Meinung

Ungarn: Den Bogen überspannt

Karl Pfeifer Foto: Miryam Gümbel

Seit Viktor Orbán 2010 zum zweiten Mal Ministerpräsident Ungarns wurde, häufen sich die antisemitischen Skandale. In der Regel spielt Orbán die Rolle des verantwortungsvollen Politikers, der den jüdischen Organisationen gegenüber immer wieder erklärt, Juden zu schützen, während seine Hofhistoriker die Mitverantwortung des Horthy-Regimes für den ungarischen Holocaust 1944 leugnen.

Ungehemmte Hetze kommt von Orbáns gutem Freund, dem Journalisten Zsolt Bayer, der von der konservativen Wiener »Presse« bereits Anfang 2011 als »der geehrte Fäkal-Antisemit« tituliert wurde und dies auf sich hat sitzen lassen. Seit Wochen tobt die Regierungspropaganda gegen den aus Ungarn stammenden Juden George Soros, dem unter anderem unterstellt wird, für die Migrationswelle aus dem Nahen Osten und Afrika verantwortlich zu sein. Dabei werden Anleihen aus der Nazipropaganda – wie die imaginierte Weltverschwörung – übernommen, und wenn auch das Wort »jüdisch« nicht ausgesprochen wird, begreift jeder, wer damit gemeint ist.

massendemonstrationen Anfang April ließ Orbán ein gegen die von Soros gegründete Budapester Central European University (CEU) gerichtetes Gesetz im Parlament durchpeitschen. Damit hat er wahrscheinlich den Bogen überspannt, denn dieses Gesetz erboste auch einen Teil seiner Anhänger und führte in Budapest zu Massendemonstrationen. Was ihn aber mehr stören könnte: Die US-Regierung hat sich wider Erwarten vor die CEU gestellt.

Seit Jahren diskutieren ungarische Intellektuelle über die Frage, ob Orbán den manchmal auch expliziten Antisemitismus zynisch einsetzt, um damit rechtsextreme Wähler zu mobilisieren und die Aufmerksamkeit von der wuchernden Korruption abzulenken, oder ob er selbst daran glaubt. Die Antwort darauf ist unerheblich.

Viel wichtiger ist die Frage, wieso ein Politiker wie Orbán, der Ende Februar sagte, »die ethnische Homogenität« müsse bewahrt werden, und »zu viel Vermischung« bringe nur Probleme, von den sich christlich nennenden Parteien als einer der ihren akzeptiert wird. Die europäischen Volksparteien, zu denen die von Orbán geführte Fidesz gehört, müssen endlich aufhören, dieses mit Putins Russland eng verbundene Regime zu dulden; die Oppositionsparteien müssen sich auf eine gemeinsame Plattform einigen. Sonst werden Orbán und seine Freunde weiter an nationalistische und antisemitische Emotionen appellieren – fatal in einem Land mit über 40 Prozent Armut.

Der Autor ist Schoa-Überlebender und Journalist in Wien.

Mehr zu George Soros lesen Sie hier:
www.juedische-allgemeine.de/article/view/id/27942

Antisemitismus

Das sagt der Linken-Chef zum Büttner-Abgang

Der brandenburgische Antisemitismus-Beauftragte Andreas Büttner eckte in seiner Partei an. Jetzt verlässt er die Linke mit bitterer Kritik. Seine Partei erlebt die x-te Neuauflage einer Debatte

von Oliver von Riegen, Verena Schmitt-Roschmann  16.03.2026

Berlin

Hertie School: Studierendenvertretung verliert Misstrauensvotum

Nach einem Beschluss zur Unterstützung der gegen Israel gerichteten BDS-Bewegung haben die Studenten der privaten Hochschule ihre Vertretung abgewählt

von Joshua Schultheis  16.03.2026

Iran-Krieg

Deutschland will keinen NATO-Einsatz in der Straße von Hormus

Die US-Regierung macht Druck auf Nato-Partner, sich an der Absicherung einer wichtigen Seeroute in Nahost zu beteiligen. Berlin macht klar, dass man die Allianz gar nicht am Zuge sieht

 16.03.2026

Washington D.C.

Trump fordert militärische Unterstützung im Golf

Insbesondere von europäischen NATO-Staaten erwarte er konkrete Beiträge. Andernfalls drohe der NATO eine schwierige Zukunft, so der amerikanische Präsident

 16.03.2026

Thüringen

Jüdische Organisationen warnen vor »antisemitischer Provokation« in Buchenwald

Ein breites Bündnis wendet sich mit einer gemeinsamen Erklärung scharf gegen die Kampagne \»Kufiyas in Buchenwald\«

 16.03.2026

Nahost

Reaktion auf Beschuss der Miliz: Israel greift Hisbollah und iranisches Regime an

Die Lage im Überblick

 16.03.2026

EXKLUSIV

»Es geht nicht mehr«: Andreas Büttner verlässt die Linkspartei

Nach einem Beschluss der Linken in Niedersachsen war für Brandenburgs Antisemitismusbeauftragten das Maß voll: Er tritt aus der Partei aus

von Michael Thaidigsmann  16.03.2026

Teheran

Trotz Angriffen: Iran mobilisiert zu Al‑Kuds‑Protesten

Zum Ende des Fastenmonats Ramadan findet im Iran immer eine staatlich-inszenierte Großdemonstration gegen Israel statt. Die Führung rief die Bevölkerung auf, es dem »Feind« zu zeigen

 13.03.2026

Andenes

Kanzler Merz sieht keinen Anlass für Militäreinsatz in Straße von Hormus

Der französische Präsident treibt die Idee eines Militäreinsatzes zum Schutz von Öltankern und Handelsschiffen in der Straße von Hormus voran. Kanzler Merz ist da deutlich zurückhaltender

 13.03.2026