Interview

»Wir wissen heute, wohin autoritärer Nationalismus führt«

Magnus Brechtken Foto: picture alliance / rtn - radio tele nord

Vor 80 Jahren endete der Zweite Weltkrieg. Die Erinnerung daran ist derzeit allgegenwärtig. Das hat unter anderem damit zu tun, dass es seit dem Angriff Russlands gegen die Ukraine wieder einen Krieg auf europäischem Boden gibt. In Deutschland ist unterdessen die AfD bei den jüngsten Bundestagswahlen zur zweitstärksten Kraft aufgestiegen.

Deren Spitzen fallen auch dadurch immer wieder auf, dass sie die NS-Verbrechen verharmlosen. Viel Stoff für ein Gespräch der KNA mit dem stellvertretenden Leiter des Instituts für Zeitgeschichte, Magnus Brechtken.

Herr Professor Brechtken, bald jährt sich das Ende des Zweiten Weltkriegs zum 80. Mal. Was macht diesen Jahrestag so besonders?
Es ist absehbar, dass zum letzten Mal Zeitzeugen befragbar sind zu dem, was sie damals bewusst erlebt haben. Jemand, der heute zum Mai 1945 Auskunft geben soll, muss ja mindestens 1930 oder 1931 geboren worden sein.

Erinnerungen können trügen - wie blicken Sie als Historiker auf die Aussagen von Zeitzeugen?
Die Forschung zeigt, dass Menschen über die Jahre und Jahrzehnte ihre Erinnerungen und das, was sie sagen können, an das anpassen, was sie aus der jeweiligen Gegenwart heraus wissen.

Das heißt?
Wenn jemand 1955 befragt wird zum Weltkriegsende in Europa am 8. Mai 1945, dann spricht er in der Regel darüber, an was er sich zu diesem Zeitpunkt subjektiv erinnert und was Gegenstand der öffentlichen Debatte ist. Das wird sich aber 20, 50 oder 80 Jahre danach ändern. Die Erinnerung wird angepasst und überschrieben. Zugleich sind die Leute jedes Mal überzeugt, dass sie sich exakt an die Geschehnisse erinnern.

Was folgt daraus?
Man sollte diese Erinnerungen stets mit den historischen Quellen abgleichen. Natürlich lässt sich sagen: Das ist die subjektive Erinnerung dieser Person. Aber ob das etwas mit dem objektiven Ablauf der Ereignisse von damals zu tun hat, wissen wir zunächst nicht.

Wie weit sind wir in Deutschland 80 Jahre nach dem Ende des Weltkriegs mit der Vergangenheitsbewältigung?
Ich fange mal damit an, dass ich den Begriff »Vergangenheitsbewältigung« überholt finde.

»Wenn Menschen, die im Gebiet der ehemaligen DDR leben, jetzt zu über 40 Prozent russlandfreundliche Parteien wählen, zeigt dies einen Mangel an historischem Wissen.«

Warum?
»Vergangenheitsbewältigung« impliziert, dass Geschichte irgendwann bewältigt ist, man damit abschließen kann. Das halte ich für einen Denkfehler. Mit Vergangenheit muss man sich ja immer neu auseinandersetzen. Ich bevorzuge deswegen den Begriff »Vergangenheitsaufarbeitung«. Dieser Begriff betont den kontinuierlichen Prozess. Der hat dazu geführt, dass wir heute unendlich mehr über den Nationalsozialismus wissen als vor 60 oder 70 Jahren. Das ist wiederum hilfreich, um aktuelle Herausforderungen zu analysieren und zu verstehen.

Das scheint nicht unbedingt Konsens zu sein, wenn man etwa auf die Äußerungen des AfD-Ehrenvorsitzenden Alexander Gauland schaut.
Wer behauptet, der Nationalsozialismus sei nur ein Vogelschiss in der deutschen Geschichte gewesen, betrügt sich selbst. Der NS hatte eine Vorgeschichte und seine Folgen wirkten Jahrzehnte nach. Vorher haben wir lange autoritäre, obrigkeitsstaatliche und antidemokratische Traditionen, die mit zum NS führen. Und als Folge ist eindeutig, dass die NS-Herrschaft Millionen Menschen zu Tode gebracht hat. Diese langen Linien zu analysieren und deutlich zu machen ist ein Fundus, der durch Aufarbeitung verfügbar ist. Wir können daraus lernen. Ob die Menschen in der Gegenwart diesen Fundus abrufen, ist eine andere Frage.

