Der Psychologe und Islamismus-Experte Ahmad Mansour wirft vielen Linken in Deutschland eine Verharmlosung von Islamismus vor. »Teile der Linken nähern sich islamistischen Milieus an, während sie sich gleichzeitig als Verteidiger von Frauenrechten, Vielfalt und sexueller Selbstbestimmung inszenieren«, schrieb der Experte, der selbst Muslim ist, in einem Beitrag für »Bild am Sonntag«.
Ausgerechnet gegenüber einer Ideologie, die diese Freiheiten bekämpfe, zeigten sie erstaunliche Nachsicht, fügte er hinzu: »Wer das kritisiert, wird schnell als antimuslimischer Rassist diffamiert.«
Pauschalurteile und Doppelmoral
Muslime würden, so Mansour weiter, pauschal als Opfer einer weißen, kapitalistischen Gesellschaft betrachtet, die man vor Kritik schützen müsse: »Die eigentlichen Opfer dieser Doppelmoral sind liberale Muslime, Frauen und alle, die sich religiösen Zwängen widersetzen. Sie werden von jenen im Stich gelassen, die sich ihre Solidarität auf die Fahnen schreiben.«
Wie andere extremistische Bewegungen mache auch die radikale Linke Politik zum Kampf zwischen Gut und Böse, kritisierte Mansour weiter: »Wer widerspricht, steht auf der falschen Seite. In sozialen Medien zählen Empörung und moralische Überlegenheit oft mehr als Argumente.«
Antisemitische Deutungsmuster
Besonders deutlich werde dieser Mechanismus beim Nahost-Konflikt, ergänzte der Psychologe: »Seit dem 7. Oktober 2023 wird Israel in Teilen der linken Bewegung zum alleinigen Schuldigen erklärt. Das Leid der Palästinenser wird politisch instrumentalisiert, das Leid der Israelis relativiert. Antisemitische Deutungsmuster werden als Solidarität verkauft. Und wer diese Einseitigkeit kritisiert, gilt schnell als unmoralisch.«
Nicht jede Kritik an Israel sei Antisemitismus, so Mansour weiter. Doch eine Partei trage auch Verantwortung für das politische Klima, das sie schaffe: »Wenn antisemitische Parolen verharmlost, einseitige Feindbilder geduldet und berechtigte Kritik daran reflexhaft als Unterdrückung palästinensischer Stimmen abgetan werden, verschieben sich Grenzen.«
Israel als letztes koloniales Projekt
Antisemitismus müsse nicht ausdrücklich befürwortet werden, um gesellschaftlich salonfähig zu werden. Es reiche, wenn man ihm nicht entschieden genug widerspreche. Diese Entwicklung sei kein Zufall, so der Experte: »Dahinter steht eine radikale Identitätspolitik und ein dogmatisches postkoloniales Weltbild, das die Welt in Unterdrücker und Unterdrückte aufteilt. Der Westen gilt als Täter, Israel als letztes koloniales Projekt, das überwunden werden müsse.« KNA