Judenhass

Wittenberger Schmähplastik bleibt an Ort und Stelle

Die umgangssprachlich als »Judensau« bezeichnete Schmähplastik ist seit mehr als 700 Jahren an der Stadtkirche in Wittenberg angebracht. Foto: picture alliance/dpa

Die als »Judensau« bekannte mittelalterliche Schmähplastik an der Fassade der evangelischen Stadtkirche Wittenberg wird nicht entfernt. Das hat der Gemeindekirchenrat am Dienstagabend in einer Sitzung beschlossen.

»Nach einem intensiven Austausch und anfänglich kontroversen Diskussionen sind wir am Ende des Prozesses zu der gemeinsamen Überzeugung gelangt, dass die Stätte der Mahnung als Ganzes erhalten bleiben soll«, sagte der Vorsitzende des Gemeindekirchenrates, Jörg Bielig, am Mittwoch in Wittenberg.

Der Präsident des Zentralrates der Juden, Josef Schuster, äußerte sich kritisch zu der Entscheidung. Er erklärte auf Anfrage in Berlin, die derzeitige Erklärtafel in Wittenberg sei nicht dazu geeignet, »die Schmähplastik angemessen einzuordnen und zu erklären«. Klare und deutliche Erklärungen seien zwingend notwendig.

»Die Geschichte des kirchlichen Antijudaismus lässt sich nicht ungeschehen machen.« Daher erwarte er mit Interesse die angekündigte Überarbeitung der Erklärtafel. Auch müsse abgewartet werden, wie die angekündigte »Weiterentwicklung der Mahnstätte« aussehen wird. Insgesamt müsse ein angemessener Umgang mit judenfeindlichen Plastiken gefunden werden, »der über die Überarbeitung eines Textes hinausgeht«, verlangte Schuster.

Auch der Kulturbeauftragte der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Johann Hinrich Claussen, hat sich enttäuscht über den Verbleib der Wittenberger »Judensau« an der Stadtkirche geäußert. Er könne zwar die Entscheidung des evangelischen Gemeindekirchenrats inhaltlich nachvollziehen, sei aber über die Art und Weise verärgert, sagte Claussen dem Evangelischen Pressedienst (epd) am Donnerstag. Der Wittenberger Gemeindekirchenrat hatte am Mittwoch nach jahrelangem Streit bekannt gegeben, dass die »Judensau« an der evangelischen Stadtkirche verbleiben soll.

Der Expertenbeirat, den die Gemeinde 2020 eingesetzt hatte und der nach langer Arbeit eine Empfehlung ausgesprochen habe, sei nie zu einem Gespräch eingeladen worden, sagte Claussen, der selbst Mitglied des Beirats war. Zudem seien die beteiligten Fachleute nicht über die Entscheidung informiert worden. Der Expertenbeirat hatte im Juli die Empfehlung ausgesprochen, die Schmähskulptur von der Fassade zu entfernen und in unmittelbarer Nähe kommentiert auszustellen.

Claussen sagte, die Entscheidung eines einzelnen Gemeindekirchenrats strahle auf die gesamte evangelische Kirche in Deutschland aus. Dabei werde verdeckt, wie andere Kirchengemeinden mit ähnlichen Plastiken umgehen. Claussen verwies etwa auf eine ähnliche Schmähskulptur an der Nürnberger Sebalduskirche. Die Darstellung stammt aus der Zeit um 1380 und befindet sich versteckt an einem Stützpfeiler außen am Ostchor der Kirche als Konsolstein in etwa sieben Metern Höhe, wie die Kirchengemeinde auf ihrer Internetseite schreibt. Als ersten Schritt einer Kontextualisierung ist den Angaben zufolge im Sebalder Pfarrhof die Dauerausstellung »Stein & Tür - Jüdische Spuren im Sebalder Pfarrhof« eingerichtet worden.

Dem Wittenberger Fall komme aber eine besondere Bedeutung zu, die Skulptur sei größer und präsenter als andernorts, sagte Claussen. Außerdem sei sie mit dem Namen des Reformators Martin Luther (1483-1546) verbunden. Deshalb handle es sich hier nicht um eine Wittenberger Lokalangelegenheit. Die Entscheidung des Gemeindekirchenrats stehe nun zwar fest, doch Gedenkkultur sei kein abgeschlossener Vorgang. Jede Generation sei mit der Aufarbeitung von Judenhass von Neuem konfrontiert, sagte Claussen.

Der Antisemitismusbeauftragte der Bundesregierung, Felix Klein, sagte dem epd, die Entscheidung werde sicher nicht alle Positionen in der bisherigen Debatte befriedigen. Wichtig sei jetzt, dass eine geeignete und zukunftssichere Kontextualisierung gelinge, in die auch jüdische Stimmen einbezogen würden.

Das Relief in vier Metern Höhe zeigt ein Schwein, an dessen Zitzen Menschen saugen, die Juden darstellen sollen. Das Spottbild auf die jüdische Religion befindet sich seit etwa 1290 an der Südostecke der Stadtkirche Wittenberg. Eine 1988 vor der Kirche eingelassene Bodenplatte und eine Stele mit Erläuterungen stellen die Plastik in einen distanzierenden Kontext.

