US-Wahlkampf

Schläge unter der Gürtellinie

Moderator Chris Wallace (l.) hatte sichtlich Mühe, die Kontrahenten zu einer sachlichen Debatte zu bewegen. Foto: imago images/UPI

Das erste von drei TV-Duellen im laufenden Wahlkampf um das Weiße Haus wird wohl in die Geschichtsbücher eingehen. Donald Trump und sein demokratischer Herausforderer Joe Biden schenkten sich bei ihrem Aufeinandertreffen in Cleveland nichts – noch nicht einmal das Recht, einen Satz vollenden zu können.

UNTERBRECHUNGEN Biden fiel es sichtlich schwer, angesichts der ständigen Unterbrechungen durch Trump seine politischen Vorstellungen auszubreiten. »Es ist schwer, bei diesem Clown überhaupt zu Wort zu kommen«, rief er an einer Stelle. Doch auch der ehemalige Vizepräsident grätschte selbst mehrmals unsanft dazwischen. Biden nannte Trump einen »Lügner« und »Rassisten« und forderte ihn bereits nach einer Viertelstunde barsch auf, einfach mal »den Mund zu halten«.

Bereits nach einer Viertelstunde forderte Herausforderer Joe Biden US-Präsident Donald Trump auf, einfach mal »den Mund zu halten«.

Moderator Chris Wallace vom konservativen Sender Fox News gelang es nicht, die beiden Kombattanten zu einer sachlichen Debatte zu bewegen. Nach gut der Hälfte des 90-minütigen Schlagabtauschs rief Wallace sichtlich entnervt: »Meine Herren, ich werde wirklich ungern laut, aber warum sollte ich mich anders verhalten, als Sie beide es tun?«

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Vor allem Trump waren die vorab von beiden Parteien vereinbarten Spielregeln für die Debatte gleichgültig. Der Präsident war auf Konfrontation gebürstet. Er unterstellte Biden, eine »linksradikale Agenda« zu verfolgen und die Worte »law and order« nicht einmal in den Mund zu nehmen. Breiten Raum in der Debatte nahmen die jüngsten Vorfälle von Polizeigewalt gegen Schwarze ein.

Biden attackierte Trump scharf und forderte die Zuschauer auf, »die Augen zu schließen und sich daran zu erinnern, wie diese Menschen aussahen, wie sie mit Fackeln aus den Feldern kamen, nur antisemitische Galle spuckend und begleitet vom Ku-Klux-Klan«.

Als Trump von Wallace gefragt wurde, ob er bereit sei, die Ausschreitungen militanter rechtsextremer Gruppen zu verurteilen und diese aufzufordern, sich zurückzuziehen (»stand down«) anstatt neue Gewalt anzufachen, antwortete ihm der Präsident zunächst, er sei dazu bereit. Doch dann fügte Trump an: »Ich würde sagen, fast alles, was ich da sehe, kommt von den Linken, nicht von den Rechten.«

KEINE VERURTEILUNG Der Moderator hakte nach. »Sind Sie bereit ...«, doch Trump fuhr umgehend dazwischen. »Ich bin zu allem bereit, ich will Frieden.« Daraufhin forderten ihn sowohl Wallace als auch Biden erneut auf, eine Verurteilung auszusprechen. Doch Trump blieb stur.

»Wie wollen Sie sie nennen, geben Sie mir einen Namen«, forderte er den Moderator auf. »Weiße Rassisten«, entgegnete Wallace. »Proud Boys«, sekundierte Biden in Anspielung auf den Namen einer rechtsextremen Gruppe, die jüngst für gewaltsame Ausschreitungen in Portland verantwortlich gewesen war.

»Proud Boys, zieht euch zurück und bleibt bereit«, rief Trump daraufhin, ohne aber die Aktivitäten der Gruppe zu verurteilen. Stattdessen attackierte der Präsident erneut Biden für dessen angebliche Sympathien zu linken Bewegungen. »Ich sage Ihnen was: Jemand muss was gegen die Antifa und die Linken unternehmen. Das ist nämlich kein Problem auf der Rechten, sondern eines auf der Linken«, sagte er.

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Die harsche Kritik an Trumps Haltung ließ nicht lange auf sich warten. Der Chef der Anti-Defamation League, Jonathan Greenblatt, twitterte, Trumps Antwort sei »erstaunlich« gewesen. Er frage sich, ob der Präsident hier eine Antwort gegeben oder ob es sich nicht vielmehr um ein Eingeständnis von Trumps Sympathien für rechte Gruppen gehandelt habe. »POTUS schuldet Amerika eine Entschuldigung oder eine Erklärung«, so Greenblatt.

Die jüdische Schauspielerin Meredith Salenger schrieb auf Twitter, Trump habe seinen »Nazi-Anhängern« die Order gegeben, bereit zu stehen. Dort sei der Wink mit dem Zaunpfahl angekommen. Die Proud Boys verwendeten den Slogan »Stand back, stand by« prompt auf ihrem Kanal auf dem sozialen Netzwerk »Telegram«.

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Selbst Republikaner kritisierten Trumps Debattenstil. Auf CNN sagte der frühere Senator Rick Santorum, er habe »keine Ahnung«, warum Trump die »White Supremacists« nicht klar und eindeutig verurteilt habe. Das sei ein Fehler gewesen. Trump sei viel zu »hitzig« aufgetreten und habe sich so angreifbar gemacht, meinte Santorum, der sich 2012 um die republikanische Präsidentschaftsnominierung beworben hatte.

KEINE AUSSENPOLITIK Außenpolitische Themen kamen in der ersten Debatte nur am Rande zur Sprache. Zum Nahostkonflikt stellte Moderator Chris Wallace keine Fragen – und die beiden Kontrahenten sprachen das Thema von sich aus auch nicht an. Die von der Trump-Regierung eingefädelten Friedensabkommen Israels mit den Vereinigten Arabischen Emiraten und Bahrain waren nicht Gegenstand des Schlagabtauschs. Ob in den zwei verbleibenden Debatten ein sachlicherer Ton angeschlagen wird, darf angesichts der Ereignisse der vergangenen Nacht stark bezweifelt werden.

An eine vorab getroffene Abmachung immerhin hielten sich Trump und Biden: Den traditionellen Handschlag der Kandidaten gab es in Cleveland nicht, wegen der Corona-Pandemie. Genug andere Schläge – viele davon unter der Gürtellinie – gaben die Kontrahenten sich dann trotzdem. Absehen von den eigenen Anhängern der beiden Lager dürfte diese wüste TV-Debatte aber nur wenige Amerikaner beeindruckt haben - im Gegenteil: Bei einer CNN-Umfrage gaben 57 Prozent der Befragten an, die Debatte habe ihre Einschätzung der beiden Kandidaten nicht beeinflusst. Das könnte vor allem für Trump zum Problem werden. Er liegt in aktuellen Umfragen deutlich hinter Biden zurück.

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