Gesellschaft

Wut im Winter

Trommeln gegen die Corona-Maßnahmen der Bundesregierung: Demonstration am Freitag vergangener Woche in Berlin Foto: picture alliance/dpa

Als 2014 die rassistischen und rechtsextremen »Patriotischen Europäer gegen die Islamisierung des Abendlandes« entstanden, nachdem aufgrund der katas­trophalen Lage in Syrien viele Menschen flüchten mussten, ging es in der öffentlichen Debatte wieder einmal um angebliche Ängste der Mehrheitsgesellschaft. Währenddessen brannten Unterkünfte von Geflüchteten und wurden Menschen rassistisch attackiert.

Viel wurde darüber diskutiert, ob es sich um »besorgte Bürger« handeln würde, die einfach Angst vor einer angeblichen »Überfremdung« hätten. Nun, Jahre später, ist es hoffentlich gesellschaftlicher Konsens, dass es weniger um Unsicherheiten und Sorgen als um eine rechtsextreme Mobilisierung ging, die sich gegen die Menschen richtete, die als Feindbilder ausgemacht wurden.

dynamik Bei den sogenannten Corona-Protesten sieht man eine ähnliche Dynamik. Ich werde sehr oft gefragt, wie man mit »denen« denn noch reden kann, und bedeutend weniger, wie man den Antisemitismus, die Hetze gegen medizinisches Personal, die Angriffe auf die Presse oder die Morde aus diesem Milieu verhindern kann.

In der gesellschaftlichen Debatte wird wieder einmal wegerklärt, vorbeigeschaut oder ignoriert.

In der gesellschaftlichen Debatte wird wieder einmal wegerklärt, vorbeigeschaut oder ignoriert, anstatt sich mit den Konsequenzen dieser rechtsextremen Mobilmachung zu befassen. In ein paar Jahren, wenn wir die Pandemie hinter uns gebracht haben, wird man dann vermutlich irgendwann so weit sein, die Gefahren dieser Proteste zu benennen. Wieder einmal viel zu spät.

Rechtsextreme und Verschwörungsideologinnen und -ideologen stehen aber schon in den Startlöchern für die nächsten Monate. Die fragile gegenwärtige Lage, die Unsicherheiten, ob man im Winter im Kalten sitzt, weil es kein Gas mehr gibt oder man es sich nicht mehr leisten kann, all das sind Themen, die das rechtsextreme und verschwörungsideologische Milieu für sich zu nutzen weiß. In einschlägigen Gruppen und Kanälen auf Telegram sieht man das »Große Erwachen« und einen »Sturm aufziehen, der die Grundmauern des Systems erschüttern« würde. Dem Untergang wird entgegengefiebert, mit dem Wunsch, liberale Demokratien in autoritäre Systeme zu verwandeln.

propagandisten Pro-russische Propagandisten und staatliche Desinformationsverbreiter nutzen diese Krisen aus, um die gesellschaftliche Lage einmal mehr zu verschärfen. Demokratische Gesellschaften sollen destabilisiert und gleichzeitig die Solidarität mit der Ukraine untergraben werden. Der russische Angriffskrieg auf die Ukraine ist in den vergangenen Monaten ohnehin schon immer mehr in den Hintergrund geraten. Auch wenn die Solidarität bei einem Großteil der Menschen immer noch hoch ist: Wenn man sich Umfragen anschaut, sieht man doch immer mehr eine Verschiebung.

Es dürfen nicht wieder demokratische Leerstellen entstehen.

Ob es in den nächsten Monaten oder gar Jahren zu einer großen, rechtsextrem geprägten Mobilisierung kommt, hängt auch davon ab, wie Politik und Gesellschaft mit der gegenwärtigen Lage umgehen. Dazu gehört auch, dass man Gefahren als solche klar benennt. Wenn die Menschenverachtung antidemokratischer Akteurinnen und Akteure wieder ignoriert wird, können sich solche Protestdynamiken fast ungestört entfalten.

Gleichzeitig dürfen nicht wieder demokratische Leerstellen wie in der Pandemie entstehen. Während in Sachsen zeitweise nur zehn Menschen gleichzeitig demonstrieren durften, nutzten die »Freien Sachsen« den Moment und etablierten mit den »Spaziergängen« ein Format, das leider in ganz Deutschland über Monate funktioniert.

grundpfeiler Solidarität und soziale Gerechtigkeit sind die Grundpfeiler, um Krisen gut zu bewältigen. Proteste können ein wichtiges Korrektiv darstellen, wenn politisch nicht genug getan wird, um Menschen in der Krise zu unterstützen. Proteste sind Grundpfeiler einer demokratischen Gesellschaft.

