USA

Symbol der Freiheit

Ein Besuch der Lady of Liberty zählt zum Pflichtprogramm jedes New Yorker Schülers. Foto: GCShutter

Meine Großeltern, die aus Russland in die USA emigrierten, leben für mich in meiner Erinnerung an eine glückliche Kindheit in New York fort. Unter meinen jüdischen Klassenkameraden war ich einer der wenigen, die überhaupt Großeltern hatten, wenn auch nur von der mütterlichen Seite. Viele hatten nicht das Glück gehabt, einen rettenden Hafen zu erreichen.

Das war uns stets bewusst, umso mehr, als uns mein Großvater bei einem Schulausflug zur Freiheitsstatue begleitete – Pflichtprogramm eines jeden New Yorker Schülers. Es war ein kalter Novembertag, und die Stimmung war gedrückt. Wenige Tage zuvor war Präsident Kennedy erschossen worden. Mein Großvater und die anderen Erwachsenen schwiegen, die Trauer sprang auch auf uns Kinder über.

emma lazarus So standen wir Knirpse am Fuß des »neuen Kolosses«, wie die jüdische Dichterin Emma Lazarus die Freiheitsstatue in ihrem monumentalen Gedicht nannte. Berühmt sind ihre Zeilen »Give me your tired, your poor, your huddled masses yearning to breathe free« (Gebt mir eure Müden, eure Armen, eure geknechteten Massen, die frei zu atmen begehren).

Wenig bekannt ist, dass Lazarus die riesige Figur im Hafen als Gegenentwurf zu jenem antiken Koloss begriff, der ebenfalls eine Hafeneinfahrt beherrschte: die von Rhodos.

Weniger bekannt ist, dass sie die riesige Figur im Hafen als Gegenentwurf zu jenem antiken Koloss begriff, der ebenfalls eine Hafeneinfahrt beherrschte: die von Rhodos. Lazarus nannte sie im Gedicht »Mother of Exiles« – den französischen Stiftern zum Trotz, die ihr Geschenk als Ausdruck der gemeinsamen Sehnsucht von Franzosen und Amerikanern nach Freiheit verstanden wissen wollten.

Lazarus ging es um eine andere Freiheit, um andere Werte. Genau darauf wies uns mein Großvater hin, als er mit seinem jiddischen Akzent das berühmte Gedicht vorlas und Folgendes erzählte: Als Lazarus die Zeilen schrieb, waren im fernen Russland Pogrome an der Tagesordnung, und er, mein Großvater, hatte als Kleinkind erst jene zaristischen Pogrome überlebt, dann den stalinistischen Terror – und schließlich die Schoa. Nun stand er mit seinem Enkel am Fuß von Lady Liberty und weinte.

galut Es geht um mehr als Freiheit, betonte mein Opa vor dem Hintergrund seiner eigenen Geschichte. Diese große Frau im Hafen weise mit ihrer Fackel den Weg aus der Galut, dem Exil. Diese »Mother of Exiles« sei wie die biblische Rachel, die um ihre Kinder weint, die sie unterwegs verloren hat, führte mein Großvater aus. Sie begrüße die Einwanderer als aus dem Exil Befreite und vergesse auch jene nicht, die es nicht geschafft haben.

»Es rinnen Tränen die Wangen der Freiheitsstatue hinab«, sagte US-Senator Charles Schumer vor Kurzem.

Und zu den »huddled masses yearning to breathe free« bemerkte er: Es erinnere an die Worte des Jesaja, der von »Verfolgten, von Stürmen umtrieben, ohne Trost« spricht, die letztendlich zum »Licht unter den Völkern« werden. Dann werde aus der »Mutter der Verbannten« die »Mutter in Israel«, wie die Prophetin Debora.

Der Bildhauer Frédéric-Auguste Bartholdi hatte dabei eher die römische Göttin Libertas im Sinn – anders als Lazarus, die auf diesen Kontrast der Kolosse schon im Titel des Gedichts hingewiesen hatte. Der New Colossus ist die Antithese zum alten Koloss, jenem »Giganten griechischen Ruhms, breitbeinig gespreizt von Land zu Land«.

donald trump Heute hingegen ist ein anderer Gigant mit beherrschendem Schritt am Werk: US-Präsident Donald Trump, der Stück für Stück eine Reform der Einwanderungspolitik umsetzt und es bedürftigen Immigranten schwerer, wenn nicht gar unmöglich machen will, eine dauerhafte Aufenthaltsgenehmigung (Green Card) oder die Staatsbürgerschaft zu erlangen.

Als der Chef der Einwanderungsbehörde, Ken Cuccinelli, vor Kurzem die verschärften Regelungen vorstellte, wurde er gefragt, ob das Lazarus-Gedicht für ihn noch zum amerikanischen Ethos gehöre. Er bejahte die Frage, jedoch mit der Einschränkung, es könnten damit sicherlich nur Europäer gemeint sein, die zudem den Sozialkassen nicht zur Last fallen würden.

