Berlin

Viele Freunde

Ein Schwung mit dem Seil, über Kreuz, durch die Beine – es geht alles so schnell, aber die jungen Erwachsenen des Zirkus »Cabuwazi« und des »Circus Akro-Emek« sind echte Profis. Gelassen jonglieren sie die roten Teller auf den dünnen schwarzen Stäben, so, als würden sie den ganzen Tag nichts anderes machen. »Und ihr solltet lächeln«, sagt Micael Alon, einer der Trainer, »ungefähr so« und grinst. Der Kinderzirkus aus Marzahn und der aus Shimshit, sind hoch konzentriert, während ihre Trainer Ralf Lindner und Micael Alon an diesem Montagnachmittag vor einer langen schwarzen Matte stehen.

Noch sind das alles Proben, denn die Gruppe aus deutschen und israelischen Jugendlichen wird in wenigen Minuten vor einem besonderen Publikum auftreten, vor Politikern, Botschaftern und vor zwei Präsidenten: dem deutschen Bundespräsidenten Frank-Walter Steinmeier und dem israelischen Präsidenten Isaac Herzog. Die beiden Staatsmänner, die zu Besuch beim Deutsch-Israelischen Jugendkongress sind, werden sehen, wie die Jugendlichen Zweierfiguren meistern, Drehungen vollziehen und komplizierte Hebefiguren formen. Sie werden den Applaus hören und die deutsche und israelische Fahne, die bei der Schlussfigur von den Akrobatinnen und Akrobaten hochgehalten werden, bestaunen.

Die Fahnen der beiden Staaten Seite an Seite

Stunden zuvor im Park von Schloss Bellevue. Auch hier sind die Fahnen der beiden Staaten Seite an Seite, aber sie hängen ernst und still von den großen Masten herab. Geturnt und jongliert wird hier nicht, jedoch – fast wie bei einer komplizierten Hebefigur – geht es bei der offiziellen Begegnung von Steinmeier und Herzog um Haltung, klare Worte und um das Sich-Aufeinander-Verlassen-Können. Und es geht vor allem um das große Wort Freundschaft in diesem 60. Jahr der deutsch-israelischen diplomatischen Beziehungen.

»Für uns Deutsche war es ein Geschenk, das wir nach den Verheerungen des Zweiten Weltkriegs und des Zivilisationsbruchs der Schoa nicht erwarten durften. Niemals hätten wir danach auf die heute bestehende Freundschaft zwischen Deutschland und Israel auch nur hoffen können«, sagte Steinmeier, der an die Anfänge der Aufnahme diplomatischer Beziehungen erinnerte. »Das Fundament der Beziehungen ist tief und tragfähig. Es trägt die Erinnerung an die Vergangenheit ebenso in sich wie die geteilten Werte zweier liberaler rechtsstaatlicher Demokratien.«

Gemeinsam mit Herzog, mit dem er später am Tag am »Gleis 17« gedenken werde, wolle er das starke Fundament auch in einer schwierigen Zeit sichtbar machen, betonte Steinmeier.

Ein Geschenk, das Deutschland nicht erwarten durfte.

Zu diesen schwierigen Zeiten zählen die knapp 600 Tage seit dem 7. Oktober 2023 – dem Tag, an dem Israel von der Terrororganisation Hamas überfallen wurde –, in denen sich das Land verteidigen muss. Israel sei in einem Dilemma, sagt Steinmeier. Dieses Wort wird er noch öfter verwenden: Dilemma. Eine Situation, die paradox scheint. Die Freunde Israels seien nicht naiv, sie würden das »Dilemma, das die Hamas für die israelische Armee kreiert, indem sie sich feige hinter Zivilisten versteckt und dabei weiter Raketen auf Israel abfeuert«, erkennen. »Ich erkenne das Dilemma, das die Terrororganisation kreiert, auch indem sie sich an Hilfsgütern bereichert. Aber ich befürchte auch, dass das Leid, das die Menschen in Gaza erleben, die Gräben immer tiefer macht.«

Frieden sei nur möglich, wenn die politische Perspektive für die Region am Horizont erkannt werde. Dafür sei man im Dialog mit den Nachbarn Israels. Sorge habe Steinmeier allerdings, dass sich das »Window of Opportunity« auch wieder schließe. Um dieses historische Zeitfenster ging es auch Isaac Herzog an diesem Montag, an dem sich die Region des Nahen Ostens auf den Besuch des amerikanischen Präsidenten vorbereitete, an dem Edan Alexander nach 584 Tagen als Geisel der Terrororganisation Hamas freigelassen wurde.

Historische Zusammenhänge

Herzog betonte, dass man, um historische Zusammenhänge beurteilen zu können, nicht allein einen bestimmten Zeitpunkt nehmen könne. Die Einbindung Israels in die Region sei ein Prozess, der 1977 mit dem ägyptischen Präsidenten Sadat begonnen habe, dann mit Jordanien, mit den Vereinigten Arabischen Emiraten, Bahrain und Marokko in den »Abraham-Abkommen« fortgesetzt wurde.

Die Frage sei: Was ist der nächste Schritt? Radikalen Kräften, die alle Bemühungen blockieren wollen, nachgeben oder alles tun, was möglich ist, »um uns sowohl zu verteidigen als auch unsere Hand für den Frieden auszustrecken«? Unter den gegenwärtigen Umständen sei dies nicht einfach, aber auch deswegen stehe man hier, um zu zeigen, dass es eine mögliche Hoffnung gebe.

Hoffnung, Frieden, die Hand ausstrecken – für die vielen Jugendlichen beim Deutsch-Israelischen Jugendkongress sind diese Worte aktueller denn je. Sie sind ihr Fundament, auf dem sie insbesondere an diesen drei Tagen während des Kongresses stehen.

»Gut Meod« war die Stimmung auf dem Jugendkongress.

Das, was sie miteinander erleben, können die jungen Deutschen und Israelis künstlerisch ausdrücken. Wie in einem Bild mit Friedenstauben. Oder wie in dem Song »Friendship bleibt Lanezach«, der mit seinem Refrain »Hanging out/Love, Loyalty and Support – Someone to talk to/Gut Meod« (deutsch: sehr gut) vielleicht auf die erfrischendste Art das heimliche Motto des Kongresses wiedergegeben hat.

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Die jungen Erwachsenen haben sich in diesen Tagen einander geöffnet, haben über Momente des Glücks gesprochen, haben miteinander gelacht – sie haben sich auch mit den Gefühlen auseinandergesetzt, die sie nach dem 7. Oktober 2023 haben. Wie die Kurzfilm-Gruppe, die mit ihrem Beitrag einen Moment einer Teenager-Freundschaft zwischen Deutschland und Israel eingefangen hat. Oder die Gruppe des »Creative Writing«, die ihren Beitrag, das Gedicht »For a Better Tomorrow«, den beiden Präsidenten übergeben hat.

Für die Jugendlichen sind diese drei Tage Momente, die bleiben. Sie nehmen sie mit in ihren Herzen – und auf ihren Smartphones, denn die Stars des Jugendkongresses waren ganz zum Schluss die beiden Präsidenten. Sie wurden für den besten Beweis einer modernen Freundschaft genommen: unzählige Selfies.

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