Solidarität

»Wir haben Potter als einen mutigen Journalisten kennengelernt«

Der Autor und Journalist Nicholas Potter Foto: Olga Blackbird

Solidarität

»Wir haben Potter als einen mutigen Journalisten kennengelernt«

Der Journalist Nicholas Potter ist seit Wochen das Ziel einer Rufmordkampagne, initiiert von einem dubiosen Propaganda-Portal und befeuert von antiisraelischen Aktivisten. Jetzt äußert sich der Zentralrat der Juden

von Nils Kottmann  14.03.2025 10:02 Uhr Aktualisiert

Seit Wochen ist der Journalist Nicholas Potter das Ziel einer Rufmordkampagne, angestoßen von einer dubiosen Online-Plattform und befeuert von israelfeindlichen Aktivisten. Jetzt stellt sich der Zentralrat der Juden hinter den Journalisten.

»Der Fall Nicholas Potter muss eine Warnung sein, dass radikale Gruppen unsere Medienöffentlichkeit unterlaufen wollen«, erklärte ein Sprecher des Zentralrats. Er betont: »Wir haben Potter als einen mutigen Journalisten kennengelernt, der stets an der Wahrheit einer Geschichte interessiert ist. Wer ihn bedroht und diffamiert, der hat keine Argumente. Wir dürfen das als Gesellschaft nicht zulassen.«

Recherche zu Propaganda-Portal löste Hetzkampagne aus

Nicholas Potter recherchiert seit Jahren zum Thema Antisemitismus, auch in der politischen Linken. Im Oktober veröffentlichte er in der »taz« eine Recherche zum Propaganda-Portal »Red«, das sich in der propalästinensischen bis israelfeindlichen Szene einer großen Leserschaft erfreut.

Das Portal arbeitet mit antisemitischen Organisationen wie »Palästina spricht« oder der »Jüdischen Stimme für einen gerechten Frieden« zusammen, führt Interviews mit Terroristen der Hisbollah und des Islamischen Dschihad und wird vermutlich vom Kreml finanziert, wie Potter anhand der Analyse interner Papiere der russischen Propaganda-Agentur SDA herausfand. Russlands Ziel: westliche Gesellschaften mit gezielten Desinformationskampagnen destabilisieren.

»Red« streitet die Vorwürfe ab und geht dafür in den Angriff über. Potter sei Teil von »Deutschlands pro-israelischem Propaganda-Komplex«, behauptete die Plattform im Dezember auf X. Der Journalist werbe für »Israels Genozid« und habe deshalb einen Job bei der »Jerusalem Post«, einer israelischen Zeitung, bekommen.

Hass im Internet und auf den Straßen Berlins

Außerdem kritisierte das mutmaßlich vom Kreml finanzierte Portal, dass Nicholas Potter auch Beiträge für die Jüdische Allgemeine verfasst hat. Einer davon, über Antisemitismus in der Klima-Bewegung »Fridays for Future«, den er zusammen mit Joshua Schultheis veröffentlicht hat, wurde für den Theodor-Wolff-Preis nominiert. Für »Red« ist die Jüdische Allgemeine trotz der Nominierung für den renommierten Journalistenpreis Teil eines Propaganda-Netzwerks und dazu noch »kompromisslos zionistisch«.

Seit den Postings von »Red« wird Nicholas Potter auch von Aktivisten angegangen, im Internet und auf den Straßen von Berlin. Wie der »Tagesspiegel« berichtet, hängen in Teilen der Stadt Aufkleber mit Potters Konterfei, die ihn als »German Hurensohn« beleidigen. Online werde er als »menschenverachtender Rassist« beschimpft, einige wünschten ihm sogar den Tod.

Angriffe auf Journalisten häufen sich

Die Kampagne gegen Nicholas Potter bestätigt einen Trend, den die Gewerkschaft Deutsche Journalistinnen- und Journalisten Union (DJU) schon seit längerem beobachtet: Hass und Gewalt gegen Reporter und Fotografen nimmt in der propalästinensischen bis israelfeindlichen Szene zu. So wurden bei Demonstrationen der Szene im vergangenen Jahr rund 50 Journalisten angegriffen. Erst am Samstag traf es die Journalisten Yalcin Askin, Jörg Reichel und Levi Salomon, als sie in Berlin von einer Kundgebung berichten wollten.

