Documenta

Ratlos in Kassel

Mehr Bruchlinien als Brücken: Nikita Dhawan, Adam Szymczyk, Doron Kiesel, Hortensia Völckers, Meron Mendel und Stefan Koldehoff (v.l.) Foto: picture alliance/dpa

Unaufgeregte Routine: Diesen Eindruck vermittelte am Mittwoch vergangener Woche die »documenta fifteen« in Kassel. Im Museum Fridericianum wurden Besuchergruppen durch die mitunter unübersichtlich anmutende Schau geführt; vor dem Ausstellungsort »WH22« herrschte Biergarten-Atmosphäre, während die drinnen gezeigten israelfeindlichen Collagen eines palästinensischen Künstlers nur wenige Betrachter fanden; und selbst das agitatorisch-antikapitalistische Banner des Kollektivs »Taring Padi« auf der Fassade eines Modeladens im Stadtzentrum fand an diesem warmen Junitag kaum Beachtung. Die documenta, so schien es, war nach dem Eklat um antisemitische Motive auf einem großformatigen Werk von Taring Padi zum Normalbetrieb übergegangen.

ANSPANNUNG Und doch war in Kassel an diesem Tag auch erhebliche Anspannung zu spüren: Am Abend hatten die Bildungsstätte Anne Frank und die documenta gGmbH zu einer Podiumsdiskussion geladen, die zur Klärung und Aufarbeitung der spektakulären Antisemitismus-Skandale beitragen sollte.

An dem von dem Journalisten Stefan Koldehoff moderierten Gespräch nahmen Doron Kiesel, Direktor der Bildungsabteilung des Zentralrats der Juden in Deutschland, Meron Mendel, Direktor der Bildungsstätte Anne Frank, Hortensia Völckers, künstlerische Direktorin der Kulturstiftung des Bundes, Nikita Dhawan, Professorin für politische Theorie und Ideengeschichte an der TU Dresden sowie Adam Szymczyk, künstlerischer Leiter der vorangegangenen »documenta 14«, teil. Bezeichnenderweise war die documenta fifteen nicht auf dem Podium vertreten, sondern documenta-Generaldirektorin Sabine Schormann und Vertreter des verantwortlichen Kuratorenkollektivs »ruangrupa« saßen im Publikum. Dort waren auch Mitglieder der Jüdischen Gemeinde Kassel anwesend.

Man sei zusammengekommen, um über eine Grenzüberschreitung zu sprechen, sagte Hessens Wissenschafts- und Kunstministerin Angela Dorn zur Begrüßung. »Es waren eindeutig antisemitische Motive«, unterstrich die Grünen-Politikerin. Sie stimmte der Aussage des hessischen Antisemitismusbeauftragten Uwe Becker zu, die documenta-Ausstellung enthalte weitere Bilder, die »anti-israelischen Antisemitismus befördern«.

Hortensia Völckers sprach im Zusammenhang mit dem antisemitischen Bild von Taring Padi von »Vertrauensverlust«. Der Vorfall habe einen sehr großen Schaden für die Kulturlandschaft in Deutschland verursacht. Ein etwa auch mit Vertretern des Bundes besetzter documenta-Aufsichtsrat hätte den Vorfall aber nicht verhindern können, so Völckers.
Doron Kiesel fordert strukturelle und, wenn nötig, auch personelle Konsequenzen.

Doron Kiesel schilderte die seit der Aufdeckung des Skandals

zurückliegenden zehn Tage als »Ausdruck einer tiefen Vertrauenserschütterung hinsichtlich der Fähigkeit dieser Gesellschaft, mit der eigenen Geschichte umzugehen«. Er wies zudem darauf hin, dass erstmals keine israelischen Künstler zur documenta eingeladen wurden. Meron Mendel zeigte sich ebenfalls verwundert über das Fehlen israelisch-jüdischer Positionen, wohingegen palästinensische Stimmen viel Raum bekämen. Er könne nicht beweisen, dass dahinter Absicht stecke. »Ist es Antisemitismus, ist es nur eine anti-israelische Haltung?« – Das seien, so Mendel, offene Fragen.

