Fakten schwindet in Europa das Bewusstsein dafür, was ein Völkermord ist – und was nicht. Schlimmer noch: Es findet eine zynische Umdeutung der Geschichte statt.

Als der Judenstaat begann, sich gegen den Terror zu wehren, kippte die Stimmung

Beispiel Deutschland. Nach dem 7. Oktober 2023 war zunächst durchaus Empathie mit den Opfern der Hamas-Massaker zu spüren. Dann aber begann der Judenstaat, sich gegen den Terror zu wehren – und die Stimmung kippte. Plötzlich standen auf Straßen und Plätzen Menschen, die Israel in Sprechchören »Völkermord« und »Genozid« vorwarfen – und gleichzeitig die Hamas mit Solidaritätsbekundungen bedachten.

Die Rhetorik sickerte auch in die Kunstszene: So sahen sich Prominente wie der Regisseur Fatih Akin, der Komiker Kurt Krömer und die Schauspielerin Natalia Wörner bemüßigt, in einem gemeinsamen Brief vor einem drohenden »Völkermord« zu warnen.

Getragen von den Parolen auf der Straße und befeuert durch die Anklage aus der Kultur, erreichte der Begriff auch die Politik. Allen voran: das linke politische Spektrum. Eine Rede von Bundeskanzler Friedrich Merz, in der er über Gaza sprach, wurde vom Zwischenruf eines Abgeordneten der Linkspartei unterbrochen: »Das ist kein Krieg, das ist Genozid!« Wenige Minuten zuvor hatte das Parlament noch in einer Schweigeminute der Auschwitz-Überlebenden Margot Friedländer gedacht. Doch nicht nur im Land der Täter, auch in den Straßen, Universitäten und Parlamenten von London, Paris oder Madrid: Überall wurde wiederholt, Israel begehe einen Völkermord, während die Welt zusehe.

Am Parteitag der Schweizer Sozialdemokraten im vergangenen Oktober ging man gar noch einen Schritt weiter und sprach von einem neuen »Holocaust«, ruderte dann zurück und begnügte sich schließlich in der Resolution mit einem »Genozid«. Der Ton war damit aber schon gesetzt. Was sich im Gazastreifen abspielt, soll – irgendwie – mit dem zu tun haben, was sich vor 80 Jahren in Buchenwald, Auschwitz oder Treblinka zugetragen hat. So insinuiert es das ständige Sprechen vom »Genozid« – jenem Begriff, der 1946 im Prozess gegen Amon Göth geprägt wurde, dem Kommandanten des KZ Plaszow.

Israel hat Gaza nicht in ein Vernichtungslager verwandelt.

Natürlich spricht nichts dagegen, Dinge miteinander zu vergleichen. Wer aber einen Vergleich zieht, muss sich auch fragen lassen, auf welcher Grundlage er das tut – und mit welcher Absicht. Schon die Zahlen geben Anlass zum Zweifel. Fünf Millionen Menschen listet Yad Vashem namentlich und eine weitere Million ano­nym auf.

Sie wurden systematisch deportiert, in Gaskammern getrieben, erschossen, mussten sich zu Tode arbeiten. Mit dem erklärten Ziel, das jüdische Volk vollständig auszulöschen. Im Gaza-Krieg spricht die Hamas von mehr als 60.000 Toten, unter ihnen Tausende, die mit der Waffe in der Hand starben.

Aber belassen wir es nicht beim quantitativen Vergleich. Nach der UNO-Völkermordkonvention reicht schon ein einziger Toter, um den Tatbestand des Völkermords zu erfüllen – vorausgesetzt, er wurde mit der Absicht getötet, »eine nationale, ethnische, rassische oder religiöse Gruppe als solche ganz oder teilweise zu zerstören«.

Die juristische Definition für Völkermord ist weit gefasst, vielleicht zu weit

Die juristische Definition ist dabei weit gefasst, vielleicht zu weit. Sie erlaubt Vergleiche, die alles in denselben moralischen Ausnahmezustand rücken – auch dort, wo der zentrale Punkt fehlt: der Wille zur Auslöschung. Ob die Schauspielerin Wörner, der Regisseur Akin, die deutsche Linkspartei und die Schweizer SP diesen Vorsatz geprüft haben, bevor sie Israel einen Genozid vorwarfen? Fraglich.
Wahrscheinlicher ist, dass viele Palästinenser ihr Leben nicht verloren hätten, wäre es am 7. Oktober nicht zu jenem Angriff gekommen, der Israels Reaktion überhaupt erst provozierte. Was nicht bedeutet, Israel aus der Verantwortung zu entlassen. Gibt es Äußerungen israelischer Politiker, die auf Vernichtungswillen schließen lassen?

Ja. Finanzminister Bezalel Smotrich sprach davon, Dörfer »auslöschen« zu wollen. Ex-Verteidigungsminister Yoav Gallant nannte die Palästinenser »menschliche Tiere«. Verstörende Worte, die von Entmenschlichung zeugen. Aber belegen sie wirklich, dass der israelische Militäreinsatz auf Vernichtung abzielt?