Zum Problem werden Proteste dann, wenn sie antidemokratischen Akteurinnen und Akteuren eine Plattform bieten oder von Rechtsextremen initiiert werden.

Zum Problem werden sie dann, wenn sie antidemokratischen Akteurinnen und Akteuren eine Plattform bieten oder von Rechtsextremen initiiert werden. Wenn über sie Antisemitismus und geschichtsrevisionistische Positionen verbreitet werden. Wenn Journalistinnen und Journalisten attackiert und bedroht werden.

antisemitismus Josef Schuster, der Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, warnte im Kontext von verschwörungsideologischen und rechtsextremen Protesten vor einem Anstieg von Antisemitismus. In Krisenzeiten werden Schuldige gesucht, die für die Lage verantwortlich gemacht werden. Verschwörungserzählungen ebnen dann schnell den Weg in antisemitische Weltbilder. Im verschwörungsideologischen Milieu wird die Gasumlage oder die Energiekrise insgesamt bereits jetzt als angeblich geheimer Plan der »Globalisten« (Stichwort: Great Reset) dargestellt.

Je mehr sich die Lage verschärft, desto wahrscheinlicher ist es leider auch, dass Menschen aus diesem Milieu heraus bedroht und attackiert werden.
Es sollte bereits jetzt alles darangesetzt werden, dass diese Zeit nicht zum Mobilisierungserfolg für Rechtsextreme wird. Die nächsten Monate werden schwierig genug. Da braucht es nicht noch zusätzlich eine Erstarkung von rechtsextremen Kräften, die an Lösungen kein Interesse haben.

Die Autorin ist Sozialpsychologin und forscht zu den Themen Antisemitismus, Verschwörungsideologien und Fake News.

Replik

Ein starkes Kurdistan kann Israels Partner werden

In der aktuellen Ausgabe der Jüdischen Allgemeinen äußert sich die Expertin Ofra Bengio skeptisch zur Chance eines kurdisch-israelischen Bündnisses in Nahost. Eine Replik des Bundesvorsitzenden der Kurdischen Gemeinde Deutschland

von Ali Ertan Toprak  07.02.2026

Libanon

Kreise: Hochrangiger Hisbollah-Funktionär tritt zurück

Die Hisbollah im Libanon steht unter Druck: Sie soll sich entmilitarisieren. Nun tritt ein prominenter Funktionär zurück

 07.02.2026

Nahost

Trump: Anfang nächster Woche wieder Gespräche mit Iran

Nach den wiederaufgenommenen Verhandlungen mit dem Iran erhöht der US-Präsident mit einer Zoll-Drohung den Druck auf Teheran. Kurz darauf erzählt er, wie die Gespräche aus seiner Sicht liefen

 07.02.2026

Protest

Tausende demonstrieren in Berlin für Freiheit im Iran

Sie wollen den Menschen im Iran eine Stimme verleihen. Zahlreiche Organisationen und politische Persönlichkeiten versammeln sich am Brandenburger Tor. Etliche bangen um Angehörige in der Heimat

 07.02.2026 Aktualisiert

Extremismus

AfD: Björn Höcke zitiert abermals Nazi-Parole

Der AfD-Politiker Höcke ist wegen einer verbotenen Nazi-Parole bereits verurteilt worden. Jetzt prüft die Polizei einen neuen Vorfall. Doch Abgeordnete stehen unter besonderem Schutz

 06.02.2026

München

Jüdische Gemeinde erhält Drohbrief mit Patrone

Der Staatsschutz der bayerischen Polizei ermittelt

von Imanuel Marcus  06.02.2026

Berlin/Gießen

Nach Rede im Hitler-Stil: AfD will Mitglied rauswerfen

Mit seiner Rede, die an Adolf Hitler erinnerte, sorgte Alexander Eichwald beim AfD-Jugendkongress für Aufregung. Jetzt droht ihm der Parteiausschluss

 06.02.2026

Berlin

Julia Klöckner reist nach Israel

Die Bundestagspräsidentin will sich mit Regierungs- und Oppositionsvertretern austauschen, nach Yad Vashem und zum Nova-Festival-Memorial fahren

 06.02.2026

Kommentar

Strafanzeige als PR-Gag?

Laut und verwegen ist der Genozid-Vorwurf einer Schweizer Gruppierung gegen den Schweizer Bundesrat Ignazio Cassis. Mit einer Rechtsdebatte hat es aber nichts zu tun

von Nicole Dreyfus  06.02.2026