Diplomatie

Unterkühlte Staatsräson

Netanjahu und Merkel bei einer gemeinsamen Pressekonferenz im Dezember 2012: einig, uneinig zu sein Foto: dpa

Als Benjamin Netanjahu zu den jährlichen Regierungskonsultationen vergangenen Winter nach Berlin kam, hielt es Angela Merkel für richtig, noch einmal an die deutsche Staatsräson zu erinnern, jenes unbedingte Eintreten für die Sicherheit Israels, das sie fast fünf Jahre zuvor so eindrücklich vor der Knesset postuliert hatte.

Aber die eigentliche Botschaft war eine ganz andere. Gleich dreimal sagte sie, an der Seite ihres Gastes Netanjahu stehend, man sei sich einig, dass man sich nicht einig sei. Gemeint war der fehlende Fortschritt im Friedensprozess, für den man in Berlin wegen der Siedlungspolitik vor allem die Israelis verantwortlich macht. Deutlicher konnte man es kaum sagen, wenn man den Zustand der deutsch-israelischen Beziehungen beschreiben wollte. Sie sind auf dem Gefrierpunkt, ein Trend, der schon lange andauert.

telefonate Ex-Botschafter Yoram Ben- Zeev, der als Augenzeuge bei den Treffen zwischen Merkel und Netanjahu anwesend war, gibt die Stimmung dabei wieder. »Ich glaube, dass Frau Merkel wegen der Tatsache enttäuscht war, dass die Regierung von Premierminister Netanjahu das fortsetzt, was Merkel als illegale Siedlungen und Hindernis für den Frieden ansieht.«

Am Telefon geht es zwischen Merkel und Netanjahu seit Jahren zur Sache, und das wird dann sogar öffentlich. Kostproben: Februar 2011. Merkel zu Netanjahu: »Wie können Sie es wagen? Sie sind derjenige, der uns enttäuscht. Sie haben den Friedensprozess keinen Schritt vorangebracht« – wörtlich nachzulesen in der Zeitung Haaretz. Frühjahr 2012 – wieder ein Telefongespräch. Merkel beklagt sich erneut über Israels Siedlungspolitik, Netanjahu macht klar, dass er an einen Baustopp nicht denkt.

Merkel verweist darauf, sie habe ihn schon vor einem Jahr gedrängt, auf die Veränderungen im arabischen Raum zu reagieren, was Israel nicht tat. Sie fordert ihn zur Freilassung von mehr palästinensischen Gefangenen auf – Netanjahu sagt, er habe doch den Soldaten Schalit bekommen, warum solle er noch mehr Leute freilassen, an deren Hände Blut klebe? Merkel wirft Netanjahu vor, die Palästinenserführung in die Hände der Hamas zu treiben, um hinterher sagen zu können, dass er mit ihr nichts zu tun haben wolle.

volksmeinung Als im Herbst die Palästinenser vor den Vereinten Nationen gegen den erbitterten Widerstand Israels einen Beobachterstatus und damit weitgehende Rechte erfolgreich einforderten, wies die Kanzlerin die deutschen Diplomaten an, sich der Stimme zu enthalten und nicht mit Nein zu votieren wie bei ähnlichen Abstimmungen zuvor – was Netanjahu prompt mit der Baugenehmigung für Tausende neuer Wohnungen quittierte.

Merkel ist in Übereinstimmung mit den politischen Parteien. Im Bundestag findet sich praktisch niemand mehr, der noch bereit ist, den bisherigen Kurs Israels im Friedensprozess zu unterstützen. Beinahe spiegelbildlich vollziehen die Deutschen diesen Stimmungswandel mit. In einer Umfrage des »Stern« vom Mai 2012 sagten 70 Prozent der Befragten, Israel verfolge seine Interessen ohne Rücksicht auf andere Völker. 59 Prozent betrachteten das Land als »aggressiv«, nur 21 Prozent glaubten, Israel achte die Menschenrechte – und nur noch 36 Prozent fanden den jüdischen Staat sympathisch.

Und der dunkle, lange Schatten der Nazi-Vergangenheit wird kürzer. 60 Prozent der Befragten meinten, Deutschland habe keine besondere Verpflichtung gegenüber Israel. Nur 33 Prozent glaubten noch an eine besondere Verantwortung gegenüber dem Staat der Juden: eine deutliche Absage an die – trotz allem – von Angela Merkel und den weitaus meisten Politikern nach wie vor hochgehaltene Staatsräson. Dabei bleibt es ohnehin schwierig, die Politik darauf festzulegen, was dieser Begriff in der Praxis bedeutet. Außenminister Guido Westerwelle macht daraus keinen Hehl, wenn er von der vorsätzlichen »strategischen Unschärfe« spricht.

iran Seit Jahrzehnten liefert Deutschland an Israel, anfangs geheim, Waffen, die Kooperation im Rüstungsbereich ist eng, die Geheimdienste pflegen einen intensiven Austausch, ebenso wie die Sondereinheiten der Bundeswehr und der Bundespolizei. Die deutschen U-Boote der Dolphin-Klasse haben es Israel ermöglicht, eine glaubwürdige Zweitschlagskapazität für seine atomare Abschreckung aufzubauen – eine Warnung vor allem an den Iran.