Eher nicht. Denn sie stammen von einzelnen Ministern, nicht aus einer systematischen Regierungspolitik. Es gibt keine Deportationslisten, keine bürokratisch organisierte »Endlösung der Palästinenserfrage«. Israel hat Gaza nicht in ein Vernichtungslager verwandelt.

Was es gibt, ist ein Krieg mit zu vielen zivilen Opfern, mit blockierten Hilfskorridoren, vermutlich auch mit Kriegsverbrechen. Aber ein Krieg ist kein Genozid. Und einzelne Verbrechen sind keine systematische Vernichtung mit dem Ziel, ein Volk auszulöschen. Dieser Wille zur Auslöschung lässt sich an anderer Stelle übrigens mühelos nachweisen – bei der Hamas selbst. Er steht gleich in der Präambel ihrer Charta: »Israel wird bestehen und weiter bestehen, bis der Islam es auslöscht, so wie er andere zuvor ausgelöscht hat.« Der Vorwurf allerdings, dass die Hamas einen Genozid begangen habe, wurde von Europäern bislang nur selten erhoben. Warum eigentlich?

Wenn die Schoa für alles steht, steht sie für nichts mehr.

Zugegeben: eine rhetorische Frage. Denn hier geht es weniger um den konkreten Anlass als vielmehr um ein lange gewachsenes Verhältnis Europas zum Judentum – und damit auch zum jüdischen Staat. Dieses Verhältnis ist kein rein faktisches; es hat sich über Jahrhunderte aus Emotionen, Gerüchten und hartnäckigen Projektionen gebildet – und nicht zuletzt aus Gewalt.

Antisemitismus ist tief in unseren Gesellschaften verwurzelt

Denn wenn die vergangenen Jahrhunderte etwas bewiesen haben, dann dies: Antisemitismus ist tief in unseren Gesellschaften verwurzelt. Könige, Kaiser, Kanzler kamen und gingen, der Hass auf die Juden aber blieb. Und selbst wenn der Groll an einem Ort verschwand, tauchte er an anderer Stelle mit neuem Gesicht wieder auf. Man warf den Juden vor, Jesus ermordet zu haben, Brunnen vergiftet, ihr Brot mit Christenblut gebacken zu haben. Man schob ihnen den Sozialismus in die Schuhe und machte sie zugleich für die Schwächen des Kapitalismus verantwortlich. Mit dem Antisemitismus ist es wie mit einer Wagner-Oper: Die Melodien variieren, das Leitmotiv aber bleibt das gleiche.

Auschwitz hat daran nichts geändert. Nach dem Zivilisationsbruch verbarg sich der allzu offensichtliche Hass; die Relativierung des Holocaust schien ein paar Jahrzehnte lang vor allem ein Betätigungsfeld für reaktionäre Gestalten. Heute aber marschieren auf den »Genozid«-Demos Menschen aus der gesellschaftlichen Mitte Seite an Seite mit muslimischen Antisemiten. Denn selbst jene linken, urbanen Milieus, die sich auf besondere Sensibilität gegenüber Diskriminierung berufen, sind nicht vor dem schlechten Gewissen geschützt, das eine unvollständige Aufarbeitung hinterlassen hat.

Die Erinnerungskultur in Deutschland etwa war im Kern eine Selbsttherapie: Museen, Mahnmale, Schulprojekte – oft eher Mittel der Bewältigung als des Verstehens. Jedes neue Denkmal wirkt gelegentlich wie ein Ablass, jede Schweigeminute wie eine Absolution. Zumal das schlechte Gewissen gleich aus zwei Richtungen drückt.

Europa sucht bis heute nach moralischer Reinwaschung

Wie Amos Oz einmal festgestellt hat, sind beide Völker, das arabische und das jüdische, Opfer der europäischen Zerstörungswut geworden. »Europa hat die Araber kolonialisiert und ausgenutzt, die Juden wurden über Jahrhunderte von Europäern verfolgt und beinahe vernichtet.« Zwischen diesen beiden historischen Lasten sucht Europa bis heute nach moralischer Reinwaschung.

So verliert der große europäische Genozid an konkreter Bedeutung und wird zur universellen Mahnung gegen »Diskriminierung« und »Hass«. Das klingt edel, ist in Wahrheit aber Entkernung. Wenn die Schoa für alles steht, steht sie für nichts mehr. Und deshalb lässt sie sich instrumentalisieren: »Genozid« wird zum inflationären Schlagwort, »Holocaust« zur austauschbaren Chiffre.

In Deutschland, in Europa wurde für Juden die größte Gedenklandschaft der Welt entwickelt: für die toten Juden, um genau zu sein. Auf der Straße aber brüllen Demonstranten »Genozid«, wenn sich Juden verteidigen. Kurzum: Man ehrt die Opfer in der Vergangenheit – und diffamiert ihre Erben in der Gegenwart.

Der Autor ist Korrespondent der »Neuen Zürcher Zeitung«.

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