USA

Sex, Lügen und Bibel

Missionar mit Gläubigen: Mormonen unterstützen ihren Favoriten Mitt Romney. Foto: Reuters

Wer derzeit dem Vorwahlkampf in Amerika folgt, bekommt das Gefühl, das Land suche einen neuen Papst. Das liegt an Rick Santorum und Mitt Romney, den führenden Republikanern, die vorgestern ihren Vorsprung weiter ausbauten – am »Super Tuesday« gewann Santorum in drei von zehn Staaten, Romney sogar in sechs.

Santorum geriert sich im Wahlkampf beinahe als inoffizieller Vertreter von Benedikt XVI.: Der katholische Italo-Amerikaner kämpft gegen die Schwulenehe, vorgeburtliche Untersuchungen, außerehelichen Sex, Abtreibung, die »Pille danach« und Verhütung überhaupt, die er für gefährlich hält, weil das Menschen erlaube, Sex anders zu praktizieren, als es sich gehöre.

pille Damit ist er nicht alleine: Rush Limbaugh, ein konservativer Radiotalker, beschimpfte eine Studentin, die nur gesagt hatte, sie wolle, dass die Krankenkasse ihrer Universität die Pille bezahle, als »Schlampe« und »Hure«. Er forderte, sie solle Pornovideos von sich ins Internet stellen. Romney sagte, die »Wahl der Worte« sei nicht korrekt gewesen, Santorum nannte Limbaugh einen »Entertainer«.

Der Streit hatte sich entzündet, als Barack Obama kirchliche Arbeitgeber zwingen wollte, ihren Angestellten eine Krankenversicherung zu bieten, die die Pille bezahlt (wie in den USA üblich). Daraufhin warfen katholische Bischöfe dem Präsidenten vor, er führe einen Krieg gegen die Kirche. Santorum sekundierte: Obama glaube nicht an die richtige Bibel, sondern an eine »falsche Theologie«. Es ist erstaunlich, dass Religion und Sex eine so gewaltige Rolle in diesem Wahlkampf spielen. Eigentlich interessieren sich Amerikaner mehr für die Wirtschaft, die Arbeitslosigkeit und die Benzinpreise.

Doch Mitt Romney, der Mormone ist und das Bekenntnis zu deren »Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage« immer wieder betont, gerät wegen deren Praxis, Verstorbene retrospektiv zu taufen – zuletzt etwa Anne Frank – und so zu Mormonen zu machen, in die Kritik vor allem von jüdischer Seite.

Gleichwohl bemühen sich gerade die konservativen Kandidaten nicht darum, religiöse Themen zu vermeiden. Das Gegenteil ist der Fall: Rick Santorum etwa schaffte es, in den Umfragen zum Liebling der Christlichen Rechten aufzusteigen. Viele von denen teilen seine Ansichten über Obama. Manche Evangelikale halten den schwarzen Präsidenten für einen heimlichen Moslem. Mehrere Pfarrer erklärten, Obama sei kein Christ und nicht wählbar.

Für viele Juden ist Santorums Katholizismus inakzeptabel. Zwar zählen die Christlichen Rechten heute zu den strammen Unterstützern Israels und werden entsprechend geschätzt. Aber Santorum gehört dem erzkonservativen Opus Dei an, das in Spanien unter Franco entstanden ist – und das geht manchen zu weit. Und auch sein Gerede über den Satan stößt viele ab. So sagte Santorum vor vier Jahren an der Ave Maria University in Florida, der Satan werde Amerika angreifen, weil das Land moralisch verkommen sei und Laster pflege wie Stolz, Eitelkeit, Sinnlichkeit, Basketball, Rockmusik und Hollywood.

Abraham Foxman von der Anti-Defamation League sagt, die Debatte über Religion sollte leiser sein: »Es gibt einen Punkt, an dem dieser Ton nicht mehr angemessen ist, und hier ist Santorum der Schlimmste.« Der Reformrabbiner David Saperstein meinte, Santorum verwechsle Politik mit der Suche nach Öffentlichkeit.

tea party Noch unbehaglicher fühlen sich jüdische Frauen, zumal die Tea Party, der rechtspopulistische Arm der Republikaner, vorhat, Debbie Wasserman Schultz, die einflussreiche – jüdische – Vorsitzende des Democratic National Committee und Abgeordnete für Florida, durch einen konservativen Mann zu ersetzen.

Nancy Kaufman, Direktorin des National Council of Jewish Women, findet es beunruhigend, dass es Leute gibt, die glauben, sie könnten die Regierung instrumentalisieren, um anderen ihren Glauben aufzuzwingen. Hingegen meinte Lonny Kaplan, ein Geschäftsmann aus New Jersey, der für Santorum in der jüdischen Gemeinschaft Spenden sammelt, der Ex-Senator solle sein »jüdisches Problem« überwinden, indem er einen Wahlkampf führe, bei dem er Israel und Iran in den Vordergrund stelle – und nicht die Pille und die Religion.

Iran

Ist Modschtaba Chamenei noch am Leben?

Äußerungen aus dem Umfeld der Regierung von Präsident Masoud Peseschkian lassen aufhorchen

 10.08.2026

Medien

Wo steckt die palästinensische Opposition?

Zwei taz-Essays erzählen eindringlich von palästinensischer und muslimischer Entfremdung in Deutschland. Sie lassen zugleich einen entscheidenden blinden Fleck im Nahostkonflikts unerwähnt

von Leeor Engländer  10.08.2026

Bayern

Erneut Ermittlungen gegen Aiwangers Ex-Lehrer

Vor drei Jahren rüttelte die Flugblattaffäre um Hubert Aiwanger die bayerische Landespolitik heftig durcheinander. Viele haben das schon wieder vergessen. Nicht so die Staatsanwaltschaft Regensburg

 10.08.2026

Meinung

Renten: Her mit der aufrichtigen Debatte!

Eine Reform, die lediglich das Bestehende in noch teurer absichert, löst das Problem nicht

von Günter Jek  10.08.2026

Magdeburg

Sachsen-Anhalt: AfD und BSW legen zu

Die Rechtsaußenpartei baut ihren Vorsprung in Sachsen-Anhalt einer neuen Umfrage zufolge weiter aus. Die Wagenknecht-Partei wiederum könnte zum entscheidenden Machtfaktor werden

 10.08.2026

Berlin

Ron Prosor unterstützt deutsche Olympia-Bewerbung

»Olympische und Paralympische Spiele in Deutschland wären ein starkes Zeichen. Nicht trotz seiner Geschichte, sondern gerade wegen seiner Geschichte«, sagt der israelische Botschafter

 10.08.2026

Interview

»Aufklärung im Hier und Jetzt«

Marina Müller über antisemitismuskritische Bildungsarbeit, die Rolle von Lehrern und das neue Projekt von »Zeugen der Zeitzeugen«

von Leon Stork  10.08.2026

Berlin

Bund gibt mehr Geld für Gedenkstätten

Die deutschen Gedenkstätten erhalten von Kulturstaatsminister Wolfram Weimer mehr Fördermittel - für Projekte, aber auch für den Schutz der Orte und Mitarbeiter.

 10.08.2026

Washington D.C.

Trump ernennt jüdischen Juristen zum neuen Rechtsberater des Weißen Hauses

»Will ist hart, stark und klug! Er liebt auch unser Land und respektiert das Gesetz«, sagt der amerikanische Präsident

 10.08.2026