Migration

Hilfe von Anfang an

Wie kann die Integration von Asyl- und Schutzsuchenden in Deutschland erfolgreich gelingen? Diese Frage wird spätestens seit 2015 in Politik und Gesellschaft gleichermaßen intensiv diskutiert. Bei einem Fachtag der Zentralwohlfahrtsstelle der Juden in Deutschland (ZWST) am Dienstag in Berlin standen jüdische Perspektiven auf Integration und Migration im Fokus.

Zu der Veranstaltung, die in Kooperation mit der Hilfsorganisation IsraAID organisiert und vom Bundesfamilienministerium unterstützt wurde, waren rund 60 Experten aus Wissenschaft und Wohlfahrtspflege in den Spreespeicher in Friedrichshain zum Diskutieren gekommen.

Know-how Zum Auftakt der Veranstaltung hob ZWST-Vizepräsident Michael Licht die positiven Erfahrungen hervor, die die jüdische Gemeinschaft in Deutschland in der Integrationsarbeit mit Zugewanderten gemacht hat. »Die bundesdeutsche Einheit bedeutete nicht nur aus einer mehrheitsgesellschaftlichen Perspektive eine tiefgreifende Veränderung, sondern auch für die jüdische Gemeinschaft«, sagte Licht. Das Thema Migration habe die ZWST seit ihrer Gründung im Jahr 1917 beschäftigt.

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»In den vergangenen 30 Jahren ist es zu ihrem Kerngeschäft geworden«, so Licht. Tatsächlich hat die ZWST Anfang der 90er-Jahre mit ihrem Engagement entscheidend dazu beigetragen, dass die rund 200.000 jüdischen Kontingentflüchtlinge aus den Staaten der ehemaligen Sowjetunion in die Gemeinden in Deutschland integriert werden konnten.

Die Staatssekretärin im Bundesfamilienministerium, Juliane Seifert (SPD), sagte in ihrer Rede, dass die Politik angesichts der heutigen Herausforderungen in der Flüchtlingsintegration auf die Unterstützung und das Know-how der Wohlfahrtsverbände angewiesen sei. »Ohne die Leistung der Wohlfahrtsverbände, den Einsatz von vielen Freiwilligen, wäre die Integration von Geflüchteten nicht möglich«, betonte die Staatssekretärin. Mit ihrer internationalen Vernetzung und ihrem breiten Erfahrungsschatz trage auch die ZWST entscheidend zu einer besseren Gesellschaft bei.

kooperation Wie sich die über Jahre gesammelten Erfahrungen der ZWST konkret für die heutige Integrationsarbeit mit nach Deutschland Geflüchteten nutzen lassen, legten die Expertinnen und Experten von IsraAID dar. Der deutsche Ableger der gleichnamigen israelischen Hilfsorganisation besteht seit der Flüchtlingskrise 2015.

Seitdem hat IsraAID in Berlin und anderen deutschen Städten in Kooperation mit der ZWST verschiedene Programme aufgelegt, die Flüchtlinge unabhängig von ihrem religiösen Bekenntnis beim Neuanfang in der Gesellschaft unterstützen sollen.

Notsituation Im vergangenen Jahr wurde IsraAID von Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) für ihr Engagement mit dem Nationalen Integrationspreis ausgezeichnet. »Unser Ansatz ist es, Menschen in substanziellen Notsituationen interkulturell, psychosozial und professio­nell zu unterstützen«, sagte IsraAID-Geschäftsführer Gal Rachman.

Bei »Navigation Berlin« werden Flüchtlinge psychologisch betreut.

Das Team von IsraAID Deutschland besteht aus 15 Mitarbeitern sozialer Einrichtungen und umfasst jüdische, arabische sowie deutsche Spezialisten in den Bereichen Psychologie, Sozialarbeit und Pädagogik.

Bei dem Projekt »Navigation Berlin« etwa, das IsraAID Deutschland in Zusammenarbeit mit der ZWST entwickelt hat, betreuen Spezialisten aus Deutschland und Israel Flüchtlinge psychologisch in ihren Unterkünften.

Durch diesen Ansatz soll es gelingen, Erwachsenen und Kindern mit durch die Flucht bedingten traumatischen Erfahrungen langfristig psychosoziale Betreuung zukommen zu lassen.

Unterkunft »Da viele unserer Mitarbeiter selbst einen multikulturellen, häufig israelisch-arabischen Familienhintergrund haben, können sie dabei helfen, mögliche Hemmschwellen mit den aus muslimischen Ländern geflüchteten Menschen abzubauen«, sagte Rachman.

Eine psychologische Fachkraft, die im Rahmen des Projekts Flüchtlinge in Berliner Unterkünften betreut, berichtete in einer Diskussionsrunde auf dem Fachtag von ihren Erfahrungen. »Als arabischstämmige Israelin, die in Deutschland für eine jüdisch-israelische Hilfsorganisation tätig ist, werde ich von den allermeisten Flüchtlingen, mit denen ich spreche, auch akzeptiert«, sagte die junge Frau, die ihren Namen nicht in der Zeitung lesen will. Manchmal komme es aber auch zu negativen, ablehnenden Reaktionen, wenn sie das Gespräch mit den Flüchtlingen suche. »Diese resultieren nicht selten aus traumatischen Erlebnissen in der Vergangenheit«, wie die Expertin erklärte. Grundsätzlich müssten die Menschen bereit sein, Hilfe auch anzunehmen.

»Wir dürfen nicht immer nur dann über Integration sprechen, wenn sie nicht gelungen ist.« ZWST-Direktor Aron Schuster

Leadership Ein weiteres Projekt, das IsraAID derzeit in Berlin betreut, ist »Kompass Multiplier«. Das Programm richtet sich an motivierte Menschen mit Fluchthintergrund, die im Rahmen von Workshops geschult werden, Eigenverantwortung in ihren Communitys zu übernehmen. Durch die damit gewonnenen Fähigkeiten sollen Multiplikator-Effekte entstehen. »Das Grundprinzip unserer Arbeit ist, dass wir die Betroffenen zu ihrem eigenen Akteur machen wollen«, sagte IsraAID-Chef Rachman. Dass sei in dieser Form einmalig in Deutschland.

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»Ich hoffe, dass wir unsere gute Zusammenarbeit mit der ZWST in den kommenden Jahren weiter ausbauen können, um noch intensiver ein langfristiges Wohlbefinden in der Bevölkerung zu fördern«, sagte Rachman.

Aron Schuster, Direktor der ZWST, bedankte sich für die gute Kooperation mit der Hilfsorganisation. »Bei der jüdischen Zuwanderung war schnell ein Konzept in der Integrationsarbeit zu erkennen: Betroffene wurden zu Akteuren gemacht«, sagte Schuster.

Dieses Konzept, das IsraAID in seiner Arbeit realisiert, sei ein bewährter Ansatz, der auch für andere Vereine richtungsweisend sein kann. »Wir dürfen nicht immer nur dann über Integration sprechen, wenn sie nicht gelungen ist«, gab Schuster zu bedenken. Der Fachtag habe viele gute Beispiele beleuchtet. Jetzt gehe es darum, von diesen für die Zukunft zu lernen.

In einer früheren Version wurde die Zahl der IsraAID-Mitarbeiter mit 1500 und die der Kontingentflüchtlinge mit 20.000 angegeben. Dise Zahlen wurden aktualisiert.

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