Analyse

Kann man hier noch leben?

Arye Sharuz Shalicar zieht ein ernüchterndes Fazit zur Lage der Juden in Deutschland

von Chaim Noll  08.10.2018 19:57 Uhr

Mit Kippa durch Berlin-Wedding oder Neukölln? Keine gute Idee, weiß Shalicar aus eigener Erfahrung zu berichten. Foto: dpa

Arye Sharuz Shalicar zieht ein ernüchterndes Fazit zur Lage der Juden in Deutschland

von Chaim Noll  08.10.2018 19:57 Uhr

Arye Sharuz Shalicar ist sozusagen qua Geburt Spezialist für den neuen deutschen Antisemitismus: Er ist mit ihm aufgewachsen. Als Kind persischer Juden, die nach Deutschland emigrierten, besuchte er Berliner Schulen, in denen Jugendliche »mit Migrationshintergrund« den Ton angeben. Was das bedeutet, erfuhr Shalicar schon in den 90er‐Jahren, gut zwei Jahrzehnte, bevor es in Deutschland als Problem erkannt wurde.

Er hat die Bedrohungen und Übergriffe, denen er als jüdischer Schüler eines Gymnasiums in Berlin‐Wedding ausgesetzt war, in seinem ersten Buch Ein nasser Hund ist besser als ein trockener Jude in beklemmender Ausführlichkeit geschildert. Ihm blieb nichts anderes übrig, als Protektion bei einem kurdischen Clan zu suchen, in dessen kriminelle Aktivitäten er involviert wurde.

Der Weg ins »Milieu« schien vorgezeichnet. Doch Shalicar ging nach Israel, studierte an der Hebräischen Universität Jerusalem, wurde wegen seiner Sprachkenntnisse Pressesprecher der israelischen Armee im Rang eines Majors und arbeitet heute in einer Regierungsbehörde.

Direktheit Seit seiner Kindheit kennt Shalicar die Welt muslimischer Jugendbanden von innen. Er hat einzigartige Einblicke in die Mentalität arabischer und türkischer Jugendlicher in Deutschland gewonnen, insbesondere in ihren religiös‐kulturell geprägten Judenhass. Als israelischer Presseoffizier lernte er später die ebenso unbeirrbare Israelfeindlichkeit deutscher Medienleute kennen, etwa von Absolventen der berühmten Henri‐Nannen‐Schule in Hamburg, die er als antiisraelische Propagandaschmiede schildert.

Nach einem Treffen mit ihnen fragt er sich, »wo wir denn nur drei Generationen nach dem Holocaust hingekommen seien, dass ein Vertreter einer jüdischen Sicherheitsorganisation, und das auch noch in Jerusalem, dermaßen von Deutschen attackiert wird. Ich spürte ihren Hass mir und allem gegenüber, was ich vertrete.«

Die Direktheit seiner Aussagen ist das Überzeugende an Shalicars Buch. Wo andere politisch korrekt um Probleme herumreden, scheut er nicht das klare Wort. Seine Facebook‐Seite hat ihn darin geübt, mit »mittlerweile 17.000 Followern« im Dialog zu stehen, darunter »Biodeutsche und Deutsche mit Migrationshintergrund, Israelis, die Deutsch sprechen, und Deutsche, die Hebräisch sprechen, Politiker, Polizisten und Lehrer, jung und alt, religiös und säkular, links und rechts«, wie Shalicar betont.

Drohungen Er zitiert sie ausgiebig in seinem Buch. Sie bilden eine weitere Quelle seiner präzisen Kenntnis heutiger deutscher Probleme mit Israel und den Juden. Über Jahre wurde er mit Beschimpfungen und Drohungen überschüttet, doch ihn erreichen auch die vergleichsweise wenigen positiven Stimmen. »Der deutsche Antisemitismus hat sich langsam und schleichend über die Jahre wieder seinen Platz in der Öffentlichkeit erobert«, schrieb ihm Benedikt, ein junger Deutscher, den diese Entwicklung offenbar bedrückt.

Die große Gefahr sieht Shalicar darin, dass der Judenhass heute aus allen Richtungen kommt. Aus authentischen Einblicken skizziert er ein Tableau der gegenwärtigen judenfeindlichen Strömungen in Deutschland. Erstens: »aggressiver muslimischer Judenhass«, zweitens: »deutsche Leitmedien«, drittens: »intellektueller linksradikaler Israelhass«, viertens: »rechtsradikaler Antisemitismus«, fünftens: »christlicher Antisemitismus«, sechstens: »Selbsthass als Beruf – die Alibi‐Juden«. Shalicar kommt zu dem traurigen Ergebnis, »dass Deutschland auf dem besten Wege ist, für Juden in vielen Gegenden schlicht und einfach unbewohnbar zu werden«.

