Redezeit

»Verlässlich verzerrende Tendenz«

Melody Sucharewicz, Politikberaterin und Moderatorin Foto: Metin Cherasi

Frau Sucharewicz, Sie setzen sich seit Jahren leidenschaftlich für ein besseres Image Israels in der Welt ein. Keine ganz einfache Aufgabe, oder?
Einfache Aufgabe? Eine Antwort erübrigt sich. Leidenschaftlicher Einsatz? ja, plus das Kalorien fressende Bemühen, Mitstreiter zu mobilisieren, zu trainieren und zu professionalisieren.

Sie sind eine entschiedene Kritikerin der deutschen Israel-Berichterstattung. Woran genau nehmen Sie Anstoß?
An der Auswahl und Wortwahl von Informationen. Die Hamas-Raketen werden oft ignoriert und wenn nicht, dann schießen sie »angeblich«. Stunden nach dem Terroranschlag in Jerusalem Ende März, bei dem eine britische Touristin ums Leben kam und über 50 Menschen zum Teil schwer verletzt wurden, war »Israel plant Gegenschlag« die Schlagzeile bei »Spiegel Online«. Vergangene Woche wurde ein israelischer Schulbus im Süden von einer Kassam-Rakete getroffen. Ein schwer verletzter 16-jähriger Junge kämpft in diesen Minuten ums Überleben. Konsequentes Schweigen in den üblichen Blättern, vom Gegenschlag hingegen wird ausführlich berichtet.

Wie erklären Sie sich, dass offenbar mit zweierlei Maß gemessen wird?
Öl, Öl, Öl, mit einer Prise latentem Antisemitismus. Israel als friedensunwilligen Aggressor serviert zu bekommen, scheint bei so vielen Lesern ein wohliges Gefühl zu erzeugen, dass die verzerrte Berichterstattung mit Quoten belohnt wird. Kontext ist egal, Fakten sind egal, israelische Opfer sind egal, Alltag mit Angst vor Raketen ist egal – was zählt, ist der Rückschlag.

Welche Medien meinen Sie konkret?
»Spiegel«, »Stern« und »Süddeutsche Zeitung« – zwischendurch mit überraschend »balancierten« Beiträgen, aber grundsätzlich von verlässlich verzerrender Tendenz.

Entspricht es ebenfalls der Wahrnehmung in Israel, dass deutsche Journalisten zuweilen eher selektiv und israelkritisch berichten?
Es ist auch beim besten Willen nicht zu übersehen. Die einstimmige Bundestagsresolution nach der Gaza-Flottille im Mai 2010, die Israel – ähnlich wie der endlich entlarvte Goldstone-Bericht – verurteilte, ist anders nicht zu erklären. Jeder, der sich über Al Dschasira und die türkischen IHH-Berichte hinaus mit den audio-visuell dokumentierten Ereignissen befasst hat, weiß, dass die israelischen Soldaten an Bord erst zur Waffe griffen, als sie sich gegen einen blutrünstigen Mob wehrten.

Trägt die Regierung Netanjahu mit ihrer umstrittenen Siedlungspolitik nicht auch selbst zum negativen Image des Landes bei?
Die Siedlungen schaffen eine wichtige strategische Tiefe. Ob, wie weit und wann sich Israel – wie 2005 aus dem Gaza-Streifen – aus dem Westjordanland zurückzieht, muss, wie im Oslo-Abkommen beschlossen, verhandelt werden. Wer sich über Siedlungen aufregt, kennt die jüngste Geschichte nicht. Denn ohne den Angriff von Ägypten, Syrien und Jordanien in 1967 gäbe es heute keine Besetzung. Ohne das dreifache »Nein« der Arabischen Liga in der Konferenz von Khartoum (kein Frieden, keine Anerkennung, keine Verhandlungen mit Israel) gäbe es heute keine Siedlungen. Ebenso gilt: Ohne Raketen aus Gaza gäbe es keine Blockade.

Ist es ein PR-Erfolg der Hamas und der Hisbollah, dass westliche Medien diese Fakten bei der Beurteilung des Nahostkonflikts nur selten berücksichtigen?
Ja, der militante Teil der arabischen Welt manövriert sich durch Aggression und Drohungen in Situationen, deren Folgen sie dann mit Hilfe westlicher Medien lautstark beklagen. Alle reden von der »Mauer«, von den Siedlungen, von der Gaza-Blockade, statt vom eigentlichen Friedenshindernis. Die westlichen Medien haben sich von dieser jahrzehntelangen Propaganda instrumentalisieren lassen und spielen dem Terror in die Hände. Teilweise tragen wir daran aber auch Mitschuld. Hamas, Hisbollah und Co. sind einfach professionelle Propagandisten. Und raten Sie mal, von wem sie das gelernt haben?

