Fußball

Zwischen den Polen

Ballbeherrschung: Der 26-jährige Mittelfeldregisseur (M.) wäre beinahe polnischer Nationalspieler geworden. Foto: imago

Es war ein Brasilianer, der bei der vergangenen Europameisterschaft 2008 das einzige Tor für Polen schoss, beim 1:1 gegen Kroatien. Um ein Haar wäre es ein Israeli geworden, von dem sich die polnischen Fans in diesem Jahr noch wichtigere Treffer erhofft hätten. Doch während Roger Guerreiro aus São Paulo sich für die polnische Elf entschied, wählte Maor Melikson aus dem Ort Jawne, 30 Kilometer südlich von Tel Aviv, letztlich doch die israelische Nationalelf. Und steht, statt bei der EM in Polen und der Ukraine, am heutigen Donnerstag beim Testspiel der DFB-Elf gegen Israel in Leipzig auf dem Platz.

Bei Roger Guerreiro funktioniert es so: Erst im Trainingslager vor dem EM-Turnier 2008 hatte er seine Mitspieler in der Reprezentacja, wie in Polen die Nationalelf heißt, kennengelernt. Kurz zuvor war er eingebürgert worden. »Viele Spieler kannte ich ja bloß aus dem Fernsehen«, sagte Guerreiro damals, in Donaueschingen, wo er auf etliche Spieler traf, die bei ausländischen Klubs unter Vertrag stehen.

Mit 26 Jahren war er kurz zuvor zum Polen geworden. Dafür genügte, dass er seit etwas mehr als zwei Jahren in Polen lebte, in dieser Zeit bei Legia Warschau überzeugend das Mittelfeld belebte und der Reprezentacja eben dort die kreativen Impulse fehlten. Polnisch spricht er bis heute nicht. Inzwischen spielt Guerreiro bei AEK Athen, seine Karriere in der Reprezentacja ist zu Ende.

israel Aber viele polnische Fans erinnerten sich an seinen Fall, als Grzegorz Lato, der Präsident des polnischen Fußballverbandes, im Herbst vergangenen Jahres öffentlich um Maor Melikson buhlte. Erst acht Monate zuvor war der kreative Mittelfeldspieler aus der israelischen Abstiegsrunde, von Hapoel Beer Sheva, für angeblich 600.000 Euro an die Weichsel ge- wechselt: zum polnischen Spitzenklub Wisla Krakau. In seinen ersten 15 Spielen für Wisla erzielte er vier Tore, und hat seinen Marktwert inzwischen fast vervierfacht.

Dass ein jüdischer Israeli ausgerechnet bei Wisla Krakow anheuerte, war keine Selbstverständlichkeit. Und Melikson, den man vor den antisemitischen Wisla-Fans gewarnt hatte, musste sich das bald selbst anschauen. Als der Israeli drei Tage vor Ende der vergangenen Saison im Derby gegen KS Cracovia das entscheidende Meisterschaftstor für Wisla erzielte, passierte kurz später dies: Cracovia-Verteidiger Maciej Luczak wurde verletzt vom Platz getragen und musste sich »Do pieca!«-Rufe anhören, »in den Ofen!«

Schon seit Jahrzehnten wird Cracovia von Wisla-Anhängern als »Judenklub« beschimpft. »Eine Menge von Leuten hatte mich gewarnt«, hatte Melikson damals in einem Interview erzählt, man habe ihn mit Telefonanrufen förmlich bombardiert. »Die Leute sagten mir: Das ist der antisemitischste Klub in ganz Polen. Die hassen Juden. Es kann für einen Juden nicht gut sein, dort zu spielen.«

Doch Melikson hörte lieber auf die Wisla-Fans, die sich bei ihm meldeten, er solle sich nicht fürchten. »Sie sagten, dass sich ihr Hass gegen ihren Lokalrivalen, Cracovia, richtet und dass sie Juden nicht deswegen hassen, weil sie Juden sind.« Melikson blieb in der Tat von den Attacken verschont: Gerade, wenn es gegen KS Cracovia ging, erwies er sich als treffsicher. Im Frühjahr gelang ihm ein Traumtor nach einem Freistoß.

