Halle

»Wenn ich in deine Augen sehe, dann ist niemand da«

Augenzeugin Christina Feist Foto: dpa

Halle

»Wenn ich in deine Augen sehe, dann ist niemand da«

Christina Feist war Augenzeugin des Anschlags auf die Synagoge. Wie geht es ihr heute, rund zwei Monate später?

von Marek Majewsky  29.12.2019 18:58 Uhr

Vor den Mauern der Synagoge in Halle wächst das Blumen- und Kerzenmeer in der Humboldt-Straße 52 kontinuierlich an. Es sind die Tage nach dem Terroranschlag.

Diese Zeichen der Solidarität könnten nun bald im Stadtmuseum ausgestellt werden. Es gebe dort bereits einen Ausstellungsbereich zum jüdischen Leben in Halle, sagt Oberbürgermeister Bernd Wiegand (parteilos). Dieser solle nun erweitert werden, wie genau stehe aber noch nicht fest.

Die Jüdische Gemeinde Halle will auch einen Beitrag dazu leisten. Briefe, Mails und Fotos sowie »alle« Symbole der Solidarität nach dem Anschlag sollen dem Museum übergeben werden, sagt der Gemeindevorsitzende Max Privorozki.

Als ein Rechtsterrorist zwei Menschen tötet und nur eine Tür noch Schlimmeres verhindert, werden viele Menschen traumatisiert.

Am 9. Oktober hatte ein antisemitisch und rechtsextremistisch motivierter Attentäter versucht, am höchsten jüdischen Feiertag Jom Kippur die mit mehr als 50 Betern besetzte Synagoge zu stürmen. Als das scheiterte, erschoss der 27-jährige Deutsche eine Passantin und kurz darauf einen jungen Mann in einem Dönerladen.

TRAUMA Zu diesem Zeitpunkt ist auch Christina Feist, 29, in der Synagoge. Die ersten Wochen nach dem Anschlag seien für sie sehr schwierig gewesen, erzählt sie. »Wenn ich in deine Augen sehe, dann ist niemand da«, habe ihr damals ein Freund gesagt. Nach einem längeren Kampf mit sich selbst, habe sie sich entschlossen eine Trauma-Spezialistin aufzusuchen, seither gehe es ihr deutlich besser, sie habe mittlerweile mehr gute als schlechte Tage.

Dennoch: Auch jetzt, rund 80 Tage nach dem Anschlag, laufen ihr manchmal ohne Grund Tränen die Wangen runter. »Daran muss man sich erst gewöhnen.« Während sie das erzählt, lacht die 29-Jährige. Ob sie Optimistin sei? Nein, eher Pragmatikerin, es müsse ja weitergehen. Neben Feist waren viele andere Bürger in Halle traumatisiert. Die Telefonseelsorge der Stadt war zwischenzeitlich doppelt besetzt.

KRISENMODUS Oberbürgermeister Wiegand hat den Attentäter nur knapp verpasst. Zum Zeitpunkt des Angriffs des Terroristen sei er beim Spatenstich einer Kita im Paulusviertel gewesen, wenige hundert Meter vom Angriffsort entfernt. Von dort aus sei er direkt zum Stab gefahren. »Dann schaltet man automatisch in den Krisenmodus«, erinnert er sich.

Nach einem längeren Kampf mit sich selbst, hat Feist sich entschlossen eine Trauma-Spezialistin aufzusuchen. Seither geht es ihr deutlich besser.

Für den Jahrestag des Terrors laufen bereits Überlegungen. Was genau passiere, könne noch nicht gesagt werden, sagt Privorozki. »Die Stadt wird an den 9. Oktober erinnern«, heißt es vom Oberbürgermeister. Fest stehe nur, dass man sich mit der Jüdischen Gemeinde abstimme.

PROJEKTE Wiegand kündigt weitere Veränderungen an: »Wir sind dabei, die jüdischen Kulturtage in Halle auszuweiten und stärker in die Gesellschaft zu integrieren«, sagt er. Der jährliche »Marsch des Lebens« werde stärker von der Stadt unterstützt, um größere Aufmerksamkeit auf jüdisches Leben in Halle zu richten. Zudem werde mit Projekten das Thema Demokratie in der Bevölkerung gestärkt.

»Die Stadtgesellschaft hat innegehalten. Die Gefahr, selber von einem Terroranschlag getroffen zu werden, ist jedem bewusst geworden«, sagt Wiegand. Auf den Veranstaltungen nach dem Anschlag habe sich gezeigt, dass die Bürgerinnen und Bürger zusammenhalten.

