Teheran

Proteste im Iran: Ärzte berichten von gezielten Schüssen auf Augen

Dieses Standbild aus Videos, die zwischen dem 9. und 11. Januar 2026 aufgenommen wurden und in sozialen Medien kursieren, zeigt angeblich Bilder aus einer Leichenhalle in Teheran. Foto: picture alliance / ASSOCIATED PRESS

Bei den anhaltenden Massenprotesten im Iran berichten Ärzte aus Teheran von einer dramatischen Zunahme schwerer Schussverletzungen. Besonders auffällig sei die hohe Zahl von Augenverletzungen, die durch Kugeln oder Schrotmunition verursacht worden seien. Internationale Medien wie CNN und »The Guardian« berufen sich auf Aussagen mehrerer Mediziner, die in überlasteten Krankenhäusern gearbeitet haben.

Ein iranischer Arzt, der aus Sicherheitsgründen anonym bleiben will und das Land inzwischen verlassen hat, schilderte den Zusammenbruch der medizinischen Versorgung, nachdem die Behörden vergangene Woche das Internet weitgehend abgeschaltet hatten. Nur deshalb könne er jetzt öffentlich sprechen, sagte er in einem Interview mit »IranWire«: »Ich habe erlebt, was wir in der Medizin eine Massenverletztenlage nennen. Das ist der Moment, in dem die eigenen Möglichkeiten und Kapazitäten deutlich geringer sind als die Zahl der Patienten.«

Nach Angaben eines Augenarztes wurden allein in einem Krankenhaus mehr als 400 Schussverletzungen an den Augen dokumentiert. Das medizinische Personal sei kaum noch in der Lage gewesen, die Verletzten zu versorgen. Mehrere Ärzte erklärten übereinstimmend, dass sich die Schusswunden auffallend häufig auf Köpfe und Augen der Demonstranten konzentrierten.

Dauerhaft erblindet

»Die Sicherheitskräfte schießen gezielt auf Kopf und Augen. Sie wollen den Kopf und die Augen zerstören, damit man nicht mehr sehen kann – genau wie sie es schon 2022 getan haben«, sagte einer der Mediziner. Viele Patienten hätten ein oder beide Augen verloren und seien dauerhaft erblindet.

Ein weiterer Arzt berichtete gegenüber CNN, dass er während der Proteste gezwungen gewesen sei, zwischen Verletzten auszuwählen. Operiert worden sei jeweils nur, wer die höchste Überlebenschance hatte, bis ein Operationssaal frei wurde. »Am Freitagabend waren alle Betten belegt. Die meisten Patienten hatten Schrotverletzungen oder ähnliche Wunden«, sagte er. »Das Leben ist gelähmt. Niemand ist in Ordnung. Selbst die Hoffnung, die im Ausland verbreitet wird, existiert innerhalb des Iran nicht. Alle stecken fest in Angst, Hilflosigkeit – und einem letzten Rest Hoffnung.«

Mediziner gehen davon aus, dass die offiziell veröffentlichten Opferzahlen die tatsächliche Zahl der Toten und Verletzten deutlich unterschätzen. In vielen Kliniken fehlten Blutkonserven, Medikamente und selbst grundlegende medizinische Ausrüstung. »Es ist wie in Kriegsfilmen, in denen Verwundete auf freiem Feld versorgt werden. Uns fehlt Blut, uns fehlen medizinische Mittel. Es ist wie in einem Kriegsgebiet«, sagte ein Arzt aus Teheran. Kollegen berichteten, dass Verletzte mangels Platz sogar im Freien und bei eisigen Temperaturen behandelt worden seien.

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Massiver Druck

Zusätzlich zum medizinischen Ausnahmezustand stehen Ärzte unter massivem Druck der Behörden. Mehrere Mediziner erklärten, dass Sicherheitskräfte regelmäßig Krankenhäuser betreten, um verletzte Demonstranten festzunehmen. »Meine Kollegen sind völlig erschöpft, traumatisiert und am Ende. Viele brechen in Tränen aus«, sagte ein Arzt. Einer seiner Kollegen sei selbst auf dem Weg zur Arbeit angeschossen worden.

Währenddessen verschärft sich auch der internationale Ton. US-Präsident Donald Trump kündigte »sehr harte Maßnahmen« an, sollte der Iran mit der Hinrichtung von Demonstranten beginnen. Menschenrechtsorganisationen gehen inzwischen von mehr als 2400 getöteten Protestierern aus.

Angehörige des 26-jährigen Erfan Soltani berichteten dem persischsprachigen BBC-Dienst, dass ihm unmittelbar die Hinrichtung drohe. Ein Vertreter der Menschenrechtsorganisation Hengaw erklärte, er habe »noch nie erlebt, dass ein Verfahren so schnell durchgeführt wurde«. Soltani sei innerhalb von nur zwei Tagen zum Tode verurteilt worden.

Genaues Lagebild

Trump erklärte gegenüber CBS News: »Wenn sie sie aufhängen, dann werden Sie Dinge sehen. Wir werden sehr harte Maßnahmen ergreifen, wenn sie so etwas tun.« Er kündigte an, sich im Weißen Haus ein genaues Lagebild über die Opferzahlen verschaffen zu lassen. »Sobald wir die Zahlen haben, werden wir entsprechend handeln.«

Nach Angaben der Human Rights Activists News Agency (HRANA) wurden bislang mindestens 2403 Demonstranten getötet, darunter zwölf Kinder. Fast 18.500 Menschen seien festgenommen worden. Auch etwa 150 Personen aus dem Umfeld der Regierung seien ums Leben gekommen.

Die iranische Regierung weist die Vorwürfe zurück und macht »Terroristen« für einen Teil der Gewalt verantwortlich. Zugleich warnt Teheran die USA davor, einen Vorwand für eine militärische Intervention zu konstruieren. Die Proteste, ausgelöst durch den Zusammenbruch der Währung und die steigenden Lebenshaltungskosten, haben sich inzwischen auf rund 180 Städte ausgeweitet und stellen die schwerste Herausforderung für die Führung des Landes seit der Revolution von 1979 dar. im

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