München

Verantwortung übernehmen

Gedenktafel an der Connollystraße 31 Foto: Marco Limberg

Kurz vor dem 50. Jahrestag des Attentats auf die israelische Olympia-Mannschaft am 5. September 1972 in München hat sich nun auch Frank-Walter Steinmeier in den Streit um eine höhere Entschädigung der Hinterbliebenen eingeschaltet. Der Bundespräsident ist offenbar sogar willens, kurzfristig nach Israel zu reisen, um die Angehörigen zu treffen und mit ihnen der Terroropfer zu gedenken.

Vor drei Wochen hatte Ankie Spitzer, Sprecherin der Familienangehörigen, angekündigt, man wolle der Gedenkfeier in München fernbleiben. Als Grund nannte sie das ihrer Ansicht nach unzureichende Angebot der Bundesregierung für weitere Entschädigungszahlungen.

Initiative Steinmeier sei nicht von den Angehörigen eingeladen worden, er habe er selbst die Initiative ergriffen, sagte Spitzer im israelischen Radio. »Er hat vorgeschlagen, für einen Tag nach Israel zu kommen, um die Familien zu treffen und mit ihnen einen Kranz an der Gedenkstätte in Tel Aviv niederzulegen.« Man wisse aber nicht so recht, was davon zu halten sei. »Kommt er nur, um ein reines Gewissen zu haben?«

Die von Deutschland nun ins Spiel gebrachte Summe nennt Ankie Spitzer ein »Trinkgeld« und »entwürdigend«

Spitzers Angaben zufolge hat Deutschland bislang rund vier Millionen Euro an die Hinterbliebenen ausbezahlt. Vieles davon habe man aber verwenden müssen, um Anwalts- und andere Kosten zu begleichen. Die von Deutschland nun ins Spiel gebrachte zusätzliche Summe nannte Spitzer jedoch ein »Trinkgeld« und »entwürdigend«. Der »Welt am Sonntag« sagte sie: »Soll ich mich etwa für 50 Jahre Lügen und Misshandlung bedanken? Nein, Deutschland muss endlich Verantwortung übernehmen und sein Verhalten korrigieren. Dann können wir sprechen, und dann werden wir auch eine Entschuldigung akzeptieren. Aber so nicht.«

Deutschland steht seit Jahrzehnten für die laxen Sicherheitsvorkehrungen im Olympischen Dorf sowie die missglückte Befreiungsaktion am Flugplatz Fürstenfeldbruck in der Kritik, die maßgeblich zum Tod der Geiseln sowie eines Polizisten beitrug. Zudem wurde den Angehörigen der Opfer jahrzehntelang die Einsicht in die Ermittlungsakten verwehrt.

Das Bundespräsidialamt ließ vergangene Woche denn auch Verständnis für deren Aliegen durchblicken: »Der mörderische Terroranschlag selbst, aber gerade auch das Versagen der deutschen Behörden, die jungen israelischen Athleten zu schützen und zu retten, haben ihren Familien unermesslichen Schmerz und Leid zugefügt«, hieß es in einer Erklärung.

Lösung Ob noch vor dem Jahrestag eine Lösung bei der Entschädigung gefunden werden kann, war bis Redaktionsschluss (Mittwoch) fraglich. Zudem ließ Steinmeier klarstellen, er werde sich nicht in die Verhandlungen diesbezüglich einmischen, das sei Sache des Innenministeriums.

Der FDP-Bundestagsabgeordnete Pascal Kober, Beauftragter der Bundesregierung für die Anliegen von Betroffenen von terroristischen Anschlägen, sagte dieser Zeitung: »Wir tragen in Deutschland eine politische Verantwortung, der wir uns stellen müssen – insbesondere auch im Hinblick auf unser einzigartiges Verhältnis zu Israel.« Zwar gebe es unter den Hinterbliebenen in der Entschädigungsfrage unterschiedliche Sichtweisen. Er wünsche sich aber eine Lösung, die die Interessen aller Beteiligten vereine. Die Bundesregierung sei zu weiteren Gesprächen bereit. Auch Israels Botschafter Ron Prosor hofft noch. »Wir haben zwei Wochen Zeit, um daran zu arbeiten«, sagte er der »Bild«. Die Familien verdienten einen »Abschluss«. Das Blatt berichtete, das Kanzleramt habe sich nun in die Gespräche eingeschaltet.

