Interview

»Sorge ja, Panik nein«

Thomas de Maizière Foto: dpa

Interview

»Sorge ja, Panik nein«

Thomas de Maizière über Sicherheitsbedenken von deutschen Juden und Gründe, hierzubleiben

von Martin Krauss  24.02.2015 10:28 Uhr

Herr Minister, die Bundeskanzlerin hat nach den Anschlägen von Kopenhagen betont, dass jüdisches Leben in Deutschland sicher ist. Hat Angela Merkel recht?
Ja. Jüdische Mitbürger können in Deutschland sicherer leben als in den meisten anderen Ländern der Welt. Dennoch sehe ich mit großer Sorge, dass jedenfalls die jüdische Gemeinschaft in Deutschland selbst die Frage ihrer Sicherheit diskutiert. Umso wichtiger ist mir die Feststellung, dass es in Deutschland offenen oder verdeckten Judenhass nicht geben darf. Unsere Verfassung eröffnet weite Spielräume, in denen auch zugespitzte und kontroverse politische Positionen ihren Platz haben. Antisemitismus, gleich von welcher Seite, und die direkte oder verschleierte Leugnung des Existenzrechts des Staates Israel zählen nicht dazu und werden mit den Mitteln des Rechtsstaats bekämpft.

Am Dienstag haben Sie sich mit Josef Schuster getroffen, dem Präsidenten des Zentralrats der Juden. Konnten Sie Bedenken ausräumen?
Ich nehme die Bedenken und Sorgen unserer jüdischen Mitbürger sehr ernst. Im Gespräch mit Herrn Schuster konnten wir die aktuelle Sicherheitslage erörtern. Wir sind uns einig, dass wir weiterhin wachsam und bedacht mit der Situation umgehen müssen und dies auch tun werden. Es gibt viele gute Gründe, dass deutsche Juden in Deutschland bleiben.

Auch in Dänemark galt jüdisches Leben als sicher. Gibt es in Deutschland eine andere Bedrohungslage?
Das offene und liberale Europa ist für terroristische Organisationen und deren Sympathisanten Ziel ihrer menschenverachtenden Angriffe. In Frankreich, Belgien und Dänemark hat sich wiederholt die bestehende Gefährdungslage realisiert. Dies zeigt, dass auch bei uns in Deutschland ein hundertprozentiger Schutz vor Terroranschlägen unmöglich ist. Es gibt Grund zur Sorge und Vorsorge, nicht aber zu Panik und Angst.

Konkret: Ist der Schutz jüdischer Einrichtungen hier besser als in Kopenhagen?
Der Attentäter in Kopenhagen konnte durch die Wachleute der Synagoge von einem Eindringen in die Gebetsräume abgehalten werden, wenn auch um einen zu hohen Preis, ein Menschenleben. Auch in Deutschland stehen die Sicherheitsbehörden des Bundes und der Länder zum Schutz jüdischer Einrichtungen in einem ständigen, tagesaktuellen Informationsaustausch. Öffentlich Details zu nennen, wäre nicht klug und nicht im Interesse der jüdischen Einrichtungen.

Im Sommer 2014 löste der Gazakrieg eine judenfeindliche Welle aus. Sehen Sie eine Radikalisierung?
Leider gibt es auch in Deutschland vereinzelte Gruppen aus extremistischen Lagern, die sich gegen jüdische Interessen oder das Existenzrecht Israels richten und die Ereignisse in der Nahostregion zum Anlass nehmen, ihre Haltung verstärkt öffentlich zu vertreten. Wir haben jedoch keine Hinweise auf eine zunehmende Radikalisierung in diesem Zusammenhang.

Das Interview mit dem Bundesinnenminister führte Martin Krauß.

Diplomatie

Streit mit der Türkei: Wadephul stellt sich an die Seite Israels

Außenminister Johann Wadephul hat Aussagen seines türkischen Amtskollegen Hakan Fidan als »vollkommen unangemessen« bezeichnet. Fidan hatte Israel ein »Problem für die Menschheit« genannt

 07.07.2026 Aktualisiert

Jerusalem

»Antisemitische Hetze« und »Aufruf zum Völkermord«: Streit zwischen Israel und Türkei eskaliert

Türkeis Außenminister hatte Israel als Problem für die Menschheit bezeichnet, das nicht länger ertragen werden könne

 07.07.2026

USA

Wie Ägyptens Nationaltrainer bei der Fußball-WM Lügen über Israel verbreitet

Politische Botschaften sind während des Turniers eigentlich verboten. Ägyptens Trainer lässt sich davon nicht beeindrucken

 07.07.2026

Düsseldorf

Mehr als 600 Dokumente aus NS-Zeit an Gedenkstätten übergeben

Eine im November gestoppte Auktion hat zum Ankauf von mehr als 600 Dokumenten aus der NS-Zeit geführt. Im Düsseldorfer Landtag sind sie nun an Gedenkstätten, Erinnerungsorte und Archive übergeben worden

 06.07.2026

Hintergrund

UNRWA: Die Rosa-Luxemburg-Stiftung und die Israel-Lobby

Eine neue Studie der linksparteinahen Stiftung präsentiert jüdische und pro-israelische Organisationen in Deutschland pauschal als Sprachrohre der Regierung in Jerusalem

von Michael Thaidigsmann  06.07.2026

Bayern

Jüdische Gemeinde München hat einen neuen Vorstand gewählt

Wer die meisten Stimmen erhalten hat - ein Überblick

 06.07.2026

Erfurt

Erkenntnisse aus dem AfD-Parteitag

Während draußen Tausende protestieren, sieht sich die AfD drinnen bereit fürs Regieren. Wer gefeiert wird, wer an Einfluss gewinnt und was es mit einem rätselhaften Star-Wars-Moment auf sich hat

von Jörg Ratzsch, Anne-Beatrice Clasmann und Stefan Hantzschmann  06.07.2026

Berlin

Kommission soll Unrecht an Sinti und Roma aufarbeiten

Auch nach 1945 haben Sinti und Roma in Deutschland Unrecht erlebt. Schon bald soll eine Kommission diesen Teil der Geschichte aufarbeiten. Das hat die Bundesregierung beschlossen

von Alexander Riedel  06.07.2026

Berlin

Wadephul: Irans Zahlung für Minenräumung wäre gerechtfertigt

»Der Iran hat rechtswidrig eine internationale Seefahrtsstraße vermint«, sagte der Bundesaußenminister

 06.07.2026