Israel-Bashing

Zweifelhafte Motive

Auf einer Anti-Israel-Demo 2014 Foto: Marco Limberg

Israel-Bashing

Zweifelhafte Motive

Einige Berliner Israelis hetzen gegen den jüdischen Staat. Andere sind davon zunehmend genervt

von Ralf Balke  07.08.2017 18:31 Uhr

Berlin im Mai 2017. Auf dem Richardplatz im Bezirk Neukölln versammeln sich rund 200 Personen zur Demonstration am alljährlichen Nakba-Tag, der an die »Katastrophe« – denn das bedeutet das arabische Wort auf Deutsch – der Staatsgründung Israels 1948 erinnern soll.

Doch wer glaubt, dass diese Kundgebung eine exklusiv arabische Veranstaltung ist, an der sich allenfalls einige deutsche Feinde Israels beteiligen, irrt gewaltig. Mit von der Partie ist eine ebenso kleine wie lautstarke Gruppe von Israelis, die als »Jews for the Palestinian Right of Return« firmiert. Mit den immer wieder gebrüllten Parolen, die auf eine Vernichtung Israels abzielen, haben sie ganz offensichtlich keine Probleme. Wohl aber mit dem jüdischen Staat, der für sie nur Apartheid, Rassismus und Kolonialismus verkörpert.

trolle Nun ließen sich derartige »Trolle«, wie sie kürzlich auf dem Portal »Queer.de« genannt wurden, weil sie mehrfach durch das massive Stören von schwul-lesbischen Straßenfesten aufgefallen sind, sobald sich dort ein Vertreter Israels angekündigt hatte, geflissentlich ignorieren, wenn da nicht deutsche Medien und Institutionen wären, die sich mit Begeisterung auf sie stürzten.

Allen voran das Israel-Büro der zur Partei Die Linke gehörenden Rosa-Luxemburg-Stiftung, die ihnen reichlich Platz widmet und ihre ganz persönlichen Leidensgeschichten präsentiert. »Ich habe mich entschieden, in Berlin zu leben, weil ich erkannt habe, dass ich, wenn ich in Israel bleibe, sterben werde«, erklärt darin eine Dana aus Tel Aviv.

Gerne inszenieren sie sich dabei reichlich geschichtsvergessen als Dissidenten. Oder behaupten, so wie Liad Kantorowicz, auf Veranstaltungen in Berlin, dass man aus politischen Gründen »aus Israel vertrieben« worden sei. Kantorowicz selbst bezeichnet sich als Künstlerin und packt, wie sie auf Facebook berichtet, auf dem Weg zu ihrer Performance »Terrorist Superstars« in der Berliner U-Bahn gerne einmal Brotmesser und Schere aus, um damit öffentlich herumzufuchteln, was für sie im Kontext »weißer Privilegien« stehen würde.

Eng verwoben sind diese antizionistischen Israelis ebenfalls mit der hiesigen Fraktion der »Boykott, Desinvestition und Sanktionen«-Bewegung, kurz BDS.

phänomen So weit, so irre. Nicht wenige Israelis, die ebenfalls in Berlin leben, sind mittlerweile reichlich genervt davon. »Die wissen ganz genau, mit welchen Israelhassern sie reden oder zusammenarbeiten«, ist etwa Eyal überzeugt.

Mit Blauäugigkeit oder einer Unkenntnis der hiesigen Verhältnisse habe das alles nichts zu tun. »Sie sprechen Antisemiten aus der Seele und bestätigen deren Ansichten«, meint der 40-jährige Medizintechniker aus Netanya, der seit fast 30 Jahren in Berlin lebt. »Früher hat es diese ultralinken Israelis hier nicht gegeben.« Das Phänomen ist also relativ neu.