»Ich denke, es ist nur eine Frage der Zeit, bis Maor sich für die Reprezentacja entscheidet«, hatte Lato nach einem Gespräch mit dem Spieler gesagt. Und, so erklärte Lato in einer offiziellen Stellungnahme, Melikson habe ihm gegenüber seine Entscheidung für Polen zum Ausdruck gebracht. Demnach hätte der Berater des Spielers diesen Vorschlag an den Verband herangetragen. Der Berater wiederum sagte, dass es ein Assistent von Nationaltrainer Franciszek Smuda gewesen sei, der ihn auf das Thema Nationalmannschaftswechsel angesprochen habe.

wurzeln Tatsächlich war es längst beschlossene Strategie, dass der polnische Verband in ganz Europa systematisch nach Spielern sucht, die für die Reprezentacja infrage kommen – und polnische Wurzeln haben. So wie Maor Melikson, dessen Mutter als Kind von Polen nach Israel kam. Gleich nach seiner Ankunft in Krakau hatte Melikson zusätzlich die polnische Staatsbürgerschaft angenommen.

Mit Blick auf die EM im eigenen Land hatten Lato und Smuda bereits Spieler aus Frankreich (Ludovic Obraniak, Damian Perquis) und Deutschland (Sebastian Boehnisch, Eugen Polanski) überzeugt, mit dem weißen polnischen Adler auf der Brust zu spielen. Als Lato nun Melikson öffentlich in diesen Kreis hob, hatte dieser bereits zwei A-Länderspiele für Israel absolviert.

Doch das waren Freundschaftsspiele: Noch konnte er sich für Polen entscheiden. Nach einem Pflichtspiel ginge das gemäß den Statuten des Weltverbandes FIFA nicht mehr. Nun war Melikson in der Zwickmühle. Über ein halbes Jahr ließ er verstreichen, bis er überhaupt wieder bei einem Länderspiel auflief. Es war eine Hängepartie, aber Smuda war es gewohnt, dass Spieler zögerten, sich für die Reprezentacja zu entscheiden: »Wenn Melikson endgültig erklärt, dass er für uns spielen will, dann würde ich ihn auch gerne nehmen. Eugen Polanski war sich auch lange Zeit unsicher, aber dann hat er mich doch angerufen und sich entschieden«, sagte er über den in Deutschland aufgewachsenen Spieler von Mainz 05.

Aber der Fall Melikson hatte längst die ausschließlich polnischstämmigen und in Polen aufgewachsenen Spieler verärgert, die diesen Sporteinbürgerungen grundsätzlich ablehnend gegenüberstehen. »Es sollte niemand das Hemd mit unserem Adler auf der Brust tragen, der überhaupt kein Polnisch versteht«, sagte dazu Robert Lewandowki, Nationalstürmer von Borussia Dortmund, in erstaunlich klarer Sprache. »Ehrlich gesagt, bin ich schockiert. Maor hat ja noch vor Kurzem für Israel gespielt. Ich weiß nicht, worum es da geht, ich weiß nicht, ob bei ihm selbst die große Liebe zu unserer Mannschaft entstanden ist oder ob es ein Trick seines Managers war, dem der Spieler nun zum Opfer fällt.«

protest Lewandowski jedenfalls stellte klar, dass alle, die den weißen Adler auf der Brust tragen, eine Verbindung zu Polen ha-
ben und außerdem die Sprache des Landes beherrschen sollten. Im aktuellen Kader jedoch stünden mehr Spieler, die kein oder kaum Polnisch sprechen. Dass Melikson weiter die ihm fremde Sprache lernen muss, ist eher unwahrscheinlich. Längst wird er mit einigen Klubs im Ausland in Verbindung gebracht, etwa mit Celtic Glasgow.

Und er hat sich für Israel entschieden: Am vergangenen Samstag bestritt er seine dritte Partie: Israel verlor ein Testspiel mit 1:2 gegen Tschechien, aber Melikson hatte das einzige Tor seiner Mannschaft vorbereitet.

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