Den Zettel klebe ich noch schnell an unsere Zettelwand »Ich habe euch unendlich lieb! Wir sehen uns am 2. März. 1000 Küsse Mutti«. Er hängt jetzt neben dem Zettel des großen Kindes (»Hab euch lieb. Rufe euch die Tage alle an«), neben Notrufnummern und Stundenplänen. Dann fahre ich mit der Bahn gemütlich zum Flughafen BER in Schönefeld. Das Tel Aviv Institute hat Influencer aus Australien, Spanien, Großbritannien, den USA und Deutschland unter dem Titel »Jews Talk Justice Laboratory« eingeladen.
Tel Aviv und das Lab waren überwältigend. Ich habe viel gelernt, Netzwerke gebildet und beeindruckende Persönlichkeiten kennengelernt. Ich traf Holocaustüberlebende, Kinder und Enkel von Holocaustüberlebenden, ehemalige Geiseln der Hamas, Politiker, Historiker, Influencer, Israelis aus allen möglichen politischen Lagern – und dann den Krieg.
Im letzten Jahr war ich ihm kurz zuvor entkommen. Kaum hatte ich im Juni 2025 Israel verlassen, begann der israelisch-iranische Zwölftagekrieg. Auch damals war ich einige Male mit anderen Menschen im Shelter, weil Israel ja ständig von irgendwelchen Großmannssüchtigen angegriffen wird. Ich habe darüber ein Buch geschrieben »Streit und Straßenkampf - unterwegs für die Freiheit« (Ariella Verlag).
Flüge gestrichen
Gleich nach dem Lab in Tel Aviv hatte ich für den 1. März einen Flug nach Frankfurt gebucht, weil die Jüdische Gemeinde Wiesbaden und das Jüdische Lehrhaus eine Lesung mit mir planten. Der Flug und die Lesung fanden nie statt. Diesmal entkam ich dem Krieg nicht.
Meinem Abreisetag waren Tage voller Bildung und Begegnungen vorangegangen. Ich hatte viel Material für mein nächstes Buch, Geschenke und einen Koffer voller schmutziger Wäsche. Ich freute mich jetzt auf die Lesung und die Heimkehr zu meinen Kindern. Den Abreisetag hatte ich für meine Freundin Nirit aus Hannover reserviert. Sie war bei ihrer Familie in Israel und wollte mir Tel Aviv touristisch zeigen.
Doch dann kam die Mitteilung, dass unsere Flüge gestrichen wurden und die Ereignisse überschlugen sich. Wir hatten bereits ausgecheckt. Nirit sagte ab und ging in den Shelter. Auch suchte ich mir eine Mitschlafgelegenheit.
Ende der Qual
Von Samstag bis zu meiner Rückkehr nach Deutschland verzeichnete meine Smartwatch einen verminderten Schlafindex, eine erhöhte Lärmbelastung, eine erhöhte Herzfrequenz und den Super-Duper-Special-Treppensteig-Index, weil ich ständig in unterirdische Schutzräume flitzte. Ich hatte keine Ahnung, dass ich bis zu meiner Ankunft in Berlin kaum noch schlafen und jede Trainingseinheit toppen würde.
Die nächsten Tage verbrachte ich in Tiefgaragen, Schutzräumen, in Gesellschaft vieler Menschen, darunter Asiaten, Muslimen, Juden und Christen unter Raketenalarm. Wir haben Essen, Musik und Kissen geteilt. Und gute Wünsche. Jeder einzelne Mensch, den ich in Israel traf, wünschte der iranischen Gesellschaft Frieden und ein Ende der Qual.
Die Verbindung nach Deutschland war nicht immer stabil, aber meine Geschwister, unsere Freunde und eine Nachbarin kümmerten sich um meine Kinder. Aber vor allem meldeten sich die israelischen Behörden, die Fluggesellschaft und das Auswärtige Amt regelmäßig zuverlässig mit neuesten Informationen. Aber meine Freunde in der jüdischen Community toppten alles.
Kinder in Sorge
Der Berliner Alon, der schon das Kaddisch am christlichen Grab meiner Mutter sprach, organisierte mir in Tel Aviv frische Kleidung. So lernte ich die wunderbare Ofra kennen. Mein Koffer ging kaputt. Ofra organisierte auch hier Ersatz. Die Sachen brachte Anat, deren Tochter Gail sich ebenfalls meldete. Ich hatte dann Zimmer in Hotels und einem Hostel und schlief nicht eine Nacht im selben Bett.
