Klima

Wunderbare Welt

Frisches Grün: Die natürliche Welt ist Teil des Göttlichen. Foto: dpa

Dieser Montag ist der 15. Tag des Monats Schwat (Tu Bischwat), ein Tag im jüdischen Kalender, der der Feier der Bäume gewidmet ist.

Obwohl Tu Bischwat bereits von unseren Weisen erwähnt wird, ist der Feiertag, wie wir ihn heute kennen, die Schöpfung von Kabbalisten des 17. und 18. Jahrhunderts sowie von Zionisten im frühen und jüdischen Umweltschützern im späten 20. Jahrhundert.

Landwirtschaft Die Israeliten und sogar die ersten Generationen von Rabbinern lebten in einer landwirtschaftlich geprägten Welt in ihrem eigenen, geliebten Land. Ihr Kultus war von der Landwirtschaft und den Zyklen der Natur geprägt und durchdrungen, ihr Kosmos war von göttlichen und anderen geistigen Wesen bewohnt.

Flüsse und Berge konnten tanzen, Wälder singen. Die Erde und ihr Erblühen zeugten von göttlichen Verheißungen, Weise sprachen die Sprache der Tiere, Mensch und Tier teilten eine artenübergreifende Gemeinschaft, die demselben Moralkodex unterlag. Menschliches Verhalten, Natur und das Göttliche beeinflussten einander. Die israelitische Weltsicht war eine antike Öko-Theologie eines ganzheitlichen, belebten Kosmos.

Licht Tu Bischwat fällt auf den 15. des Monats, wie auch zwei der zentralen Pilgerfeste: Pessach und Sukkot. Vermutlich, weil die Nacht zur Monatsmitte die des Vollmonds ist und mehr Licht die Dunkelheit erhellt als zu jeder anderen Zeit – eine direkte Widerspiegelung von Gottes Großzügigkeit auf ihrem Höhepunkt.

Die Entfremdung des jüdischen Volkes von seinem Land (die bereits vor dem Exil im Jahr 70 der modernen Zeitrechnung begann) ging einher mit der Entfremdung seines Gottes von der Welt. Aber dieser Dualismus – die Vorstellung, dass Gott über der Welt steht und sich ihr sozusagen widersetzt – stellte viele Menschen, die sich nach einer erneuten, nicht-entfremdeten Intimität zwischen Gott, Natur und Mensch sehnten, nicht zufrieden.

Ritual Das Ritual des Tu-Bischwat-Seder, bei dem wir eine Reihe von Früchten und Nüssen essen – für viele Menschen nur ein süßer Brauch –, wurde von seinen kabbalistischen Urhebern als Möglichkeit betrachtet, die unterschiedlichen Ebenen der Göttlichkeit im Kosmos wieder zu erfahren, indem wir sie uns buchstäblich einverleiben.

Für die Zionisten, die mit ihrem Land und dessen regenerativen Kräften verbunden waren, fungierte Tu Bischwat als süßes Vehikel aus der Volkstradition, das dazu beitrug, jüdische Siedler mit ihren alt-neuen Wurzeln zu verbinden.

Das Erblühen
zeugt von göttlicher Verheißung.

Angesichts des zunehmenden Bewusstseins für die Zerstörung der Umwelt durch den Menschen im späten 20. Jahrhundert machten jüdische Umweltschützer den Feiertag der Bäume zu einer Meditation über unsere gefährliche Trennung von der natürlichen Welt, die unser Leben doch erst ermöglicht, und zu einer Art Auffrischungskurs über die Lehren des Judentums, die diese existenzielle Nabelschnur wiederherstellen können.

Symbolik Tu Bischwat sollte mehr sein als ein Kinderfest oder ein bloß symbolischer Tag. Den Feiertag ernstzunehmen, ist relativ einfach – und doch unglaublich herausfordernd: Sowohl als Individuum als auch auf gesellschaftlicher Ebene muss man die Gesetze der Bibel und der antiken Rabbinen ernstnehmen und die Konsequenzen der jüdischen Ethik und des jüdischen Geistes aufgreifen.

Die Einhaltung des Schabbats als absoluter Ruhetag bedeutet eine wöchentliche Unterbrechung der selbstmörderischen Fantasie von unendlichem Wachstum. Der Schabbat ist eine wöchentliche Investition in die lokale Gemeinschaft. Das ethische Gesetz gegen Verschwendung oder Zerstörung, »Ba’al Tachschit«, sollte uns – wenn es ernsthaft angewendet wird – dazu bewegen, auf die Verwendung fossiler Brennstoffe zu verzichten, um eine Kreislaufwirtschaft zu schaffen, in der Industrie- und Verbrauchermüll minimiert, wenn nicht vermieden wird.

