Wuligers Woche

Talmud und Schwarzer Block

Das Judentum ist keine staatsfromme Religion. Anders als im Christentum, wo mit Paulus gilt »Seid untertan der Obrigkeit«, zieht sich durch unsere Schriften Skepsis gegenüber der weltlichen Macht. »Traut nicht auf Fürsten«, heißt es in den Psalmen. Der Prophet Samuel warnt eindringlich vor der Tyrannei von Königen.

Und der Talmud rät in den Sprüchen der Väter (Pirkej Awot): »Seid achtsam, wenn ihr es mit den Mächtigen zu tun habt.« In dieser Tradition war und ist liberales und libertäres Denken unter Juden stark verbreitet. Die Erfahrung von mehr als 2000 Jahren Unterdrückung als Minderheit in der Diaspora tut ihr Übriges.

Staatsmacht Dass es ohne staatliche Autorität freilich nicht geht, wussten unsere Weisen aber auch: »Ohne Furcht vor der Regierung würde man einander lebendig verschlingen«, wird Rabbi Chanina ein paar Seiten weiter im selben Talmudtraktat zitiert. Was er damit meinte, konnte man vergangenes Wochenende in Hamburg sehen. Mangels Staatsmacht herrschte in Teilen der Hansestadt zeitweise das Gesetz der Straße. Der öffentliche Raum war mit dem Recht des Stärkeren von marodierenden Gruppen in Besitz genommen worden.

Juden haben, vielleicht noch mehr als andere, guten Grund, solche Szenen mit Beklemmung zu betrachten. Denn zur Verfolgungserfahrung gehört, dass Gefahr für Leib und Leben nicht nur von den Herrschenden ausgehen kann, sondern ebenso von aufrührerischen Massen. Wenn der Volkszorn sich gewaltsam Bahn brach, waren nicht selten Juden unter seinen ersten Opfern.

Vom Frankfurter Fettmilch-Aufstand im Jahr 1614, der als Revolte gegen die herrschenden Patrizier begann und rasch in ein antisemitisches Pogrom umschlug, bis zu den Riots der 60er- und 70er-Jahre in den Schwarzenvierteln der amerikanischen Großstädte, bei denen Randalierer gezielt und systematisch jüdische Geschäfte ins Visier nahmen: Da, wo der Mob tobt, sind oft früher oder später die Juden dran.

antijüdisch Vielleicht war deshalb über der »Roten Flora«, dem Hauptquartier der Hamburger Autonomen, ein großes Transparent gespannt, mit der Aufschrift »Gegen jeden Antisemitismus«: eine Warnung für die – oder vor den – eigenen Genossen. Einige klügere Köpfe in der radikalen Linken wissen, dass der »Kampf gegen das System« von jeher eine antijüdische Komponente hat.

»Gegen Kapital und Krieg – Intifada bis zum Sieg«, hieß etwa eine Veranstaltung des »Internationalistischen Blocks«, obwohl Israel nicht zu den Teilnehmern des Gipfels zählte. Und der Jugendverband der Linkspartei präsentierte bei dem Aufmarsch der G20-Gegner eine riesige Krake als Symbol der weltweiten Herrschaft des Geldes – seit dem 19. Jahrhundert ein Klassiker der antisemitischen Ikonografie.

So wie der rechte Judenhass nicht den Blick auf seine linke Variante verstellen sollte, darf der notwendige Kampf gegen staatliche Willkür nicht ignorieren, dass Gesetzlosigkeit und die Gewalt der Straße genauso gefährlich sind. Die eine historische Lektion haben wir gut gelernt. Die andere Lehre der Geschichte dürfen wir darüber nicht vergessen.

Großbritannien

Applaus für britischen Außenminister von der Hamas

Ein hochrangiger Funktionär der Terrorgruppe begrüßt die Sanktionen, mit denen das Vereinigte Königreich Israel belegt hat. Das sei ein »wichtiger Schritt in die richtige Richtung«

 10.09.2026

Sachsen-Anhalt-Wahl

Nach AfD-Sieg: Cem Özdemir rief jüdische Gemeinden an

Der Ministerpräsident versicherte, dass sie in Baden-Württemberg nicht auf gepackten Koffern sitzen müssten

 10.09.2026

Bayern

Jugendlicher bestreitet Anschlagspläne auf Synagoge

Ein 16-Jähriger steht in Augsburg wegen Planung eines Anschlags vor Gericht. Ihm werden schwere Straftaten vorgeworfen. Das Verfahren läuft unter Ausschluss der Öffentlichkeit

 10.09.2026

Rosch Haschana

Neujahrswünsche von Friedrich Merz und Johann Wadephul

Zum jüdischen Neujahrsfest schicken der Bundeskanzler und der Bundesaußenminister Grußbotschaften an die jüdischen Gemeinden

 10.09.2026

Krieg

Iran bereit für »Blitzoffensive«

Die iranische Militärführung betont ihre Bereitschaft zu schnellen Einsätzen im ganzen Land. Was Kommandeur Hassansadeh über Motivation und Strategie sagt

 10.09.2026

Erinnerung

Gedenkstätten-Leiterin wünscht sich stärkere Wirkung in Gesellschaft

Die Angebote von Gedenkstätten müssen nach Ansicht der niedersächsischen Stiftungsgeschäftsführerin Elke Gryglewski verständlicher werden. Sie fordert neue Zugänge zum Blick auf die NS-Zeit für breite Bevölkerungsschichten

von Charlotte Morgenthal  10.09.2026

Mecklenburg-Vorpommern

SPD nähert sich in Umfragen der AfD

Ministerpräsidentin Manuela Schwesig präsentiert sich im Landtagswahlkampf als »die Frau gegen Blau«. In den Umfragen legt sie zu

 10.09.2026

Aufruf

Jüdische und christliche Jugendorganisationen warnen vor der AfD

Nach den Wahlen ist vor den Wahlen: Auf den AfD-Erfolg in Sachsen-Anhalt könnte bald ein zweiter in Mecklenburg-Vorpommern folgen. Die Sorge darüber vereint junge Menschen christlicher und jüdischer Herkunft

 10.09.2026

Sachsen-Anhalt

Charlotte Knobloch: »Die AfD ist rechtsextrem«

Die Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern äußert sich »bis ins Tiefste entsetzt« über den AfD-Wahlerfolg und plädiert erneut für ein Verbotsverfahren gegen die Partei

 10.09.2026