Meinung

Zurück in die Zukunft?

Foto: imago

Deutschland hat sich in den vergangenen Jahren verändert. Der Krieg in und um Syrien hat viel dazu beigetragen. Auf einmal pilgerten radikalisierte deutsche Muslime, oftmals Konvertiten, nach Syrien, um dort im Namen des radikalen Islam Menschen zu ermorden; zugleich erreichten Hunderttausende Syrer, größtenteils Männer im »Kampfalter«, Deutschlands Innenstädte.

Deutschland und seine uneingeschränkte Willkommenspolitik war in den Augen vieler Deutschen ab einem gewissen Zeitpunkt nicht mehr nachvollziehbar. Frühestens, als in der Kölner Sylvesternacht 2015 mehr als 1000 Strafanzeigen gestellt wurden, größtenteils wegen sexueller Übergriffe von Migranten, und spätestens, als der islamistische Terror am 19. Dezember 2016 auf dem Weihnachtsmarkt am Berliner Breitscheidplatz zuschlug, hätte die deutsche Politik die berechtigten Ängste vieler Deutscher thematisieren müssen.

SCHWEIGEN Das war aber leider nicht der Fall. Die Ängste wurden weitgehend relativiert. Die Vorfälle wurden als »Randerscheinung« und als »Ausnahmezwischenfall« zu den Akten gelegt. Während Menschen Angst vor der neuen Realität auf der Straße hatten, schwieg die Politik.

Wenn sie könnte, würde die AfD Deutschland »zurück in die Zukunft« führen.

Nicht wenige Deutsche fühlten sich plötzlich nicht mehr als Herr der Lage. Es entwickelte sich ein Gefühl der Angst – Angst um die eigene Sicherheit, Angst um die eigenen Werte, Angst um Deutschland.

Mit der Angst kamen die Rechtspopulisten und die knallharten Nazis, in Camouflage, aus den Löchern gekrochen. Sie waren es, die die Stimme erhoben, und sie stießen auf Gehör, denn sie füllten das Vakuum, das ängstliche und zögerliche Politiker der Volksparteien hinterlassen hatten. Es war die Stunde der AfD.

ISRAEL Hunderte Deutsche schrieben mich in den Jahren 2015 und 2016 über Facebook an. Sie offenbarten mir ihre Ängste und fragten mich nach meiner Meinung bezüglich der AfD, »die zwar rechts ist«, aber kein Problem mit den Juden und Israel hätte, sondern »›nur‹ mit dem Islamismus und mit unkontrollierter Masseneinwanderung aggressiver muslimischer Männer«.

Ich setzte meinen Lesern ein Ultimatum: entweder ich oder die AfD. Beides geht nicht.

Ich gebe zu, dass es mir anfangs ziemlich schwerfiel, darauf eine Antwort zu formulieren, denn ich wollte mich weder in den internen politischen Diskurs in Deutschland einmischen noch vermochte ich, die AFD richtig einzuschätzen. Aufgrund meiner eigenen Jugendjahre in Berlin konnte ich die Ängste der Menschen zwar sehr gut nachvollziehen. Jedoch regte sich ganz entschieden der Jude und Demokrat in mir: Unter gar keinen Umständen sei eine deutsche Rechtsaußen-Partei als legitim zu betrachten.

»SCHANDE« Spätestens, oder genauer: allerspätestens, als Björn Höcke von der AfD Anfang 2017 sagte: »Wir Deutschen, also unser Volk, sind das einzige Volk der Welt, das sich ein Denkmal der Schande in das Herz seiner Hauptstadt gepflanzt hat« schrillten bei mir die Alarmglocken. Zum ersten Mal setzte ich meine 17.000 Follower vor eine Art Ultimatum, sich entweder für mich und meine Seite oder für Höcke zu entscheiden, woraufhin ich um 50 Follower »leichter« wurde.

Wieder ein wenig konservativer und mutiger werden – für mich das Erfolgsrezept gegen die Rechtspopulisten.