Lesen Sie auch

Journalisten-Gewerkschaft solidarisiert sich mit Potter

Auch die DJU hat die Kampagne gegen Nicholas Potter »aufs Schärfste« verurteilt. »Dieser Fall zeigt eine neue und erschreckende Dimension der Gefahr: eine hybride Form der Propaganda, orchestriert durch Akteure, die gezielt Desinformationen und Hetze einsetzen, um unabhängigen Journalismus zu untergraben«, betont Peter Freitag, Co-Vorsitzender im DJU-Bundesvorstand, in einer Stellungnahme.

Die Gewerkschaft fordert von der Bundesregierung Sofortmaßnahmen, um die Arbeit von Journalisten zu schützen. »Die Pressefreiheit ist ein Grundpfeiler unserer Demokratie. Ohne nachhaltige Schutzkonzepte für unsere Kolleginnen und Kollegen bleibt sie ein leeres Versprechen«, erklärt Peter Freitag.

Nicholas Potter selbst hat sich gegenüber der DJU zum wachsenden Hass auf Journalisten geäußert: »Das ist ein Symptom autoritären Denkens und von Demokratiefeindlichkeit und darf sich bei uns nicht weiter ausbreiten. Die Radikalisierung mancher Aktivisten bereitet mir große Sorgen.«

NSDAP-Mitgliederkartei

Ein Land durchsucht den Datenschatz

Die Recherche nach der Nazivergangenheit der eigenen Vorfahren scheint neuerdings so einfach wie eine Google-Suche. Auch in manch jüdischer Familie wächst das Interesse. Doch tragen die Erkenntnisse wirklich zur Aufklärung bei?

von Mascha Malburg, Michael Thaidigsmann  15.06.2026 Aktualisiert

In eigener Sache

Jüdische Allgemeine depubliziert Texte von Stephan-Andreas Casdorff

Die Prüfung mit spezialisierter Software legt Nahe, dass zwei Kommentare des »Tagesspiegel«-Editor-at-Large in dieser Zeitung von einer KI geschrieben wurden

 15.06.2026

Nahost

Hisbollah: Waffenruhe gilt auch für Libanon

Die geplante 60-tägige Waffenruhe zwischen den USA und Iran gelte auch für den Libanon, behauptet die Terror-Miliz. Doch eine Bestätigung gibt es dafür nicht

 15.06.2026

Uganda

Entebbe-Entführung 1976: Debatten um Linksterror und Antisemitismus

Vor 50 Jahren entführten zwei Deutsche und zwei Palästinenser einen Airbus aus Israel nach Uganda. Dabei sollen sie Geiseln nach antisemitischen Kriterien voneinander getrennt haben. Die Tat befeuerte das Unbehagen vieler Linker mit Gewalt

von Nils Sandrisser  15.06.2026

Berlin

Streit um die Landesansprechperson für Antisemitismus

Recherchen des »Tagesspiegel« zufolge geht es bei der Suche nach einem Antisemitismusbeauftragten für die Berliner Hochschulen längst nicht mehr nur um die Belange der jüdischen Studierenden, sondern auch um Politik

 15.06.2026

Diplomatie

Macron will schnell Minen in Straße von Hormus räumen

Noch ist die Tinte nicht auf dem Abkommen zwischen den USA und Iran, doch Frankreichs Präsident signalisiert seine Bereitschaft »sehr schnell zu handeln«

 15.06.2026

Wirtschaft

Iran will Gebühren für Straße von Hormus verlangen

US-Präsident Donald Trump hat die Straße von Hormus für geöffnet erklärt. Aber Details eines US-Iran-Rahmenabkommens sind noch unklar. Im Iran fordern Stimmen Gebühren für die Durchfahrt der Meerenge

 15.06.2026

Meinung

Ein beschämender Deal

Israel und die USA haben den Iran zwar militärisch geschwächt. Dennoch haben sie keines ihrer Kriegsziele erreicht. Mit dem sich nun abzeichnenden Abkommen belohnt Präsident Donald Trump das mörderische Mullah-Regime

von Michael Roth  15.06.2026

Nahost

Die Stolpersteine beim Abkommen zwischen den USA und Iran

Die Umsetzung des Gaza-Abkommens steckt fest, Israel will seine Truppen aufgrund des Verhaltens der Terrororganisation Hisbollah nicht aus dem Libanon abziehen. Droht dem Rahmenabkommen zwischen den USA und dem Iran das gleiche Schicksal?

 15.06.2026