Gemeindetag

»Wir stehen noch am Anfang«

Michael Wolffsohn, Robin Alexander, Hans-Eckhard Sommer, Gabriela Hermer, Stefan Ruppert, Aron Schuster (v.l.) Foto: Gregor Zielke

Wie hat sich in den vergangenen fünf Jahren, seit Beginn der Flüchtlingskrise, die Gesellschaft verändert? Wie verorten sich Juden in dem Dilemma zwischen moralischer Pflicht zur Hilfe und Sorge vor muslimischem Antisemitismus? Das wollte die RBB-Moderatorin Gabriela Hermer von den Teilnehmern der Podiumsdiskussion »Flüchtlingskrise – Wo stehen wir heute?« wissen.

Hans-Eckhard Sommer, der Leiter des Bundesamts für Migration und Flüchtlinge (BAMF), beantwortete die Frage zunächst aus behördlicher Sicht. »Ich bin nicht sicher, ob es viele Staaten auf der Welt gibt, die mit ihren Verwaltungen imstande gewesen wären, diese Menschen anständig zu versorgen. Es war eine Kraftanstrengung sondergleichen für meine Mitarbeitenden.«

Diese Phase sei also bewältigt, betonte Sommer, dennoch sei die Krise noch nicht vorüber. 700.000 Verfahren zur Überprüfung von Asylanträgen liefen derzeit noch, allein in diesem Jahr habe es 145.000 Erstanträge gegeben. »Insofern ist die Krise noch nicht überstanden, und wenn ich mir das weite Feld der Integration anschaue, da stehen wir zum Teil noch am Anfang.«

STIMMUNGEN Der »Welt«-Journalist Robin Alexander, Autor des Bestsellers Die Getriebenen, äußerte sich anerkennend über die Leistungen der Ämter und Behörden zur Bewältigung des Flüchtlingsansturms, stellte sich aber die Frage: »Was hat eigentlich unsere Regierung daraus gelernt?« Seine Antwort fiel ernüchternd aus. Die Politik mache sich nach wie vor zum Spielball von Stimmungen. Zuerst sei die staatliche Seenotrettung aus guten Gründen zurückgefahren worden, und als dann Aktivisten wie Carola Rackete TV-wirksam auf den Plan getreten seien, habe man ein Gesetz verabschiedet, das private Seenotrettung legitimiert. Insofern sei die Politik leider immer noch »getrieben«.

Die ZWST setzt arabischsprechende Israelis in der Flüchtlingsarbeit ein.

In diesem Zusammenhang betonte Alexander, dass der Aufnahme von anderthalb Millionen Flüchtlingen kein finsterer Masterplan zur »Umvolkung« zugrunde gelegen habe, sondern die Entwicklung völlig ungeplant und überraschend ablief. Eben deshalb sei es allerdings auch unangemessen, wenn sich die Bundesregierung die Öffnung der Grenzen als humanitäre Großtat auf die Fahnen schreibe. Denn dies hätte ja eine aktive politische Entscheidung vorausgesetzt.

ORDNUNG Der Bundestagsabgeordnete Stefan Ruppert (FDP) erinnerte sich an das Jahr 2015: »Ich bin Vorsitzender des Roten Kreuzes meiner Heimatstadt, ich habe mich noch nie so hilflos gefühlt wie in diesen Monaten. 800 Menschen kamen innerhalb einer Nacht. Es war eine Abwesenheit staatlicher Ordnung, und das hat auch die vielen helfenden Hände dort sehr verunsichert. Die Ordnung von Einwanderung bleibt für den gesellschaftlichen Frieden in Deutschland eine elementare Aufgabe.« Asylrecht, subsidiärer Schutz und die Genfer Flüchtlingskonvention müssten erhalten bleiben, gleichzeitig müsse Zuwanderung aber gesteuert – und auch begrenzt werden. Teil dieser Steuerung sei eben auch die Rückführung abgelehnter Asylbewerber in sichere Herkunftsländer.

ZWST-Direktor Aron Schuster näherte sich dem Thema aus zwei Blickwinkeln.

ZWST-Direktor Aron Schuster näherte sich dem Thema aus zwei Blickwinkeln: »Die jüdische Perspektive hat zwei Gesichter. Das eine Gesicht ist, gerade wir als ZWST haben in unserer über 100-jährigen Geschichte ein immer wiederkehrendes Moment, und das ist Flucht und Vertreibung. Unser Leitbild Zedaka verpflichtet uns, wohltätig zu sein. Das andere Gesicht ist die große Sorge, dass Zuwanderung gerade aus dem arabischen Raum Diskriminierung in dieses Land bringt, die sich unter anderem gegen Juden richtet.«

LÖSUNG Daher habe die ZWST einen pragmatischen Ansatz gewählt: »Wir haben arabischsprechende Israelis nach Deutschland geholt, die hier in Flüchtlingsunterkünften gearbeitet haben und noch arbeiten. Das ist eine wunderbare Symbiose: Wir haben Menschen, die die Sprache sprechen und die arabische Kultur kennen, aber in Israel, in einem westlichen Land, aufgewachsen sind.« Das habe bei etlichen Flüchtlingen, zum Beispiel aus Syrien, tatsächlich zu einem Abbau von Ressentiments gegen Juden und Israelis geführt. »Wir wollen ein Teil der Lösung sein«, so Schuster.

