USA

Zeitenwende

Der Campus kann für jüdische Studenten gefährlich sein: »propalästinensische« Kundgebung an der Pennsylvania State University Foto: picture alliance / ZUMAPRESS.com

Zwei Videoclips aus den vergangenen Wochen bleiben im Gedächtnis. Der erste zeigt Studenten der Cooper Union in New York. Sie befinden sich in einem abgeschlossenen Raum, vor ihnen eine große Tür. Einer von ihnen trägt eine Kippa. Hinter der Tür hört man Rufe, Sprechchöre, hin und wieder scheint jemand sich mit vollem Körpergewicht gegen die Tür zu werfen. Der Lärm ebbt nicht ab, es gibt keinen Ausweg.

Der zweite Videoclip zeigt die Präsidentinnen von Harvard, der University of Pennsylvania und des Massachusetts Institute of Technology vor dem amerikanischen Kongress. Die drei Frauen werden gefragt, ob sie es als Schikane und Drangsalierung ansehen würden, wenn an ihren Universitäten zum Völkermord an den Juden aufgerufen werde. Die drei winden sich. Sie reden von »Kontext« und sagen, es komme darauf an, ob sich der Aufruf gegen die Juden als Gruppe oder einzelne Individuen richte. Sie sind völlig unfähig, die Frage mit einem einfachen Ja zu beantworten.

Antisemitischer Mob und Autoritäten

Wahrscheinlich bleiben diese beiden Videos deshalb im Gedächtnis, weil sie sozusagen jüdische Ursituationen vorführen. Das erste verweist auf den antisemitischen Mob, der draußen tobt. Die Juden können nur beten, dass die Tür standhält. Das zweite zeigt Autoritäten, die Juden eigentlich schützen müssten, sie aber im entscheidenden Moment verraten und dem Mob ausliefern.

Die vergangenen Wochen waren für Juden erschreckend. In Harvard, Stanford und an anderen amerikanischen Elite-Unis fanden riesige Pro-Hamas-Demonstratio­nen statt. Juden wurden niedergebrüllt, bedroht, bespuckt und angerempelt.

Überrascht hätte sich davon niemand fühlen dürfen. Schon vor knapp zehn Jahren veranstaltete der konservative Filmemacher Ami Horowitz ein Experiment, in dem er sich mitten auf den Universitätscampus in Berkeley stellte und die schwarze Flagge des »Islamischen Staates« schwenkte. Höfliches Desinteresse, hin und wieder freundliche Zurufe.

Für junge amerikanische Juden bricht gerade eine Welt zusammen.

Dann probierte Horowitz dasselbe mit der israelischen Flagge. Das Resultat: blanke Wut. Die Erzählung, dass Israel ein kolonialer Siedlerstaat sei, der im Nahen Osten nichts verloren habe und tagtäglich die Palästinenser ausrotte, gilt heute vielen nichtjüdischen amerikanischen Studenten als ebenso evident wie der zweite Hauptsatz der Thermodynamik.

Viele jüdische Studenten in Amerika machen heute eine Erfahrung, die eigentlich jede jüdische Generation vor ihnen machen musste: Man demonstriert gemeinsam mit Nichtjuden für das Wahre, Progressive und Schöne und steht dann, wenn man selbst Solidarität braucht, plötzlich sehr allein da.

Überwältigende Mehrheit der amerikanischen Juden ist politisch linksliberal

Dabei ist die überwältigende Mehrheit der amerikanischen Juden politisch linksliberal. 2020 haben 68 Prozent von ihnen Joe Biden gewählt. Die meisten jüdischen Studenten in Amerika haben die Black-Lives-Matter-Bewegung unterstützt. Ferner gab es eine Entfremdung von Israel, dessen rechtsradikale Regierung so ziemlich allem widerspricht, was junge amerikanische Juden für gut und richtig halten.

Darum bricht für sie gerade eine Welt zusammen. Jüdische Studenten dachten, sie seien Teil einer progressiven Koalition und müssten sich für Israel nicht sonderlich interessieren. Jetzt stellt sich heraus: Es war alles falsch. Freundschaften zerbrechen, Illusionen stürzen ein. Gibt es in all dem Elend auch gute Nachrichten? Aber ja doch. Und sie lassen hoffen.

Da ist zum einen die Tatsache, dass es sich bei Elite-Universitäten um private Institutionen handelt, die auf Spender angewiesen sind. Zu diesen gehören selbstverständlich auch Juden. Viele von ihnen haben aber nicht die geringste Lust, den Einrichtungen, in denen blanker Judenhass gepredigt wird, Gelder zu geben. Von den drei Universitätspräsidentinnen, die vor dem Kongress ausgesagt haben, ist eine schon nicht mehr im Amt. Der Stuhl der zweiten Präsidentin wackelt bereits bedenklich. Recht so.

Zum anderen wurden viele jüdische Studenten durch die Vorfälle daran erinnert, dass sie Juden sind und Blasiertheit gegenüber Israel sich nicht auszahlt. Mit ein bisschen Glück werden sie vielleicht herausfinden, dass die Parteinahme für Israel sich hervorragend mit einer fortschrittlichen Weltsicht vereinbaren lässt und das Land mehr ist als Netanjahu, Smotrich und Ben-Gvir. Die radikalen Siedler im Westjordanland sind keinesfalls mit der israelischen Zivilgesellschaft identisch. Man kann sogar gleichzeitig für Israel und propalästinensisch sein!

Slogan »From the river to the sea«

Und da ist noch der Slogan »From the river to the sea«, der an amerikanischen Elite-Unis in den vergangenen Wochen häufig gebrüllt wurde. Ein Meinungsforschungsinstitut hakte dieser Tage nach. Das Ergebnis: 47 Prozent der Befragten hatten keinen blassen Schimmer davon, welcher »river« und welche »sea« denn da eigentlich gemeint waren. Sie hatten noch nie eine Landkarte des Nahen Ostens gesehen und wussten nichts von Jordan und Mittelmeer.

Sobald man sie ihnen zeigte und ihnen klar wurde, dass sie mit diesem Slogan für die Vernichtung Israels geworben hatten, fanden sie den Satz auf einmal gar nicht mehr so gut. Vielleicht findet sich hier bereits ein Lösungsansatz, und zwar verpflichtende Geografie-Tests für alle Studienanfänger an Elite-Unis.

Der Autor ist Journalist und lebt in New York.

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