»Innerhalb der israelischen Community sind diese radikalen Antizionisten nur eine verschwindend kleine Minderheit, obwohl die meisten Israelis in Berlin politisch überwiegend regierungskritisch und eher links eingestellt sind«, ergänzt Tomer Friedler. Er persönlich hat mit Kritik an Israel, wie wohl alle anderen, auch kein Problem, attestiert dieser Szene in Berlin aber ganz andere Motive.

vergleich »Sie sind sehr präsent und haben das Israel-Bashing als Methode entdeckt – um genau die Aufmerksamkeit zu bekommen, die sie in Tel Aviv oder Jerusalem nie hätten«, vermutet der 25-jährige Medienstudent aus Kiryat Bialik nördlich von Haifa. »Zudem scheinen sie darin eine Möglichkeit zu sehen, sich in die Gesellschaft zu integrieren, die den jüdischen Staat ohnehin negativ sieht.« Dissens wird von ihnen nicht geduldet. »Man wird dann ›Straßenratte‹ genannt und als ›zionistischer Faschist‹ diffamiert.«

Beileibe kein Einzelfall. »Ich habe mit Entsetzen feststellen müssen, dass in Berlin eine kleine, aber höchst schrille Gruppe von Israelis lebt, die es sich zur Aufgabe gemacht hat, Israel bei jeder Gelegenheit an den Pranger zu stellen«, wird Steven Blum, ein amerikanischer Jude, der drei Jahre in der deutschen Hauptstadt gelebt hat, im Tablet Magazine zitiert. Sogar den Vergleich mit Nazi-Deutschland würden sie legitim finden. Wer ihren Ansichten nicht zustimme, sei nur ein »islamophober Neokonservativer«.

Interview

»Mein Traum: eine Synagoge ohne Security«

Rabbiner Pinchas Goldschmidt über die Tagung der Europäischen Rabbinerkonferenz, Proteste im Iran und Israel

 04.02.2026

Margaritis Schinas

»Es gibt keine EU-Sanktionen gegen Israel«

Der ehemalige Vizepräsident der EU-Kommission ist zuversichtlich, dass das Verhältnis zwischen der Europäischen Union und Israel repariert werden kann

von Michael Thaidigsmann  04.02.2026

Australien

Ex-Uni-Mitarbeiterin wegen antisemitischer Tirade vor Gericht

»Ihr seid verdammte, schmutzige Zionisten« soll Rose Nakad jüdischen Studenten zugerufen haben

 04.02.2026

Australien

Poster mit Konterfei des Bondi-Beach-Attentäters aufgetaucht

Die Plakate seien »tief beleidigend« und eine Missachtung der Kunst, sagt Melbournes Bürgermeister Nicholas Reece

 04.02.2026

Israel

Die halbe Wahrheit

Deutschlands Medien und der Gaza-Krieg: Wie aus ungeprüften Zahlen der Terrororganisation Hamas plötzlich Gewissheiten werden – ganz ohne kritische Einordnungen

von Philipp Peyman Engel  04.02.2026

Berlin

Ahmed Abed weist Antisemitismus-Vorwürfe zurück

Der Kandidat der Linken für das Amt des Bezirksbürgermeisters von Neukölln nennt angebliche Menschenrechtsverletzungen durch Israel in Gaza und sagt, es sei legitim, diese anzusprechen

 04.02.2026

Dresden

Im Landtag: AfD-Abgeordneter festgesetzt

Polizeibeamte führten den Abgeordneten Jörg Dornau aus dem Plenarsaal und befragten ihn

 04.02.2026

Jerusalem

Machado wirbt für Neustart der Beziehungen zwischen Venezuela und Israel

Das Gespräch der venezolanischen Oppositionsführerin mit Außenminister Gideon Sa’ar steht im Zeichen eines möglichen politischen Neuanfangs in ihrem Land

 04.02.2026

Düsseldorf

Antisemitismus an Hochschulen: Forscher fordert mehr Aufklärung

Der Leiter der Zentralen Beratungsstelle zu Antisemitismus an Hochschulen in NRW fordert außerdem, Studentenvertretungen Mittel zu entziehen, wenn sie antisemitische Inhalte verbreiten

 04.02.2026