Wir verbrachten die meiste Zeit unterirdisch oder in Schutzräumen, auf der Suche nach Steckdosen für unsere Handys und ich mit der Planung meiner Heimkehr zu den Kindern. Sie sind nicht mehr klein. Doch sie waren in Sorge. Das hätte ich ihnen wirklich gerne erspart. Je eher ich zurück in Deutschland bin, desto besser für die Nerven meiner Familie, dachte ich.
Meine Freundin Nirit meldete sich, sie sei in den Nachbarbunker eingeladen worden. Dort sei es lustiger. Sie stellte sich dort vor und erzählte, dass sie aus Deutschland komme. Die erste Frage der Nachbarn in Bunker an Nirit lautete »Kennst du Karoline?«. Sie schickte mir eine Sprachnachricht und wir mussten beide lachen.
Was für ein Lärm!
Doch man kann nicht alles weglachen. Zum Beispiel diesen Lärm! Die Einschläge, die Abfangraketen, die Drohnen, die Detonationen. (Der Iron Dome ist ein Gottesgeschenk! Anders kann man das nicht nennen.) Die Geräusche zermürben. Ich finde ja fast (Achtung, Übertreibung!), irgendein UN-Hilfswerk müsste den Israelis Renten dafür zahlen, dass sie seit Jahrzehnten die Vernichtungsfantasien von Massenmördern bei Raketenangriffen hören müssen. Was für ein Lärm!
Hinzu kommen in den Schutzräumen die übermüdet weinenden Kinder, die Musik der jungen Leute, die bellenden Hunde und und und. Was für ein resilientes Volk Israel doch hat. Es gibt gute Gründe, stolz zu sein.
Jetzt wusste ich auch, dass ich Israel via Flugzeug ein oder eher zwei Wochen lang nicht verlassen würde. Die Behörden und die Fluglinie waren sehr offen in der Kommunikation. Der Landesverband meiner Partei setzte mich auf die Rückkehrliste des Auswärtigen Amtes. Auf dem Hinweg hatte ich beim Boarding noch mit einem Journalisten der »Welt« gescherzt. Er hatte sich beim Auswärtigen Amt bereits für den Fall der Fälle registriert.
Selfies in Bademänteln
Meine Parteikollegen holten das nun für mich nach. Mein Berliner Parteichef Christoph Meyer ist eher ruhig und lässt sich nicht treiben. In dieser Krise war er klug, effizient und verlässlich da. Es heißt oft wenig scherzhaft Freund - Feind - Parteifreund. Ich wurde eines Besseren belehrt.
In Tel Aviv wurde jetzt jedes Telefonat, jede E-Mail jede Dusche und jede Mahlzeit von Alarmen unterbrochen. Unsere Gruppe machte Selfies in Bademänteln, sockenlos, übermüdet, lachend und irgendwie durchhaltend. Doch die Schatten unter den Augen und in den Biografien wurden größer. Einem Teilnehmer meiner Gruppe waren die Medikamente ausgegangen, der schwangeren Amerikanerin ging es nicht gut, mir tat vom Liegen auf dem Betonboden jeder Knochen weh.
Nach 48 Stunden ohne Schlaf wog ich ab: Sollte ich weiter unterirdisch, getrennt von den Kindern und unter Raketenhagel ausharren? Oder sollte ich versuchen, auf dem Seeweg mit Risiken über Haifa nach Zypern reisen? Einige Frauen und ich wählten letztere Option. Zwei Frauen verließ kurz vor der Abreise der Mut, das Mittelmeer war sehr unruhig, Haifa und Zypern waren Angriffsziele des Mullah-Regimes. Doch drei Amerikanerinnen und ich stiegen mit drei Israelis auf ein Boot.
Zurück in Sicherheit
Nach 28 Stunden Wellengang, zehn Raketen, die uns nicht trafen, einem Wal, der uns zeitweise begleitete und um große Freundschaften reicher erreichten wir Griechenland. Inzwischen schlief ich im Stehen oder Sitzen, bei jeder Gelegenheit immer wieder ein und war einfach nur dankbar - dankbar bald schlafen zu können.
Endlich war ich auf Zypern. Es war fast surreal, wie wunderschön, unzerstört und leise Europa ist. Ich könnte heulen, wenn ich daran denke, dass die typischen Alarmtöne des Handys jetzt nicht mehr bedeuten, dass man sofort einen Schutzraum aufsuchen muss.
Jetzt - zurück in Sicherheit - denke ich ganz besonders an den höchsten Preis, den dieser Krieg kostet: An all die Toten. Möge der Krieg schnell zu Ende gehen, der Iran endlich, endlich, endlich frei sein und das erschöpfte Israel zur Ruhe kommen. Am Israel Chai.