Viele Deutsche versuchten daraufhin, mir Höcke und die AfD zu erklären und näherzubringen – ein aussichtsloses Unterfangen. Als dann Alexander Gauland im Juni 2018 verkündete: »Hitler und die Nazis sind nur ein Vogelschiss in über 1000 Jahren erfolgreicher deutscher Geschichte«, wurde mir einmal mehr klar, dass diese Partei nicht wählbar ist.

Ich gehe davon aus, dass die AfD auch einige konservative Deutsche in ihren Reihen hat, die enttäuscht sind von der etablierten Politik. Ich verurteile sie nicht. Wahr ist aber auch, dass die AfD von Deutschen angeführt wird, die die eigene Vergangenheit relativieren und neu schreiben wollen. Diese Partei ist für mich der »Wolf im Schafspelz«, der Deutschland, wenn er nur könnte, »zurück in die Zukunft« führen würde.

Für die Integrität und Zukunft Deutschlands hoffe ich, dass die ehemalige konservative CDU wieder ein wenig konservativer und mutiger wird – und auch andere Parteien, die in den vergangenen Jahren Mitglieder und Wähler an die AfD verloren haben, es schaffen, sie wieder für sich zu gewinnen.

Arye Sharuz Shalicar ist ein deutsch-iranisch-israelischer Politologe, Publizist und Autor (»Der Neu-Deutsche Antisemit«).

Medien

Unabhängige Prüfung der Nahost-Berichterstattung der Deutschen Welle gefordert

Nach Ansicht des Verbandes Jüdischer Journalistinnen und Journalisten (JJJ) gibt es insbesondere bei den Social-Media-Angeboten des Auslandssenders wiederholt journalistisch problematische Darstellungen

 02.09.2026

London

Antisemitischer Angriff auf jüdische Schüler: Frau erhält Bewährungsstrafe

Die Verurteilte hatte vor einer jüdischen Schule in Stamford Hill Kinder und eine Mutter antisemitisch beschimpft und anschließend den Vater eines Schülers angegriffen

 02.09.2026

Washington

USA beschlagnahmen Kryptowährungen und Online-Infrastruktur von Hamas

Die US-Behörden gehen weiter gegen die digitale Finanzierung der palästinensischen Terrororganisation vor

 02.09.2026

Tino Chrupalla, Bundesvorsitzender der AfD, spricht bei dem Wahlkampfauftritt in Grimmen (Mecklenburg-Vorpommern), 28. August

Berlin/Heidelberg

Verdacht der Volksverhetzung: Dachorganisation der Sinti und Roma zeigt Tino Chrupalla an

Es geht um eine Äußerung des AfD-Chefs bei einer Wahlkampfveranstaltung in Mecklenburg-Vorpommern

 02.09.2026

Verteidigung

Deutsche Marine testet erfolgreich israelisches Raketensystem

Nun sollen Pläne für eine Beschaffung der Waffen mit einer Reichweite von mehr als 500 Kilometern vorangebracht werden

von Carsten Hoffmann  02.09.2026

Nahost

USA greifen erneut Ziele im Iran an – Trump droht mit noch härteren Schlägen

Das US-Zentralkommando erklärte, Luftabwehrstellungen, Radaranlagen, maritime Einrichtungen, Kommunikationssysteme sowie Anlagen und Fähigkeiten zum Verlegen von Seeminen seien getroffen worden. Der Iran startete derweil Angriffe in Jordanien und Bahrain

 02.09.2026

Marschflugkörper mit Staustrahlantrieb

Russland hilft Iran heimlich bei Entwicklung von Überschallraketen

Experten zufolge würde eine solche Waffe eine Gefahr für Landziele und Schiffe darstellen – darunter auch Flugzeugträger

 02.09.2026

Justiz

Meinungsfreiheit ist kein Freibrief: Zur Leugnung des Existenzrechts Israels

Eine Klarstellung von Nathan Gelbart

von Nathan Gelbart  01.09.2026

Kommentar

Intifada-Party bei der Linken

Für Elif Eralp, die Spitzenkandidatin der Linken bei der Berliner Abgeordnetenhauswahl, kommt der jüngste Antisemitismus-Skandal ihrer Partei zur Unzeit. Doch ihre Empörung ist unglaubwürdig

von Ralf Balke  01.09.2026