Bayerns Antisemitismusbeauftragter Ludwig Spaenle brachte sogar die Absage der Veranstaltung ins Spiel.

Das mögliche Fernbleiben der Angehörigen erschwert massiv die Planungen für die Gedenkfeier in München. Bayerns Antisemitismusbeauftragter Ludwig Spaenle (CSU) brachte deshalb sogar die Absage der Veranstaltung ins Spiel. Eigentlich sollte auch Israels Staatspräsident Isaac Herzog daran teilnehmen. Doch der wird vorerst nur in Berlin erwartet. Am 6. September will Herzog vor dem Bundestag reden. In München wird er sich aber wohl nur blicken lassen, wenn auch die Angehörigen der Terroropfer kommen. Die wiederum wollen ihren Boykott nur dann überdenken, wenn es bei der Entschädigung zu einer Einigung kommt.

Auszeichnung

Ehrenamtspreis für jüdisches Leben geht nach Köln und Berlin

Bereits zum vierten Mal wird der Ehrenamtspreis für jüdisches Leben verliehen. In diesem Jahr werden Projekte geehrt, die vor allem auf einen niederschwelligen Zugang setzen

von Birgit Wilke  14.07.2026

Medien

Wechsel im ARD-Studio Tel Aviv: Sophie von der Tann wird abgelöst

Während der BR seine Korrespondentin in höchsten Tönen lobt, wurde extern immer wieder heftige Kritik geübt. Von der Tanns Nachfolgerin in Israel ist Pia-Marie Steckelbach

 14.07.2026

Kommentar

Wenn Studenten wieder anfangen, Juden auszugrenzen

Es sind Beschlüsse wie der Boykott-Beschluss des Studierendenparlaments der Humboldt-Uni, bei denen man sich unwillkürlich fragt, ob die zukünftige sogenannte deutsche Bildungselite noch zu retten ist

von Leeor Engländer  14.07.2026

München

Bayerns 180-Grad-Restitutionswende

Der Freistaat hat sich entschieden, eine Bronze von Picasso zurückzugeben und dabei gleich seinen Umgang mit NS-Raubkunst zu reformieren

von Michael Thaidigsmann  14.07.2026

Faktencheck

Henry Kissinger wollte die »weiße Rasse« nicht beseitigen

Dem früheren US-Außenminister Henry Kissinger werden immer wieder völlig frei erfundene Zitate zugeschrieben. Etwa, dass er die »weiße Rasse« durch multikulturelle Gesellschaften habe ersetzen wollen

 14.07.2026

Washington D.C.

Trump droht mit Angriff: Was über »Pickaxe Mountain« bekannt ist

Den Berg, der eine Atomanlage beherbergt, bezeichnet der US-Präsident als mögliches Ziel für einen »großen, fetten« Angriff

 14.07.2026

Osnabrück/Doha

Iron-Dome-Deal zwischen Israel und VW droht an Katar-Veto zu scheitern

Ein Verteidigungsdeal mit Israel und Hunderte Arbeitsplätze am VW-Standort Osnabrück sind in Gefahr, da der katarische Staatsfonds blockiert

 14.07.2026

Washington D.C.

USA-Iran-Rahmenabkommen: Was hat Trump überhaupt erreicht?

Groß war der Jubel des US-Präsidenten, als er mit der Führung im Iran ein vages Rahmenabkommen erzielte. Knapp einen Monat später stellt sich jedoch die Frage: Was ist davon noch übrig?

von Franziska Spiecker, Khang Mischke  14.07.2026

Argentinien

Der jüdische Teil von Messi

Während im Internet Gerüchte über Lionel Messis Herkunft und Sympathien rumoren, erzählt der Sohn eines verstorbenen argentinischen Fußballfans eine besonders schöne Geschichte

von Sophie Albers Ben Chamo  14.07.2026 Aktualisiert