Nach dem Terrorangriff gibt es zahlreiche Reaktionen, Konsequenzen werden gefordert. Der SPD-Politiker Helge Lindh bezeichnet eine im Bundestag beschlossene Verschärfung des Waffenrechts im Zusammenhang mit dem Anschlag als Notwendigkeit. Der Bundestag bewilligt zudem vor knapp zwei Wochen 600 neue Stellen für BKA und Verfassungsschutz.

Der Angriff hat die Stadt erschüttert. Erste Konsequenzen wurden gezogen - weitere werden 2020 folgen.

»Es kann sein, dass der Verfassungsschutz mehr Stellen braucht«, sagt Feist. Was sie aber vermisse, sei ein langfristiger Plan. »Das ewige «Nie wieder» ist schön, aber verliert irgendwann an Glaubwürdigkeit.«

COURAGE Es brauche in erster Linie Bildungsarbeit. Es müsse immer wieder erklärt werden, was es bedeute, in einer offenen Gesellschaft zu leben, in einer Demokratie. Welche Rechte aber auch Pflichten dies beinhalte und dass wir alle aufeinander achten sollten - Stichwort Zivilcourage. »Ich bin immer wieder Ersthelferin, aber nicht weil ich der erste Mensch bin, der einen Verletzten sieht«, sagt Feist.

Natürlich sei es auch wichtig, in Schulen oder anderswo zu lehren, welche Traditionen und Gebräuche es im Judentum gebe. »Jüdisches Leben ist oft umgeben von einem Mythos. Viele wissen nicht, was das ist. Das ist der ultimative Nährboden für die abstrusesten Theorien«, betont die Doktorandin.

Während sie spricht, hängt an ihrem Hals ein silberner Anhänger über ihrem schwarzen T-Shirt. »Leben« steht dort in hebräischer Schrift. Es sei ein Geschenk nach dem Anschlag gewesen, sie habe es sofort angelegt und seitdem nie wieder abgenommen. Ihre Jüdischkeit verstecken, das kommt für sie nach dem Angriff noch weniger in Frage als vorher.

Kommentar

250 Gründe, die USA zu lieben

Am 4. Juli 1776 wurden die Vereinigten Staaten gegründet. Eine etwas andere Liebeserklärung

von Imanuel Marcus  04.07.2026

Parteien

AfD-Chefin Alice Weidel äußert sich zu möglichen Koalitionen mit der CDU

Wie hält es die rechtsextreme Partei ihrerseits mit einer Annäherung an die Union?

 04.07.2026

Parteitag

AfD bestätigt Führungsduo – Chrupalla verliert an Rückhalt

Die AfD hat ihr Spitzenduo Weidel-Chrupalla wiedergewählt. Chrupalla muss allerdings Federn lassen. In der zweiten Reihe gibt es neue Gesichter

von Anne-Beatrice Clasmann  04.07.2026

Essay

Die Sprache der AfD

Gewalt, NS-Bezüge und Antisemitismus: Wie die rechtsextreme Partei auch rhetorisch die Grenzen verschiebt. Eine linguistische Analyse

von Deborah Kämper  04.07.2026

Thüringen

Mehr als 30.000 Menschen protestieren gegen AfD-Parteitag

Trotz Blockaden bleibt die Stimmung meist friedlich – doch es gibt auch Zwischenfälle mit Pyrotechnik und Flaschenwürfen

von Simone Rothe  04.07.2026

Wien

Antisemitismus am Denkmal für einen Antisemiten

Ausgerechnet am umstrittenen Denkmal für den einstigen Wiener Bürgermeister Karl Lueger ist es zu einem judenfeindlichen Eklat gekommen

 03.07.2026

Lettland

Deutsche Städte gedenken der nach Riga deportierten Juden

1941/42 wurden mehr als 25.000 Juden aus Deutschland und Österreich zur Vernichtung in die lettische Hauptstadt deportiert. Daran gedachten nun Vertreter aus 30 deutschen Städten

 03.07.2026

Karlsruhe

Waffen für Hamas? Verdächtiger nach Deutschland überstellt

Seit Monaten geht die Bundesanwaltschaft gegen mutmaßliche Hamas-Anhänger vor, die Waffen für die Organisation geschmuggelt haben soll. Ein weiterer Beschuldigter ist jetzt in deutscher U-Haft

 03.07.2026

Iran

Wollte Israel iranische Unterhändler töten?

Wie die »New York Times« berichtet, fürchtete die Trump-Administration bei den Iran-Verhandlungen die gezielte Tötung der iranischen Delegierten Abbas Araghchi und Mohammad Bagher Ghalibaf durch Israel

 03.07.2026