Als der Chef der Einwanderungsbehörde, Ken Cuccinelli, vor Kurzem die verschärften Regelungen vorstellte, wurde er gefragt, ob das Lazarus-Gedicht für ihn noch zum amerikanischen Ethos gehöre.

Die berühmte Zeile von Lazarus dichtete er um: »Gebt mir eure Müden und eure Armen, die auf eigenen Füßen stehen können und nicht zur öffentlichen Last werden.«

debatte Eine breite Debatte setzte daraufhin ein, von einigen Kommentatoren als poetische Begleitung einer brutalen Einwanderungspolitik bezeichnet. Unter anderem meldete sich der demokratische Senator Charles Schumer aus New York zu Wort. Er bekannte, dass er mit zweitem Vornamen »Ellis« heiße, wie die Insel im Schatten der Freiheitsstatue, die Generationen von Einwanderern passieren mussten. Seine Eltern hätten ihm damit für sein gesamtes Leben die Erinnerung an die aus der Ukraine eingewanderten Vorfahren mitgegeben.

In dieser Tradition habe er wiederum seiner ältesten Tochter den zweiten Vornamen »Emma« gegeben – so sehr habe ihn, Nachfahre jüdischer Einwanderer, dieses Gedicht beeindruckt.

Und angesichts der aktuellen radikalen Abkehr von der Tradition und humanen Idee amerikanischer Einwanderungspolitik fügte er hinzu: »Es rinnen Tränen die Wangen der Freiheitsstatue herab.« Sie vermischen sich mit den Tränen meines Großvaters von jenem Novembertag vor mehr als einem halben Jahrhundert.

Der Autor stammt aus New York und ist Rabbiner der Budge-Stiftung in Frankfurt.

Prag

Tschechisches Außenministerium bestellt nach Drohungen iranischen Botschafter ein

Irans Militär nennt persischsprachige Exilmedien als mögliche Angriffsziele. Wie der EU- und Nato-Mitgliedstaat Tschechien auf die neue Bedrohungslage reagiert

 27.08.2026

Sachsen-Anhalt

Mehrere Siegmund-Vertraute haben Nazi-Vergangenheit und damit kein Problem

Nach Berichten von »Welt« und »Spiegel« waren mehrere enge Vertraute von AfD-Spitzenkandidat Ulrich Siegmund in der 2009 verbotenen Neonazi-Organisation »Heimattreuer Deutsche Jugend« (HDJ) aktiv. Nach der Wahl könnten sie Minister werden

 27.08.2026

»Artgemeinschaft«

Durchsuchungen bei Unterstützern von rechtsextremem Verein

Bei den Razzien in fünf Bundesländern wurden auch Wohnungen von zwei AfD-Kandidaten zur Landtagswahl in Sachsen-Anhalt durchsucht

 27.08.2026

Schweiz

Gewalt-Demo gegen Israel in Basel verboten

Die Polizei hält die geplante Anti-Israel-Demo, bei der die Organisatoren »Tod dem Zionismus« wünschen, für nicht bewilligungsfähig

von Nicole Dreyfus  27.08.2026

Magdeburg

AfD legt weiter zu

In einer neuen Wahlumfrage von Infratest dimap steht die Rechtsaußenpartei in Sachsen-Anhalt bei 42 Prozent

 27.08.2026

Kommentar

Die verlorene Mitte

Beim Betrachten des Wahlkampfs zu den Landtagswahlen im Herbst muss man feststellen: Judenhass ist in Deutschland längst kein Ausschlusskriterium mehr für die Parteien der sogenannten politischen Mitte

von Benjamin Graumann  27.08.2026

Nahost

Sechs Monate Iran-Krieg: Eskalation oder Frieden?

Bombardierungen, Sanktionen, Verhandlungen: Ein halbes Jahr nach Kriegsbeginn zeichnet sich zwischen den USA und dem Iran kein Frieden ab. Wo der Konflikt heute steht - und wie es weitergehen könnte

von Arne Bänsch, Jan Christoph Freybott  27.08.2026

Gesetzesinitiative

Bundesregierung distanziert sich von Hessens Vorstoß, Israel-Leugnung zu kriminalisieren

Vielleicht gut gemeint, aber nicht gut gemacht - so blickt die Bundesregierung auf einen Bundesratsvorschlag zur Strafbarkeit der Leugnung des Existenzrechts Israels. Aus Hessen kommt Widerspruch

 27.08.2026

Nahost

Weiterer Tanker in der Straße von Hormus angegriffen

Der Iran blockiert den Schiffsverkehr durch die für den globalen Ölhandel wichtige Meerenge immer noch weitestgehend. Erneut wird ein Tanker zum Ziel eines Angriffs

 27.08.2026