»Wir haben großen Respekt vor der Haltung des Expertenbeirates, können uns dessen Empfehlungen aber nicht uneingeschränkt anschließen«, erklärte der Gemeindekirchenrat. Die künstlerische Erweiterung durch das 1988 errichtete Bronzedenkmal, der Zeder und dem erklärenden Text auf einer Tafel in unmittelbarer Nähe wandle den beleidigenden und obszönen Charakter der Schmähplastik. Der Ort werde so zu einer Mahnstätte.

In dieser Auffassung bestätigt sieht sich der Gemeindekirchenrat auch durch eine Entscheidung des Bundesgerichtshofs im Juni, wonach das Relief trotz des antijüdischen Inhalts an seinem historischen Ort verbleiben kann (AZ: VI ZR 172/20). In der Begründung hieß es, dass die Gemeinde sich durch die 1988 eingelassene Bodenplatte und einem erklärenden, einordnenden Text auf einem Aufsteller ausreichend von dem Relief distanziert habe.

Geklagt hatte ein Mitglied einer jüdischen Gemeinde. Der Mann verlangte eine Abnahme des Sandsteinreliefs, weil er dadurch das Judentum und sich selbst diffamiert sieht. Sein Anwalt hatte noch im Juni angekündigt, dass sein Mandant vor das Bundesverfassungsgericht ziehen wolle.

Laut Gemeindekirchenrat wendet sich die »Stätte der Mahnung« als Anklage an die Verursacher aller Formen von Antisemitismus und Antijudaismus. Eine Weiterentwicklung der Mahnstätte solle den Ort direkt mit einbeziehen. In diesem Sinn folge der Gemeindekirchenrat den Empfehlungen des Beirates, »eine bleibende Kontextualisierung durch ein zeitgemäßes pädagogisches Konzept« zu schaffen. Neben der Überarbeitung der Erklärtafel seien weitere Informationen zu Antijudaismus und Antisemitismus in der Kirche geplant.

Mit seiner Entscheidung über den Verbleib der Skulptur entspricht der Gemeindekirchenrat auch einer Forderung von mehr als 50 israelischen Wissenschaftlern. In einem offenen Brief Anfang September hieß es, Antisemitismus lasse sich nicht durch Bilderstürmerei stoppen. Anstatt die Skulptur ins Museum zu stellen, sollte sie an Ort und Stelle genutzt werden, um über das Verhältnis von Christen und Juden im Mittelalter aufzuklären.

Nahost

Test für den Pakt

Was bedeuten die jüngsten Huthi-Angriffe für das Verteidigungsabkommen, das Saudi-Arabien mit Pakistan und der Türkei unterzeichnet hat?

von Reinhard Schulze  10.10.2026

Das eingeschaltete Blaulicht ist auf dem Dach von einem Einsatzfahrzeug der Polizei am 28.02.2026 bei einem Polizeieinsatz zu sehen.

Deutschland

Berlin-Kreuzberg: Aushänge gegen Judenhass - Jugendliche greifen Geschäftsinhaber an

Der Staatsschutz ermittelt

 10.10.2026

Kino

Ich habe »Naza« gesehen, und es ist ein übles Stück Propaganda

Es ist erschreckend zu sehen, wie große Teile der Filmwelt sich gerade selbst zu nützlichen Idioten der Hamas degradieren, indem sie ihr von Lügen und Blut getränktes Narrativ übernehmen

von Philipp Peyman Engel  10.10.2026

Eklat in Halle

AfD-Mann Tillschneider will an Anschlags-Gedenken teilnehmen

Aktivisten der Jüdischen Studierendenunion Deutschland verhinderten, dass der Landtags-Vizepräsident die Synagoge betrat

von André Anchuelo  09.10.2026

Meinung

Nein, Frau Pillay hat den Friedensnobelpreis nicht verdient!

Die Südafrikanerin hat Israel vorverurteilt und Antisemitismus in den Reihen ihrer Kommission nicht ernstgenommen. Ihre Auszeichnung durch das Nobelpreiskomitee ist ein großer Fehler, meint der Direktor von UN Watch

von Hillel Neuer  09.10.2026

Sachsen-Anhalt

Zentralratspräsident Josef Schuster: Tillschneider »verhöhnt die Opfer« von Halle

Der rechtsextreme Politiker hatte am Freitag versucht, am Gedenken für die Opfer des Anschlags von Halle teilzunehmen

 09.10.2026

Oslo

Israel-Kritikerin Navanethem Pillay erhält den Friedensnobelpreis

Für ihren Einsatz gegen Menschenrechtsverletzungen und für das Völkerrecht: Mit dem Friedensnobelpreis wird in diesem Jahr die südafrikanische Juristin Navanethem Pillay geehrt

 09.10.2026

Magdeburg

Landtagspräsident Rausch plant außenpolitische Initiativen

Mit Tobias Rausch ist erstmals ein AfD-Politiker zum Präsidenten eines deutschen Landtags gewählt. Während noch über die Hintergründe seiner Wahl diskutiert wird, plant der 35-Jährige bereits außenpolitische Initiativen

 09.10.2026

Essay

Drei Jahre nach dem 7. Oktober: Die Grenzen universitärer Selbstgewissheit

Antisemitismus ist an Universitäten längst kein Ausnahmeproblem mehr. Drei Jahre nach dem 7. Oktober stellt sich deshalb eine unangenehmere Frage: Was haben Universitäten über sich selbst gelernt?

von Frederek Musall  09.10.2026