Ihre Antwort?
Sie wären gut beraten, sich historische Entwicklungen anschauen. Man kann erkennen, wohin die führen. Ich habe das mal so formuliert: Wenn ich eine Blinddarmentzündung habe, erwarte ich heute, in einer sterilen Umgebung nach modernen Standards operiert zu werden. Jeder Patient wäre doch verwundert, wenn die Ärztin oder der Arzt erst einmal ein Huhn schlachten, um anhand der Eingeweide zu ermitteln, was zu tun ist.

Das bedeutet übertragen auf die Aufarbeitung der Vergangenheit?
Wir wissen heute im Unterschied zu den Menschen vor 100 Jahren, wohin autoritärer Nationalismus führt. Und welche Konsequenzen mangelnde demokratische Strukturen und die Abschaffung des Rechtsstaates haben. Das kann sich jeder aus der Geschichte klarmachen.

Erkennen Sie im Auftreten der AfD Muster aus der Vergangenheit?
Ja, vor allem im Umgang mit wissenschaftlichen Fakten und prüfbarem Wissen. Menschen werden als leicht manipulierbare Masse gesehen, denen man für Zustimmung alles erzählt, was sie hören mögen. Denen man Gegner vor Augen stellt statt sie zum Selberdenken und politischer Teilnahme zu bewegen. Man verspricht Erlösung und weiß, dass man nicht liefern muss. Laut reden geht immer und vermeintlich einfache Lösungen für komplexe Fragen wirken verführerisch. Dabei kann jeder wissen: Es gibt keine Erlösung, wir müssen uns selbst kümmern.

Wenn das alles so ist, warum hat dann jeder Fünfte bei den jüngsten Bundestagswahlen die AfD gewählt?
Es ist ein Bündel von Gründen. Es gibt eine gewisse Geschichtsvergessenheit. Der Radikalismus vieler Personen und Positionen wird ignoriert oder verharmlost. Dann ist eine Wahrnehmung verbreitet, wonach die hergebrachten Parteien den aktuellen Herausforderungen nicht angemessen begegnen. Als da wären Klimawandel, Migration, soziale Sicherheit und manche andere - je nach Milieu und Lebenssituation. Wir leben in einer Zeit des Umbruchs, die viele Menschen ängstigt, sie überfordert und für vermeintlich einfache Lösungsangebote empfänglich macht.

Ostdeutschland scheint inzwischen fest in der Hand der AfD zu sein.
Als Historiker erschrickt man, wie viele Menschen die DDR im Rückblick romantisieren. Sie wollen offensichtlich ausblenden, dass sie Objekte einer Diktatur waren, dass sie ein besetztes Land waren, dass ihre Wirtschaft bankrott war. Auch die Beschränkungen persönlicher Freiheit scheinen diese Menschen regelmäßig zu vergessen. Wie soll man sonst erklären, dass Parteien Anhang finden, die nationalistische, rassistische, extremistische, russlandfreundliche Positionen verbreiten? Wenn Menschen, die im Gebiet der ehemaligen DDR leben, jetzt zu über 40 Prozent russlandfreundliche Parteien wählen, zeigt dies einen Mangel an historischem Wissen und spricht nicht für das demokratische Bewusstsein, eine Diktatur hinter sich zu haben.