Auch die deutschen Medien verfolgt er aufmerksam, deren Inkompetenz und Voreingenommenheit in der Nahostberichterstattung er als israelischer Pressesprecher aus der tagtäglichen Zusammenarbeit kennt: »Ich bin zu der Erkenntnis gekommen, dass die oftmals sehr einseitige Medienberichterstattung über Israel und den ›Nahostkonflikt‹ Antisemitismus auf deutschen Straßen fördert, und ich wage zu behaupten: sogar legitimiert.«

Stimmung Auch über die generell sich verschlechternde Sicherheitslage in Deutschland ist Shalicar im Bilde: »Gespräche mit Vertretern deutscher Sicherheitsbehörden bereichern mich enorm. Über ihre Ausführungen erhalte ich meiner Meinung nach das präziseste Bild Deutschlands und seiner heutigen Gesellschaft (…). Nicht wenig Frust herrscht unter ihnen bezüglich der Politik, die sie ›im Stich lässt‹ in ihrem täglichen Kampf gegen kriminelle arabische Großfamilien, Drogenkartelle und radikale Islamisten.«

Beides zusammen, eine von Medien erzeugte antiisraelische, in ihren Konsequenzen judenfeindliche öffentliche Stimmung und die degradierende öffentliche Sicherheit, erzeugen jene neue Lebensunsicherheit der deutschen Juden, die zwar von den Politikern beklagt, aber nicht wirksam bekämpft wird. Die Folge daraus sei, so Shalicar, »dass Juden (…) sich generell die Frage stellen, ob sie überhaupt zu Deutschland gehören«.

Shalicar belässt es nicht bei der Darstellung der Misere (die in dieser Gründlichkeit allein schon verdienstvoll wäre), sondern offeriert Vorschläge zur Lösung des Problems. »Ein erster wichtiger und richtiger Schritt wäre es, die Art und Weise, in der Israel im Nahen Osten dargestellt wird, zu überarbeiten«, so Shalicar. Ihm ist nicht entgangen, dass die verzerrte Darstellung Israels bereits in deutschen Schulbüchern beginnt.

Bildung Die Schulbücher vermitteln, wie er feststellt, veraltete, realitätsferne Muster der Situation. Wie das gesamte Bildungssystem, sind sie der neuen Wirklichkeit nicht gewachsen, dem starken Druck durch islamische Deutungsmuster, vertreten von der wachsenden Zahl muslimischer Schüler an deutschen Schulen: »Die wichtigste Strukturänderung muss im Erziehungswesen stattfinden. Sowohl in den Schulbüchern der Oberschulen als auch im Umgang von Lehrern mit Jugendlichen mit muslimischem Migrationshintergrund, die teilweise enorm judenfeindlich eingestellt sind und einen großen Einfluss auf andere nicht‐muslimische Jugendliche haben.«

Hier, in der Beeinflussung der deutschen Jugend durch untaugliche Schulbücher und voreingenommene Medien, erkennt Shalicar den Kern des Problems. Entsprechend drastisch fallen seine Vorschläge aus: »Das Wort ›Israelkritik‹ gehört aus dem Duden gestrichen. Antisemitische Hasskundgebungen, wie der Al‐Quds‐Marsch durch Berlin, sollten verboten werden.

Jugendliche, die ›Jude‹ als Schimpfwort benutzen, müssen aufgeklärt werden. Menschen, die Juden in Deutschland aufgrund der Tatsache, dass sie Juden sind, angreifen, gehören in die Nervenanstalt oder hinter Gitter. Zuwanderer ohne deutschen Pass, die Juden attackieren (…), gehören des Landes verwiesen. Antisemitische Verschwörungsmusiker haben keine Preise verdient (…). Lehrer, die ihre Schüler nicht aktiv gegen Antisemitismus und Israelhass aufklären, sollten den Job wechseln.«

Arye Sharuz Shalicar schrieb dieses Buch auch aus Sorge um das Land, in dem er aufgewachsen ist. Er meint, es wäre ein böses Omen für Deutschland, wenn dort eines Tages keine Juden mehr leben könnten.

Arye Sharuz Shalicar: »Der neu‐deutsche Antisemit. Gehören Juden heute zu Deutschland? Eine persönliche Analyse«. Hentrich und Hentrich, Leipzig 2018, 164 S., 16,90 €

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