Tiere Das Prinzip »Tza’ar Ba’al Chajim«, das Verbot der Tierquälerei, sollte dazu führen, dass wir das industrielle Agrarsystem überwinden, das Tiere für die Fleischerzeugung misshandelt, den übermäßigen Verzehr von Fleisch fördert und obendrein eine massive chemische Verschmutzung verursacht. Es sollte ein Verhalten einschränken, das den Niedergang und das Aussterben unzähliger Arten verursacht.

Das zentrale Prinzip von Tikkun Olam, das die Ordnung der Welt aufrechterhält, sollte uns dazu bewegen, Bäume zu pflanzen, um die Entwaldung zu bekämpfen.

Der Geist des Judentums bevorzugt Demut, Selbstbeherrschung, Egalitarismus und Kommunalismus.

Ethos Dieses Ethos sollte uns dazu veranlassen, Luxus zu vermeiden, zu gewährleisten, dass übermäßiger persönlicher Wohlstand für kollektive Bedürfnisse eingesetzt wird, das vorherrschende Konsumverhalten und den von Unternehmen ausgehenden Konsumdruck zu reduzieren und die ständige Einführung neuer unnötiger Technologien oder Modetrends zu verhindern.

Die obigen Beispiele sind nur eine Auswahl. Dennoch liegt allen Neuerungen in der Praxis und Bedeutung von Tu Bischwat ein Thema zugrunde: Die natürliche Welt ist heilig, Teil des Göttlichen, von Natur aus wunderbar und notwendig. Wenn wir das wirklich glauben würden, dann würden wir sie nicht derart missachten oder entstellen, wie wir es heute tun.

Der Autor ist Professor für jüdische Religions- und Geistesgeschichte an der Universität Potsdam. Er ist Gründer des Green Sabbath Project.

Belarus

Antisemitische Ausfälle aus Minsk

Ein Interview des belarussischen Machthabers Alexander Lukaschenko belastet das bilaterale Verhältnis mit Israel

von Alexander Friedman  17.06.2026

Baden-Württemberg

Nutzte AfD-Politikerin ein Goebbels-Zitat als Klingelton?

Ein Goebbels-Zitat als Handyton? Nach einem Vorfall während einer Gremiensitzung in Böblingen fordern Politiker Aufklärung – und die Stadt schaltet die Staatsanwaltschaft ein

 17.06.2026

Évian

Trump will Iran bombardieren, »wenn sie sich nicht benehmen«

Die USA und der Iran haben ein Rahmenabkommen für einen Ausweg aus dem Krieg vereinbart. Der US-Präsident spricht zwei Tage vor einer wichtigen Unterschrift eine Drohung aus

 17.06.2026

Washington D.C.

USA und Palästinensische Autonomiebehörde verhandeln über Annäherung

Die Trump-Regierung arbeitet daran, Milliardenbeträge an palästinensischen Steuereinnahmen, die von Israel zurückgehalten werden, dem »Board of Peace« zugänglich zu machen

 17.06.2026

Washington D.C.

FBI vereitelte Anschlagsplan auf Käfigkampf am Weißen Haus

Die Täter wollten unter anderem Israels Ministerpräsident Benjamin Netanjahu ermorden. Dabei hatte Netanjahu gar nicht an der Jubiläumsfeier teilgenommen

 17.06.2026

Berlin

Antisemitismus: Bundesverband Rias erfasst 8725 Vorfälle

Jüdinnen und Juden in Deutschland erleben seit Beginn des Gaza-Kriegs 2023 viel mehr Hass und Anfeindungen als zuvor. Das präge den Alltag, stellt das Netzwerk der Informations- und Meldestellen fest

 17.06.2026 Aktualisiert

Westjordanland

Huckabee widerspricht Trump: »Ohne Israel kein Amerika«

Zwischen dem amerikanischen Präsidenten und seinem eigenen Botschafter ist ein bemerkenswerter Widerspruch sichtbar geworden

 17.06.2026

Magdeburg

Juden in Sachsen-Anhalt: Lebendige Gemeinden und Antisemitismus

Nach dem antisemitischen Anschlag vom 9. Oktober 2019 in Halle (Saale) hat Sachsen-Anhalt 2020 ein Landesprogramm für jüdisches Leben beschlossen, um die jüdische Gemeinschaft zu fördern und zu schützen

 17.06.2026

Toronto

Polizei: Organisiertes Netzwerk für Angriffe auf Synagogen verantwortlich

Offenbar werden junge Menschen über verschlüsselte Kommunikationsdienste für Gewalttaten angeworben. Jüdische Organisationen fordern Ermittlungen gegen die Auftraggeber

 17.06.2026