Iran

Reden mit dem Feind

Gibt es trotz öffentlicher Proteste geheime Kontakte? Teheran verhandelt angeblich schon seit vier Jahren mit Washington. Foto: dpa

Die USA und der Iran wollen zum ersten Mal in ihrer Geschichte Gespräche über das Nuklearprogramm des Iran führen. Das hat die New York Times unter Berufung auf Quellen im Weißen Haus berichtet. Die Verhandlungen finden angeblich schon seit Beginn der Amtszeit von Barack Obama statt; auch das State Department unter Hillary Clinton soll daran beteiligt sein. Die eigentlichen Gespräche über das Nuklearprogramm werde es aber erst nach der Präsidentschaftswahl geben, die am 6. November ansteht.

wahlkampf Das Weiße Hause beeilte sich mitzuteilen, solche Gespräche seien nicht beschlossen. Man sei aber dafür offen. US-Präsident Barack Obama sagte in der Kandidatendebatte am Montag, der Bericht stimme nicht. Irans Außenminister Ali Akbar Salehi bestritt bilaterale Begegnungen. Geplant seien nur Gespräche mit allen Mitgliedern des Sicherheitsrats der Vereinten Nationen im November.

Angesichts des harten Präsidentschafts-Wahlkampfes in den USA fragen sich nun viele Beobachter, ob Obama solche Meldungen bewusst lanciert, um glaubwürdig auf Verhandlungen zu setzen. Denn ein Krieg der USA gegen den Iran wäre in Amerika nicht sonderlich populär, vor allem vor dem Hintergrund der teuren und nur mäßig erfolgreichen Militäreinsätze gegen den Irak und Afghanistan.

Mitt Romney, der republikanische Kandidat, kündigte derweil an, er werde eine härtere Linie gegen den Iran fahren. In der letzten Debatte der beiden Kandidaten am Montag wich Romney aber der Frage aus, ob seine Regierung einen Militärschlag Israels gegen den Iran militärisch unterstützen würde. Er sagte nur, Amerika werde Israel »den Rücken stärken«, und Jerusalem könne ihn nicht mit einem Militärschlag überraschen, da er in engem Kontakt mit Israel stehe. Weiter sagte Romney, er werde noch nicht einmal tolerieren, dass der Iran zur zivilen Nutzung Uran anreichert.

Kontrollen Obama sagte, er setze weiter auf Sanktionen, aber auch Russland und China müssten mitmachen. Er beobachte den Iran, und halte sich alle Optionen offen. Nach Angaben des früheren Nahost-Gesandten Dennis Ross diskutiert Obamas Beraterstab, ob die USA ein iranisches Atomprogramm zulassen sollen – falls der Iran im Gegenzug stärkeren Kontrollen zustimmt. Ein anderes Szenario: Obama bietet dem Iran an, die wirtschaftlichen Sanktionen zu lockern, wenn Teheran dafür gänzlich auf zivile Atomnutzung verzichtet. Auch der frühere Mossad-Chef Efraim Halevy unterstützt US-Gespräche mit dem Iran: »Die Sanktionen waren erfolgreich, jetzt beginnen sie zu schmerzen.«

Israels Premier Benjamin Netanjahu unterstützt hingegen Mitt Romney. Der wird auch gesponsert von dem jüdisch-amerikanischen Großspender Sheldon Adelson, der will, dass die USA einen Erstschlag gegen den Iran führen. Auch Netanjahu erklärte Anfang der Woche, scharfe Sanktionen und eine »militärische Option« seien die besten Methoden, um Teherans Atomprogramm aufzuhalten.

