Corona

Prinzip Hoffnung

Gut geschützt: Knapp sieben Millionen Bundesbürger waren am Mittwoch bereits vollständig geimpft. Foto: Getty Images

Ohne Hoffnung geht es nicht. Das erweist sich in der Corona-Pandemie mehr denn je. Tatkräftige Zuversicht ist jetzt notwendig, nicht passives Abwarten. Es dauerte Wochen und Monate, ehe Bürger und Politiker weltweit begriffen, dass Covid-19 mehr ist als eine lokale Epidemie in China.

Als Frankreichs Staatspräsident Macron im März 2020 dem Virus den Krieg erklärte, wurde dies in etlichen liberalen Medien vielfach als Alarmismus abgetan, in autoritären Regimen dagegen wurde der Warnruf ignoriert. Erst, als bereits Millionen am Virus erkrankt waren und Hunderttausende starben, begriff man den Ernst der Lage.

verständnis Naturwissenschaftliches Verständnis wie bei Bundeskanzlerin Merkel und Israels Premier Netanjahu war hilfreich. Dieser bekannte, er habe in seinem ersten Statistikkurs die Bedeutung des exponentiellen Wachstums erfahren. Entsprechend entschlossen ging der Israeli gegen das Virus vor. Merkel hatte als Kanzlerin der föderalen Bundesrepublik bei der Seuchenbekämpfung zunächst eine moderierende Aufgabe. Doch die Physikerin versucht, der Gefahr so gut sie kann zu begegnen.

Verharmlosungen von Donald Trump, Jair Bolsonaro, Narendra Modi waren gefährliche Lügen, die Hunderttausende das Leben kosteten.

Verharmlosungen von Donald Trump, Jair Bolsonaro, Narendra Modi dagegen waren gefährliche Lügen, die Hunderttausende das Leben kosteten. In Indien infizieren sich unterdessen täglich 400.000 Menschen mit dem Virus. Weltweit starben bislang mehr als drei Millionen Menschen an der Seuche.

Die Zahlen erweisen eindeutig: Wir befinden uns im Dritten Weltkrieg gegen das Virus. Eine derartige existenzielle Auseinandersetzung muss man mit geeignetem, entschlossenem Personal und mit wirksamen Waffen führen. Voraussetzung zum Erfolg sind aber auch psychologische Faktoren: Hoffnung und Entschlossenheit. So besteht begründeter Anlass zur Zuversicht.

wunder Effiziente Impfstoffe gegen die heimtückische Krankheit wurden binnen Jahresfrist entwickelt, getestet und zugelassen. Das ist ein »kleines« Wunder, denn für gewöhnlich dauert dieser Prozess zumindest ein Jahrzehnt. Unterdessen werden die Vakzine weltweit verabreicht und schützen die Geimpften.

Dahinter stehen Geschichten von Menschen mit Wagemut, Fleiß und Verantwortungsbereitschaft. In Deutschland entwickelte die von dem Ehepaar Özlem Türeci und Ugur Sahin gegründete Firma BioNTech das Impfmedikament. Ugur Sahin personifiziert binnen einer Generation die Erfolgsgeschichte eines »Gastarbeiter«-Kinds, das sich mit Ehrgeiz und Intelligenz weltweit in die erste Reihe kreativer Unternehmer stellt. Sahin mag für andere das Beispiel einer gelungenen Integration sein. Förderung ist wichtig, doch sie kann nur wirken, wenn sie wahrgenommen wird.

Entscheidend ist, dass man an das Gelingen glaubt.

Auf der anderen Seite des Ozeans haben Sahin und Türeci es ebenfalls mit einem Einwanderer zu tun: Albert Bourla, der Vorstandsvorsitzende des weltweit größten Pharmaunternehmens, kommt aus Griechenland. Er ist Sohn einer Holocaust-Überlebenden aus Thessaloniki. Bourla, Sahin-Türeci und zahllose andere Wissenschaftler, Ärzte und Manager beweisen, welche Chancen die weltweite Migration bietet.

kooperation Das von BioNTech entwickelte Präparat wurde und wird in Kooperation mit Pfizer getestet und produziert. Benjamin Netanjahu sorgte in beharrlichen Verhandlungen und mit flexiblen Bedingungen dafür, dass Israel mit ausreichend Impfstoff für die gesamte Bevölkerung beliefert wurde. Auf diese Weise konnten alle Bürger – unabhängig von ihrer Religionszugehörigkeit – geimpft und damit geschützt werden.

In Deutschland lief der Impfprozess schleppend an. Nicht zuletzt, weil Berlin in die EU eingebunden, die Haltung ihrer Gremien rückversichernd und unflexibel ist. Millionen Menschen und Gütertonnen aus anderen EU-Staaten passieren ständig Deutschlands Grenzen. Das deutsche Gesundheitswesen hat sich bislang als hoch effektiv erwiesen. Kein europäisches Land besitzt in seinen Krankenhäusern annährend so viele technisch hochgerüstete Intensivbetten. Das ermöglicht es, in Notfällen ausländische Patienten aufzunehmen.

Nachdem die anfänglichen Engpässe bei der Belieferung mit Impfstoffen überwunden worden sind, erweist Deutschlands medizinische Infrastruktur ihre Effizienz.

Nachdem die anfänglichen Engpässe bei der Belieferung mit Impfstoffen überwunden worden sind, erweist Deutschlands medizinische Infrastruktur ihre Effizienz. In der vergangenen Woche wurden an einem Tag erstmals mehr als eine Million Anti-Covid-Vakzine verimpft. Das ist im internationalen Vergleich im Verhältnis zur Bevölkerung weltmeisterlich.

impfgeschwindigkeit Dieses Tempo wurde nur möglich, weil neben den Impfzentren nunmehr auch private Praxen das Serum verabreichen können. Im Juni werden zusätzlich auch Betriebsärzte ihre Dosen injizieren. Damit wird die Impfgeschwindigkeit weiter zunehmen. Unterdessen haben mehr als 30 Millionen Menschen zumindest eine Erstimpfung erhalten, knapp sieben Millionen sind vollständig geimpft. Sie sind gut geschützt.

Fehler sollen nicht verschwiegen werden. Sie sind in erster Linie im psychologischen Bereich geschehen. Wegen ungeschickter Kommunikation und vereinzelter Komplikationen und Todesfälle ist der Impfstoff AstraZeneca bei vielen in Verruf geraten. In Krisen geschehen zwangsläufig Fehler. Sie können behoben werden. Entscheidend ist, dass man nicht die Hoffnung aufgibt und an das Gelingen glaubt. Hoffnung kann Berge versetzen – und selbst Pandemien besiegen.

Der Autor ist Politologe, Publizist und Schriftsteller. Zuletzt erschien von ihm der Roman »Hannah und Ludwig: Heimatlos in Tel Aviv«.

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