Position

Trennen sich die Wege?

In den Augen vieler Europäer haben sich Juden auf die falsche Seite der Geschichte gestellt. Foto: Marco Limberg

Vielleicht kann Europa für Juden bald keine Heimat mehr sein, urteilte ich kürzlich. Ich nannte drei Gründe: das Scheitern muslimischer Integration, das Wiederaufleben des Antisemitismus von Rechts und die Wandlung, die das freiheitliche Denken in Europa erfahren hat, das sich heute gegen Israel und seine europäischen Unterstützer richtet – die Verschiebung hin zu einem kulturellen Relativismus und weg vom stolzen Festhalten an einer spezifischen nationalen Identität.

Für Juden führt diese Verschiebung zu einem Dilemma. Die meisten identifizierten sich traditionell mit den liberalen Ideen Europas. Doch während die Verbindung zu Israel eine wichtige Rolle für die jüdische Identität spielt, steht das fortschrittliche Europa der bloßen Idee eines jüdischen Staates zunehmend feindlich gegenüber. Die europäischen Juden sehen sich vor die Wahl gestellt, entweder ihre Verbindung mit Israel aufrechtzuerhalten oder sich auf Kosten ihrer eigenen Identität in den Chor der europäischen Kritiker einzureihen.

Dilemma Das Dilemma ist nicht neu. Als im späten 18. Jahrhundert die bürgerliche Emanzipation der westeuropäischen Juden einsetzte, waren Juden mit einer ganz ähnlichen Herausforderung konfrontiert. Entweder sie lebten getrennt von der Mehrheitsgesellschaft und hatten mit ihr nur das Notwendigste zu tun, oder sie konvertierten zum Christentum und gingen vollständig in der Gesellschaft auf; oder aber sie spalteten ihre traditionelle Identität als Religion und Volk auf und verstanden ihr Judentum ausschließlich als Religion. Dankbar für die Chance, in einer Welt der Freiheit und Gleichheit akzeptiert zu werden, wählten viele Juden diesen dritten Weg.

Der Holocaust hat das Selbstverständnis aller Juden für immer verändert. Der Zionismus galt als einzig angemessene Antwort auf den Schrecken der Geschichte. Nach dem Trauma, die Welt, die man kannte, zu verlieren, brauchte man einen Beweis, dass es nicht verrückt war, weiterhin von der Möglichkeit einer besseren Welt zu träumen. Israel wurde zu diesem Beweis.

Nach Jahrhunderten religiöser und nationaler Konflikte, die in zwei schrecklichen Kriegen gipfelten, glaubten fortschrittliche Europäer, die Abwendung von ihrer nationalen Identität sei der entscheidende Schritt, um die düstere Vergangenheit des Kontinents hinter sich zu lassen. Sie ersetzten das moderne Ideal des Nationalstaats durch die Vision einer Weltgesellschaft und die postmoderne Idee, alle Kulturen und Traditionen seien moralisch gleichwertig.

Gesellschaft Das heutige multikulturelle Europa ist vor allem eines: nicht länger freiheitlich. In einer freiheitlichen Demokratie ist der Bürger gefordert, die Identität seiner Mitbürger und der Minderheiten des Landes genauso zu achten wie die eigene. In einer postliberalen Demokratie ist es unerwünscht, die eigene Identität zu lieben. In einer freiheitlichen Gesellschaft stellen die Rechte des Einzelnen einen absoluten Wert dar. Im postliberalen Europa gilt eine Kultur, die die Rechte des Einzelnen achtet, nicht als besser als eine, die das nicht tut: Alle Kulturen müssen als gleichwertig angesehen werden.

Welchen Platz hat Israel in dieser Vision? Israel entstand, als in Europa die Idee des Nationalstaats aus der Mode kam. Die postliberalen Europäer von heute sehen in Israel ein Überbleibsel ihrer kolonialen und nationalistischen Vergangenheit. Weil sie auf ihrem Nationalstaat bestehen, haben sich Juden auf die falsche Seite der Geschichte gestellt. Auch wenn Israel bewiese, dass es alles tut, um Frieden zu erreichen, wären seine Kritiker, für die das Problem die Existenz des Landes an sich ist, nicht zufrieden. Sie fragen: Warum sollen überhaupt »kolonialistische« Juden im Nahen Osten leben?

Jedes Mal, wenn Israel gezwungen ist, sich zu verteidigen, wird der Druck auf seine westlichen Unterstützer höher. Und es funktioniert. Nach dem blutigen Terrorangriff auf das Jüdische Museum im Mai traf ich mich mit einer Gruppe junger jüdischer Aktivisten in Brüssel. Ich fragte sie, ob sie sich eine Zukunft für Juden in Europa vorstellen könnten.

Eine junge Frau bejahte dies entschieden, aber nur unter einer Bedingung: Zuerst müssten die belgischen Juden die Welt überzeugen, dass sie nichts mit Israel zu tun haben. Ihre Antwort bestätigte, was ich längst vermutet hatte: Anders als im Europa der Vergangenheit, in dem man auf der Straße Bürger und zu Hause religiöser Jude sein konnte, wird es im heutigen postliberalen Europa immer schwieriger, auf der Straße selbstbewusster Europäer und zu Hause stolzer Jude zu sein, der mit Israel verbunden ist.

Multikulti Es geht gar nicht in erster Linie um die Zukunft der Juden in Europa; wie so oft in der Geschichte ist das, was die Juden derzeit erleben, ein Lackmustest. Was wirklich auf dem Spiel steht, ist die Zukunft Europas. Nun, da der Islamismus in das Herz eines toleranten, multikulturellen Europas eingezogen ist, stellt sich die Frage, ob eine Gesellschaft, die vor ihrer Identität davongelaufen ist, um die Freiheit zu genießen, den Willen aufbringt, für beides zu kämpfen, bevor sie beides verliert: Identität und Freiheit.

Als Mensch, der aus der großen Tradition des europäischen freiheitlichen Denkens die Kraft gezogen hat, gegen Unterdrückung zu kämpfen, hoffe ich, dass die demokratischen Nationalstaaten Europas ihre Fähigkeit wiederentdecken, für Freiheit zu kämpfen. Meine Aufgabe als Bürger Israels ist einfacher.

Ich muss sicherstellen, dass jeder Jude in der Welt, der sich heimatlos fühlt, hier eine Heimat finden kann, auf dieser kleinen Insel der Freiheit in einem Ozean der Tyrannei, einer Oase der Identität in einer Wüste der Identitätslosigkeit. Zu diesen Juden sage ich: Willkommen im demokratischen jüdischen Staat.

Der Autor ist Präsident des Direktoriums der Jewish Agency.

Johann Wadephul

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