Was könnte dazu beitragen, dass in Zukunft ausgewogener über den Nahostkonflikt berichtet wird?
Gelungenere israelische Öffentlichkeitsarbeit, mehr und besser organisierte Proteste in Deutschland, konsequentes, auch rechtliches Vorgehen gegen Faktenverfälschung. Die Anti-Israel-Haltung mancher Medien muss zu einem erstrangigen Thema gemacht werden, das auch die politisch-psychologischen Hintergründe untersucht. Rechtsextreme relativieren ihre Vergangenheit, die Linke distanziert sich von ihrer Geschichte, je intensiver Israel kritisiert wird.

Sollte zukünftig der deutsche Presserat konsequenter bemüht werden?
Absolut, der Presserat und auch alle anderen Organisationen, denen Demokratie wichtig ist, sollten reagieren, wenn etwa ein Blatt Kinder mordende Terroristen als »palästinensische Angreifer oder Freiheitskämpfer« verniedlicht. Ein bekannter türkischer Journalist schrieb nach dem Attentat auf Familie Fogel in Itamar: »Die Terroristen erklären einfach jeden Israeli und jeden Juden zu einem Soldat.« Ich frage mich, welchen militärischen Rang das drei Monate alte Baby hatte, dem ein Terrorist die Kehle durchschnitten hat.


Melody Sucharewicz wurde 1980 in München geboren. Nach ihrem Abitur im Freistaat machte sie Alija. In Tel Aviv studierte sie Soziologie, Anthropologie sowie Business Management. 2006 gewann sie die populäre israelische Reality-TV-Show »The Ambassador« und wurde damit »Sonderbotschafterin« des jüdischen Staates. Im Rahmen der Sendung hielt sie eine Rede vor den Vereinten Nationen, die Lösungsvorschläge für den Nahostkonflikt zum Gegenstand hatte. Heute arbeitet sie als Beraterin für verschiedene politische Institutionen und Organisationen.

Berlin

Brandenburger Tor leuchtet als Zeichen der Solidarität mit Iran-Protesten

»Die gewaltsame Niederschlagung der Proteste ändert nichts daran, dass der Drang nach Freiheit bleibt«, sagt Kai Wegner (CD), der Regierende Bürgermeister

 13.02.2026

Augsburg

Gericht kippt Redeverbot für Höcke im Allgäu

Am Wochenende sollte Thüringens AfD-Landtagsfraktionschef in zwei Hallen in Bayern als Gastredner auftreten. Die Gemeinden wehren sich – aber vorerst nur in einem Fall mit Erfolg

 13.02.2026

Meinung

Danke, Herr Minister!

Johann Wadephul hat sich von Francesca Albanese distanziert und ihren Rücktritt gefordert. Doch jetzt müssen Deutschland und andere Staaten den Druck weiter erhöhen

von Michael Thaidigsmann  13.02.2026

Meinung

Jeffrey Epstein: Ein schlechter Mensch

Der verurteilte amerikanische Sexualstraftäter ist und bleibt ein beliebig formbares Vehikel für jedweden Verschwörungsmythos

von Sophie Albers Ben Chamo  13.02.2026

Diplomatie

Berichte: USA schicken weiteren Flugzeugträger nach Nahost

Der Schritt ist eine Drohung an das Regime im Iran, mit dem US-Präsident Donald Trump gerne ein Atom-Abkommen abschließen möchte

 13.02.2026

Berlin

Internationales Auschwitz Komitee fordert AfD-Verbotsverfahren

Eva Umlauf, die Präsidentin des Komitees sagt, die Partei müsse »endlich vor die Schranken des Bundesverfassungsgerichts« gebracht werden

 13.02.2026

Analyse

Historiker: Dirigent von Karajan kein Hitler-Sympathisant

Opportunist oder Gesinnungsnazi? Das historische Bild des Dirigenten Herbert von Karajan leidet seit Längerem unter seiner NSDAP-Mitgliedschaft. Der Historiker Michael Wolffsohn will ihn nun von mehreren Vorwürfen freisprechen

von Johannes Peter Senk  13.02.2026

Ramallah

Scharia und Unterstützung für »Märtyrer«: PA veröffentlicht Verfassungsentwurf

In dem Entwurf, den Palästinenserpräsident Mahmud Abbas publizieren ließ, wird Jerusalem als »Hauptstadt des Staates Palästina« bezeichnet. Jüdische Bezüge werden im gesamten Text nicht erwähnt

 13.02.2026

München

Lauder fordert Abberufung von Francesca Albanese

Die UNO-Sonderberichterstatterin stehe für eine ideologische Agenda, die Verschwörungstheorien und spaltende, antisemitische Botschaften transportiere, sagt der Präsident des Jüdischen Weltkongresses

von Imanuel Marcus  13.02.2026