Iran habe früher schon Gespräche bloß genutzt, um Zeit zu gewinnen. Auch die meisten jüdischen Organisationen in den USA wünschen sich, dass Amerika gegenüber dem Iran Stärke zeigt. Das entspricht der Linie von Romneys Republikanern: Lindsey Graham, republikanischer Senator aus South Carolina, meinte, solche Verhandlungen wären nur ein Trick Irans, um Zeit zu gewinnen, um dann das Nuklearprogramm auszubauen und die internationale Gemeinschaft zu zersplittern.

israel Wie relevant für die Entscheidung der US-Wähler der Iran beziehungsweise der Nahe Osten ist, bleibt offen. Sehr bedeutend auf jeden Fall nicht. Das Atomprogramm des Regimes wie auch die Ausfälle von Präsident Mahmud Ahmadinedschad gegen Israel verschrecken in Amerika zwar nicht nur Juden, sondern auch Christen. Doch die Mehrheit der amerikanischen Juden steht Obama näher als Romney.

Und ob Israel wirklich deren wichtigstes Wahlkampfthema ist, bezweifeln ohnehin manche. M. J. Rosenberg, Mitbegründer der linksliberalen jüdischen Lobbygruppe J-Street, meint in seinem Blog, nur für ein Prozent der amerikanischen Juden sei die Israelpolitik bei der Wahlentscheidung maßgeblich. Tatsächlich sei es sogar beleidigend zu unterstellen, Israel sei für sie das Wichtigste.

Essay

Fallstricke des Wokeismus

Gegenerzählungen zur westlichen Kolonialgeschichte bilden ein berechtigtes Korrektiv, aber was über Israel verbreitet wird, bedarf grundlegender Korrekturen

von Richard Blättel  22.06.2026

Kanada

Zwei Tote bei Anschlag im jüdischem Viertel von Montreal

Bei einem der Opfer soll es sich laut Medienberichten um Michael Moshe Mizrahi handeln, ein Mitglied der örtlichen jüdischen Gemeinde

 22.06.2026 Aktualisiert

Meinung

Wenn niemand sonst zu Israel steht

Unser Autor ist Schüler auf einem Gymnasium nahe Köln. Mit Entsetzen musste er feststellen, dass Antisemitismus und Israelhass in seiner Klasse weit verbreitet sind. Nun fragt er sich: Wie kann das sein?

von Jan Tersteegen  22.06.2026

Verhandlungen

USA lockern Sanktionen auf iranisches Öl

Nach »produktiven« Gesprächen mit dem Iran setzen die USA Teile ihrer Sanktionen gegen den Iran vorübergehend aus. Die Maßnahme könnte dem Iran Milliarden einbringen und die Energiemärkte beruhigen

 22.06.2026

Trauer

Orakel und Maestro

Über 18 Jahre lang herrschte Alan Greenspan als Zentralbankchef über die Zinspolitik der weltgrößten Wirtschaftsmacht. Mit 100 Jahren ist er nun gestorben

von Anna Ringle, Thomas Kaufner  22.06.2026

Debatte

Jüdischer Verein verlangt Schutz für das Tragen religiöser Symbole

Der Fall sorgte bundesweit für Aufsehen: Bei einem Prozess wegen Volksverhetzung in Flensburg musste eine Zuschauerin ihre Davidsternkette ablegen. Der Verein Jüdischer Hochschullehrender fordert nun Maßnahmen von der Justiz

 22.06.2026

Berlin

Mann mit Kippa beleidigt und bespuckt

Laut eines Medienberichts kam es am Samstag in Berlin-Charlottenburg zu einem antisemitischen Vorfall

 22.06.2026 Aktualisiert

Essay

Das Kopftuch, der Zwang und die Freiheit

Die radikalen Kräfte in der muslimischen Community bestimmen zunehmend den Kurs. Wenn dies ohne Gegenwehr von den moderaten Kräften hingenommen wird, ist irgendwann der Kipppunkt erreicht

von Daniel Neumann  22.06.2026

Berlin

Nova-Ausstellung: Interne Unterlagen zeigen Streit um Fördergeld

Die Finanzierung des Projekts war bis zuletzt umstritten. Eine angekündigte Kürzung der Landesförderung in Höhe von mehreren Hunderttausend Euro wurde zurückgenommen

 22.06.2026