Aber auch in diesem Punkt ist Merkel zu Netanjahu scharf auf Distanz gegangen. Im vergangenen Sommer griff sie zum Telefon und verlangte Zurückhaltung bei einem Angriff auf Irans Nuklearanlagen – ein Angriff, der unmittelbar bevorstand. Nur massiver Druck aus Washington und aus dem eigenen, israelischen Sicherheitsestablishment hat damals den Startbefehl für die Bomber verhindert.

Die deutsche Regierung stimmt bei den entscheidenden Forderungen mit Israels wichtigstem Partner völlig überein. Der jüngste Besuch von US-Präsident Barack Obama im Nahen Osten hat dies klar gezeigt. Wie Obama baut die Bundesregierung auf die Wiederaufnahme des Friedensprozesses, wie Washington will man in Berlin mehr Zeit für eine diplomatische Lösung der Atomfrage mit dem Iran.

Ob Benjamin Netanjahu mit seiner neuen Regierung stark genug ist, seinen allzu oft geäußerten Friedensabsichten auch endlich Taten folgen zu lassen, muss sich möglichst bald zeigen. Sonst könnte es für die Politik in Berlin zunehmend schwieriger werden, gegenüber einer kritischen Bevölkerung das Versprechen für Israels Sicherheit als deutsche Staatsräson weiter aufrechtzuerhalten, wenn es wirklich einmal darauf ankommen sollte.

Werner Sonne ist Autor des Buchs »Staatsräson. Wie Deutschland für Israels Sicherheit haftet« (Propyläen, Berlin 2013, 256 S., 19,99 €)

Debatte um Erklärung

Hickhack bei Rot-Grün-Rot: Das steht in den Antisemitismus-Papieren

Die Berliner Regierungsbildung stockt, nachdem die Linke im Abgeordnetenhaus ein eigenes Papier zum Kampf gegen Antisemitismus gebilligt hat. Wo sich die zwei Erklärungen unterscheiden

 14.10.2026

Umfrage

66 Prozent der Unionswähler für Prüfung von AfD-Verbot

Eine Campact-Umfrage zeigt, dass die Wähler der Unionsparteien mehrheitlich für die Prüfung eines AfD-Verbotsverfahrens sind. Auch eine Koalition mit der AfD wird von Anhängern der Mitte-Parteien deutlich abgelehnt

 14.10.2026

Sachsen-Anhalt

Eine Woche voller Eklats

Nach der Wahl des Landtagspräsidiums bröckelt die »Brandmauer« in der CDU weiter. Das Gedenken in Halle bot einen Vorgeschmack auf ein Land unter AfD-Regierung

von André Anchuelo  14.10.2026

Ministerpräsident Sven Schulze (CDU)

Landtag von Sachsen-Anhalt

Ministerpräsidenten-Wahl: CDU will im dritten Wahlgang im Plenarsaal sein

Bei der Ministerpräsidentenwahl in Sachsen-Anhalt will die CDU den Plenarsaal zunächst verlassen. Für einen möglichen dritten Wahlgang kündigt Fraktionschef Sven Schulze ein anderes Vorgehen an. AfD und BSW beschließen derweil einen Antrag zur Ukraine

 14.10.2026

Berlin

»Eine gute Wahl«: Bundesregierung ernennt von Schnurbein zur Beauftragten für jüdisches Leben

Die 52-jährige EU-Beamtin ist am Mittwoch offiziell zur Nachfolgerin von Felix Klein bestellt worden. Aus den jüdischen Verbänden und Gemeinden kamen unisono positive Reaktionen

von Michael Thaidigsmann  14.10.2026

Regierungsbildung in Berlin

Banaszak: Emdes Fraktions-Aus war Grundlage für Sondierungen

Die Grünen-Landesvorsitzende Stahr betont hingegen, dass ihre Partei weiter »am Tisch sitzt« und auf eine Erklärung der Linken wartet

 14.10.2026

Regierungsbildung in Berlin

Schwerdtner bedauert Gesprächspause in Berlin

Die Gespräche über eine rot-grün-rote Regierung in Berlin liegen auf Eis. Linken-Bundeschefin Ines Schwerdtner hält die Erklärung ihrer Fraktion zu Antisemitismus dennoch für ausreichend

 14.10.2026

Berlin

Julia Klöckner: AfD-Verbotsverfahren nicht »aus dem Bauch heraus starten«

Die CDU-Bundestagspräsidentin warnt davor, die Rechtsaußen-Partei zum »Märtyrer« zu machen

 14.10.2026

Unterbrochene Sondierungen

Berliner CDU an Grüne und SPD: »Hand ist ausgestreckt«

Die Regierungsbildung zwischen Linken, Grünen und SPD in Berlin stockt. Nach der überraschenden Unterbrechung der Sondierungen meldet sich ein Wahlverlierer zu Wort

 14.10.2026