Man war sich einig: So wie es ist, geht es nicht weiter.

Der Historiker Michael Wolffsohn goss ein bisschen Wasser in den Wein: »Wir sollten Migration nicht nur aus unserer Perspektive betrachten, egal ob jüdisch oder nicht.« Selbstverständlich würde Deutschland von Einwanderung auch profitieren. Wenn man Menschen aus der Dritten Welt aufnehme, um den Fachkräftemangel oder das demografische Ungleichgewicht auszugleichen, sei das jedoch eine »Form des Neokolonialismus«, denn man nehme diesen Ländern die Leute weg, die dort dringend gebraucht würden. »Das ist keine Bekämpfung der Fluchtursachen.« Die weltweite Flüchtlingskrise, so Wolffsohn, habe nicht erst 2015 begonnen, und sie sei auch noch lange nicht zuende.

Fast alle Podiumsteilnehmer waren sich einig, dass es so, wie es ist, nicht bleiben kann und dass es zur Bewahrung eines humanitären Asylrechts nötig ist, die Zuwanderung zu begrenzen. Dazu müssten die Probleme aber zunächst einmal benannt werden. »In der Hauptstadtblase, in Politik und Medien, herrscht die Vorstellung, das bloße Reden über Migration nütze der AfD«, meinte Robin Alexander. Und BAMF-Chef Sommer betonte, dass man eigentlich nur das bestehende Recht anwenden müsse, um Migration wirksam zu steuern. Er schloss mit dem Appell: »Wir dürfen uns nicht attraktiv machen für illegale Zuwanderung.«

Interview

»Plötzlich ist das Gefühl von Sicherheit weg«

In der Nacht auf Sonntag ist das private Grundstück von Brandenburgs Antisemitismusbeauftragten Andreas Büttner Ziel eines Brandanschlags geworden. Mit der Jüdischen Allgemeinen spricht er nun exklusiv über den Angriff – und benennt, was daraus folgen muss

von Mascha Malburg, Philipp Peyman Engel  04.01.2026 Aktualisiert

Templin

Brandanschlag auf Grundstück von Beauftragten gegen Judenhass

Auf dem Grundstück des Antisemitismusbeauftragten von Brandenburg wurde ein Schuppen in Brand gesteckt. Auf seiner Haustür haben die Täter ein rotes Hamas-Dreieck hinterlassen

 04.01.2026

Analyse

Warum die Proteste im Iran auch eine Chance für unsere Sicherheit sind

Anschläge und Morde, verdeckte Handelsfronten, Identitätsdiebstahl und Sanktionsumgehung: Das Regime in Teheran ist auch in Europa zu einem hybriden Bedrohungsakteur geworden. Umso wichtiger ist es, die Regimegegner zu unterstützen

von Rebecca Schönenbach  04.01.2026

Interview

»Israels Sache ist gerecht, sie muss nur besser erklärt werden«

Der saudische Influencer Loay Alshareef über Frieden im Nahen Osten, seine erste Begegnung mit Juden und die Kraft persönlicher Erfahrung

von Stefan Laurin  04.01.2026

Iran

Proteste gegen Chamenei weiten sich aus

Im Iran kam es erneut zu Gewalt gegen Demonstrierende. Die Proteste haben sich inzwischen auf etwa 70 Prozent des Landes ausgeweitet. Auch in Berlin und Washington versammelten sich oppositionelle Exiliraner

 04.01.2026

Venezuela

Netanjahu gratuliert Trump

Israels Regierungschef Netanjahu lobt den US-Angriff in Venezuela und hebt Trumps Vorgehen gegen Maduro als »historisch« hervor. Andere israelische Politiker ziehen Parallelen zum Iran

 04.01.2026

Caracas

Venezuelas Vizepräsidentin behauptet »zionistische Handschrift«

Delcy Rodriguez, die nach der Festnahme von Präsident Nicolás Maduro die Leitung des Landes übernehmen will, stellt den US-Angriff in einen Zusammenhang mit Israel

 04.01.2026

Be'eri

Nach dem 7. Oktober

Daniel Neumann hat den Kibbuz Be’eri besucht und fragt sich, wie es nach all dem Hass und Horror weitergehen kann. Er weiß, wenn überhaupt, dann nur in Israel

von Daniel Neumann  02.01.2026

Kommentar

Der Edelpilz, der keiner ist

New Yorks neuer Bürgermeister Zohran Mamdani hat bereits die Anerkennung der IHRA-Definition durch die Stadtverwaltung und das Boykottverbot gegen Israel aufgehoben

von Louis Lewitan  02.01.2026