Weckruf

Wir müssen unser Leben ändern

Waldbrände, extreme Hitze, Dürren: Die Warnsignale sind überdeutlich. Foto: picture alliance/dpa/CTK

Vor mehr als 30 Jahren erschien der Song »Beds Are Burning« der Band Midnight Oil, in dem die Vertreibung von Aborigines-Stämmen in der australischen Western Desert thematisiert wird. Bestand die primäre Forderung der Band in der Rückgabe der indessen durch Umweltzerstörung gezeichneten traditionellen Stammeslande, konnte der eingängige Refrain in seiner metaphorischen Eindringlichkeit als ein weitaus fundamentalerer, ja universellerer Appell verstanden werden: »How can we dance when our earth is turning? How do we sleep while our beds are burning?«

Heute, 35 Jahre später, hat sich unser Glück endgültig gewendet: Unsere Betten brennen vor sich hin, ja verkohlen inzwischen. Sie sind ein durchaus passendes Bild angesichts der extremen Hitzewellen und Dürren, unter denen Europa momentan ächzt, was andernorts aber auch ebenso schnell in verheerende Unwetter und Überschwemmungen umschlagen kann.

lebensstil Die durch den Klimawandel verursachten Schäden bedrohen nicht nur unseren Lebensstil, sondern vor allem unsere Existenzgrundlagen. Wir müssen endlich anerkennen: Der menschengemachte Klimawandel ist ein wissenschaftliches Faktum – und ja, wir sind mittendrin.

Und gerade weil wir mittendrin in diesem selbst verursachten Schlamassel stecken, ist das ritualisiert-polarisierende Gerede, das wir im öffentlichen Diskurs einer auf den Austausch von wissenschaftlichen Argumenten gestützten Debatte vorziehen, weder ziel- noch weiterführend. Offen gestanden, es gibt auch nichts mehr zu diskutieren. Terminologien wie »Brückentechnologien« mögen suggerieren, dass wir so etwas wie einen Plan hätten, aber im Grunde genommen sagen sie nur aus, dass wir verzweifelt versuchen, auf Zeit zu spielen – also »überbrücken«.

Stattdessen müssen wir endlich damit anfangen, über Energieeffizienzen und -vermeidung zu reden, auch wenn dies politisch unpopulär erscheint. Ganz ehrlich, auch diese Maßnahmen werden letztlich keinen wirklichen »Turnaround« bringen, dazu ist der Klimawandel schon zu weit fortgeschritten, was der drastische und unwiederbringliche Rückgang der für unseren Planeten überlebenswichtigen Biodiversität zeigt.

debatten Dass auch erneuerbare Energien Nachteile haben, steht außer Frage, aber anstatt immer nur diese zum Gegenstand von Debatten zu machen, sollten wir auch ihre Vorteile öffentlich diskutieren. Denn im Grunde genommen gilt es in der momentanen Situation, zwischen zwei Übeln abzuwägen – und sich für das geringere zu entscheiden.

Indifferenz ist keine Option, insbesondere keine jüdische.

Ich kann mich noch gut daran erinnern, wie vor einigen Jahren die Diskussion um den Veggie Day auch in dieser Zeitung die Gemüter erhitzte: »Gott liebt Steak!«, schrieb ein für seine spitzen Polemiken bekannter Rabbiner damals.

An einem guten Steak muss man nichts auszusetzen haben, aber offen gestanden muss der Beitrag der jüdischen Gemeinschaft zur Bewältigung dieses globalen Problems weit über ein Mindestmaß an Eigenverantwortung hinausgehen. Ob auf den Machanot, in den Gemeinden oder in Pflegeeinrichtungen: Überall wird der Klimawandel zum Thema, und das Engagement aller wird gebraucht. Indifferenz ist keine Option, insbesondere keine jüdische!

Ich formuliere diese wenig erbaulichen Gedanken am Erew Schabbat, wenngleich bis zum Kerzenzünden noch etwas Zeit ist. Ich freue mich schon auf den Ruhetag, nach einer weiteren Stresswoche an der Universität. Aber eigentlich ist der Schabbat weder als Tag der individuellen Muße intendiert noch dazu da, den eigenen Arbeitsakku neu aufzuladen.

schöpfung Der Schabbat dient vor allem der Erinnerung an die Schöpfung um des Lebens willen, wie es Rabbi Abraham Joshua Heschel formuliert. In gewisser Weise ahmen wir Gott nach, indem auch wir an diesem Tag ruhen, wir also bewusst mit der Schöpfung verfahren. Das verweist wiederum auf ein weiteres Moment, nämlich auf die Aufgabe und Bestimmung des Menschen als Gottes Partner in der Schöpfung.

Der Rabbiner und Philosoph Joseph Ber Soloveitchik unterschied diesbezüglich zwischen zwei Typen in den beiden Schöpfungsberichten: Der im Ebenbild Gottes geschaffene erste Mensch ist mit der schöpferischen Kraft ausgestattet, um sich die Welt nutzbar zu machen und sie nach seinem Willen zu gestalten.

Im Gegensatz dazu steht der in seiner existenziellen Einsamkeit geschaffene zweite Mensch als jemand, der sich als Bewahrer ganz in den Dienst Gottes stellt, sich aber – bedingt durch den Verlust seiner Rippe – letztlich in der Gesellschaft seiner Mitmenschen zu verwirklichen vermag.

ringen Für Soloveitchik hat keiner der beiden Typen Vorzug vor dem anderen. Was er vielmehr herausstellen möchte, ist, dass wir uns existenziell in einem permanenten Ringen befinden bezüglich dieser beiden unterschiedlichen Aufgaben und Bestimmungen.

Es geht mir mit dem hier sehr verkürzten Rückgriff auf Soloveitchik nicht darum, die Debatte um den Klimaschutz religiös zu konnotieren, sondern ich möchte anhand seines Midraschs verdeutlichen, dass wir bezüglich unseres Umgangs mit der Schöpfung in die Verantwortung genommen werden. Etwas, das wir uns eigentlich jeden Schabbat in Erinnerung rufen sollten. Schließlich sollten wir uns eingestehen: »The time has come to say fair’s fair. To pay the rent now, to pay our share.«

Der Autor ist Professor für Jüdische Philosophie an der Hochschule für Jüdische Studien Heidelberg.

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