Hamburg

Wie ein iranischer Jude auf Israel und den Iran blickt

Armin Levy Foto: Heike Linde-Lembke

Sollte das islamische Regime im Iran eines Tages fallen, weiß Armin Levy genau, was er als Erstes tun würde: Der Jude mit iranischen Wurzeln würde nach Teheran reisen und die Gräber seiner Eltern besuchen. Sie wurden vor mehr als vier Jahrzehnten am Flughafen der iranischen Hauptstadt verhaftet, als sie versuchten, vor dem Mullah-Regime zu fliehen. Die Vorwürfe: Zusammenarbeit mit den Feinden des Islam und Spionage für die USA und Israel. Nach jahrzehntelanger Haft seien sie hingerichtet worden - ohne Prozess, ohne Rechtsbeistand und unschuldig, sagt Levy.

Der 46-Jährige wurde 1979 in Teheran geboren - im Jahr der Islamischen Revolution. Nach der Festnahme seiner Eltern wuchs er bei Verwandten auf. Heute lebt er in Hamburg. Als iranischer Jude passt er in keine Schublade. Wie blickt jemand wie er, dessen persönliches Schicksal so eng mit dem jüdisch-muslimischen Konflikt verwoben ist, auf die Spannungen zwischen Israel und dem Iran? Glaubt er, dass das Abkommen, das die USA und der Iran aktuell aushandeln, den Krieg beenden und Frieden in die Region bringen kann?

Kein Vertrauen in das Regime

»Solange das Mullah-Regime besteht, wird es kein friedliches Zusammenleben geben«, sagt Levy. Jegliche Abkommen, die man schließe, würden es nur noch stabiler machen. »Es ist ein Schlag ins Gesicht aller, die gegen das Regime gekämpft haben.« Warum sei das Angebot von Reza Pahlavi, Sohn des letzten Schahs, politisch Verantwortung zu übernehmen, ignoriert worden, fragt er und gibt selbst die Antwort: »Der Wille war offenbar nicht da.« Warum, wisse er nicht. Levys Ansicht nach glauben viele der 90 Millionen Iraner nicht mehr an Veränderungen. »Immer wieder hat es in den letzten Jahren Proteste gegeben, aber nie ist danach etwas passiert.«

Heute ist Levy ehrenamtlicher Vorsitzender der Hamburger Jüdischen Union. In verschiedenen gesellschaftlichen Projekten setzt er sich für die Sichtbarkeit jüdischen Lebens ein und positioniert sich unter anderem gegen Rassismus, Antisemitismus und Antiziganismus. Zudem engagiert er sich für den jüdisch-persischen Dialog.

Ausgrenzung von Kindheit an

Levy sagt, er sei traumatisiert. Es schmerze ihn, wenn er daran denke, was seinen Eltern widerfuhr. Dass er ihnen in all den Jahren im Gefängnis nicht helfen konnte. »Als Jude im Iran zu leben, bedeutet: langsam gehen, leise sein«, sagt er. Nach der Islamischen Revolution seien viele Juden geflohen, untergetaucht oder enteignet worden, jüdische Schulen seien geschlossen worden. Viele jüdische Menschen hätten ihren Namen in einen persischen geändert, um nicht aufzufallen.

Schon die Kinder hätten in der Schule gelernt, dass Nicht-Muslime »unrein« seien, sagt er. »Wenn es geregnet hat, durften sie nicht neben muslimischen Kindern sitzen.« Weil angeblich Nässe die Unreinheit übertrage. Viele Juden und Angehörige der Bahai-Religion seien vom Studium ausgeschlossen, und Parolen wie »Tod den USA, Tod Israel« seien bis heute im Bildungssystem allgegenwärtig.

Levy will in Hamburg Brücken bauen

Trotz dieser Erfahrungen betont Levy, dass er seine jüdische und seine persische Prägung nicht als Widerspruch empfindet. Er sei immer stolz auf seine jüdische Identität gewesen, sagt er. Dass er zugleich lernte, die muslimische Religion und Mentalität als ebenso selbstverständlich anzusehen, betrachtet er bis heute als großen Vorteil.

In Hamburg sieht Levy eine Chance, Brücken zu bauen. Nach Schätzungen leben in der Hansestadt rund 40.000 Menschen mit iranischen Wurzeln, eine der größten iranischen Communitys in Europa. Die jüdische Gemeinschaft ist deutlich kleiner. Durch Aufklärungsarbeit versucht er, Berührungspunkte zu schaffen und Vorurteile abzubauen. Zuerst Jude, dann Nationalität

Um seine Gefühle zu beschreiben, greift Levy zu einem Vergleich: »Es ist wie bei Kindern einer Familie, in der sich Mama und Papa immer streiten - aber die Kinder beide Elternteile lieben.« Seinen persönlichen Weg aus diesem Konflikt hat er wohl auch darin gefunden, dass er sich gar nicht als Iraner begreift. »Ich bin zunächst Jude, dann erst kommt die Nationalität«, sagt er.

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