Während Adam Szymczyk sagte, die documenta sei »keine Ausstellung nationaler Repräsentation«, und auf die Hürden sprachlicher sowie kultureller Übersetzung verwies, betonte Doron Kiesel die zwingende Notwendigkeit für jeden, der in Deutschland lebt und auftritt, sich mit der deutschen Gesellschaft und Geschichte auseinanderzusetzen. Auch Meron Mendel machte den Stellenwert des lokalen bundesdeutschen Kontexts deutlich. Er stellte zudem ein Kommunikationsproblem fest: »Wir waren seit Januar nicht in der Lage, miteinander in Dialog zu kommen.« Noch weiter ging Doron Kiesel: »Ich glaube nicht, dass ein Dialog hier noch notwendig ist.«

Der Leiter der Bildungsabteilung warf dem an sich wichtigen und notwendigen postkolonialen Diskurs einen anti-israelischen Schwerpunkt vor: »Es endet generell mit einer sehr massiven Entwertung des Staates Israel.« Nikita Dhawan wies diese Darstellung als »zu pauschal« zurück. Sie plädierte dafür, Rassismus, Antisemitismus und Kolonialismus nicht voneinander isoliert zu betrachten. Zugleich betonte sie die Bedeutung der Vergangenheitsbewältigung für die Zukunftsfähigkeit.

DIALOG In dem eineinhalbstündigen, offen geführten Gespräch wurden letztlich mehr Bruchlinien als Brücken sichtbar. Im Anschluss an die Podiumsdiskussion sagte Doron Kiesel der Jüdischen Allgemeinen, er habe den Abend nicht als Dialog erlebt: »Es war mehr oder weniger der Versuch, Positionen auf eine zivilisierte Art und Weise zu vertreten und zu vermitteln, Abgrenzung herzustellen, aber auch Optionen.«

Das antisemitische Motive zeigende Bild sei, so Kiesel, der Endpunkt einer sehr langen, gewollten Entwicklung, »die unter anderem auch die Nicht-Kommunikation mit dem Zentralrat der Juden ausmacht«. Der Skandal müsste strukturelle, und, wenn nötig, auch personelle Konsequenzen haben, betonte Kiesel. Es müsse begriffen werden, »warum Juden hier extrem erschüttert sind und sich extrem gefährdet fühlen«. Das sei ein wichtiger erster Schritt.

Washington D.C.

Trump: Laut CIA ist Modschtaba Chamenei homosexuell

Im Iran werden homosexuelle Handlungen strafrechtlich verfolgt. Je nach Auslegung drohen harte Strafen, darunter Haft, körperliche Züchtigung oder sogar die Todesstrafe

 27.03.2026

Kommentar

Lieber Meron Mendel, das ist keine Politik mit Kettensäge. Das nennt man Demokratie!

Öffentliche Mittel sind an Wirkung gebunden. Maßnahmen müssen überprüfbare Ergebnisse erzielen. Bleibt diese Wirkung aus, endet ihre Legitimation

von Stefan Hensel  27.03.2026

Osterholz-Scharmbeck

Die Linke macht Mullah-Regime-Fan zum Bürgermeisterkandidaten

Yunus Cakar fällt durch Holocaustrelativierung und Terrorunterstützung auf. Nun will er als »Brückenbauer« ins Rathaus

 27.03.2026

Berlin

Pistorius: Europa ist dank Nato vor Irans Raketen sicher

Der Verteidigungsminister ist wegen der Reichweite iranischer Raketen bis nach Europa nicht alarmiert. Er verweist auf die Nato-Luftverteidigung und den Aufbau des Raketenabwehrsystems Arrow 3

 27.03.2026

Washington D.C.

Trump: Iran »bettelt« um Abkommen

»Der Grund, warum sie eine Vereinbarung wollen, ist, dass sie völlig fertiggemacht wurden«, sagt der amerikanische Präsident

 27.03.2026

Arlington

Bericht: USA erwägen massive Truppenaufstockung im Nahen Osten

Weitere 10.000 US-Soldaten könnten in die Region verlegt werden. Ein »entscheidender Schlag« gegen das Teheraner Regime wird diskutiert

 27.03.2026

Nahost

43-jähriger Israeli stirbt bei Raketenangriff der Hisbollah

Die Kämpfe zwischen der libanesischen Terrororganisation und der israelischen Armee dauern an. Die Lage im Überblick

 27.03.2026

Krieg gegen Iran

USA könnten Abfangraketen für die Ukraine nach Nahost umleiten

Schicken die USA für die Ukraine vorgesehene Rüstungsgüter in den Nahen Osten? Ein Bericht der »Washington Post« sorgt Aufsehen - vor allem, weil eine Nato-Initiative betroffen sein könnte

 26.03.2026

Meinung

Lahav Shapiras Fall hätte vor Gericht verhandelt werden müssen

Der jüdische Student wirft der FU Berlin vor, ihn nicht ausreichend vor Diskriminierung geschützt zu haben. Doch die Richter wiesen seine Klage mit einer Begründung ab, die nur schwer nachzuvollziehen ist

von Matthias Fuchs  26.03.2026