Lesen Sie auch

Ein harsches Urteil.
Wir sollten uns ehrlich machen: Wäre, als die Menschen 1989 in der DDR auf die Straße gingen, nicht Michail Gorbatschow, sondern ein Wladimir Putin an der Macht gewesen, hätte der die Panzer rollen lassen. Die Soldaten standen bereit und auch der DDR-Machtapparat hätte dann sicher für seinen Erhalt mitgekämpft. Die DDR gäbe es dann vermutlich bis heute. Und die Menschen, die heute der DDR nachtrauern und die AfD oder andere Putin-Freunde wählen, würden immer noch auf ihren Trabi warten und vielleicht darauf hoffen, dass sie als Rentner in die Bundesrepublik reisen können. Ich bin jetzt etwas polemisch, aber ich halte das für ein ernstes Thema, das viel zu wenig offen diskutiert wird.

Bräuchte es mehr historische Aufklärungsarbeit in der Schule, verpflichtende Besuche von KZ-Gedenkstätten oder Erinnerungsorten zur DDR-Geschichte?
Diese Dinge finden ja schon lange statt. Und diese Institutionen machen sehr gute Arbeit. Wir sollten Fragen der Geschichte und der Aufarbeitung nicht nur Richtung Schulen oder Gedenkstätten schieben.

Sondern?
Wer an einer Gesellschaft interessiert ist, in der zivile Regeln und humane Werte gelten, sollte bei sich anfangen, über diese Dinge sprechen und sich engagieren. Zu Hause, am Arbeitsplatz, in Vereinen, in Parteien. Eine demokratische Gesellschaft lebt von den Menschen, die sie bewahren möchten. Wir alle können etwas dazu beitragen.

Meinung

Hoffentlich wird Viktor Orbán abgewählt

Am 12. April stehen in Ungarn Wahlen an. Unter seinem langjährigen Ministerpräsidenten ist das Land zu einem russischen U-Boot in der Europäischen Union geworden

von Joshua Schultheis  12.04.2026 Aktualisiert

Krieg

»Schlechte Nachrichten für Iran«: Friedensgespräche zwischen USA und Mullahs scheitern

Wie es nun weitergeht, ist unklar

von Gaby Mahlberg  12.04.2026

Beirut

Unruhe im Libanon: Protest gegen Gespräche mit Israel

Die libanesische Regierung hat seit langem Gespräche mit Israel gefordert. Nun soll es bald so weit sein. Anhänger der Terrormiliz Hisbollah gehen dagegen auf die Straße

 11.04.2026

Pakistan

USA und Iran verhandeln in Islamabad

Die Delegationen aus den USA und dem Iran sind mit langen Wunschlisten in die pakistanische Hauptstadt gekommen. Die Gespräche über ein dauerhaftes Ende des Iran-Kriegs versprechen, schwierig zu werden

 11.04.2026

Armin Laschet im Deutschlandfunk

»Jetzt kommt wieder Ihre Israelphobie«

Im Interview wies der CDU-Politiker mit harschen Worten DLF-Moderator Thielko Grieß zurecht, welcher zuvor Israel scharf kritisiert hatte

von Michael Thaidigsmann  10.04.2026

Washington

Warum jetzt? Melania Trumps rätselhafter Epstein-Auftritt

Melania Trump tritt kaum allein vor die Presse. Doch jetzt spricht sie über ein Thema, das ihr Ehemann so gern umschiffen wollte: den Epstein-Skandal

 10.04.2026

Beirut

Hisbollah-Chef: Machen weiter »bis zum letzten Atemzug«

Während die libanesische Regierung an Verhandlungen mit Israel arbeitet, zeigt sich die Hisbollah unbeeindruckt: Es sei nicht die Zeit, um Zugeständnisse zu machen, betont ihr Anführer

 10.04.2026

Berlin

Urteil zu Angriff auf Lahav Shapira erwartet

Nach einem antisemitischen Angriff auf einen jüdischen Studenten in Berlin ist der Fall neu vor Gericht verhandelt worden. Im Mittelpunkt des Berufungsverfahrens steht die Höhe der Strafe. Ein Urteil wird am Montag erwartet

 10.04.2026

Kiew

Selenskyj: Haben Drohnen über Golfstaaten zerstört

Vor dem Hintergrund des Iran-Kriegs hat die Ukraine Drohnenexperten in die Region geschickt. Dort hat Kiew laut Präsident Selenskyj seine Erfahrung in der Abwehr iranischer Drohnen demonstriert

 10.04.2026