Meinung

Pietät für Amy Winehouse

Wer »Amy Winehouse« googelt, findet sie alle: die gesamte Menge ekelerregender Fotos der jüdischen Soul-Diva. Diese Bilder haben den Tod der Sängerin am vergangenen Samstag gewissermaßen vorweggenommen. Die Öffentlichkeit war vorbereitet, aber nicht mitfühlend. Vielmehr wurde eine kranke Frau zum medialen Abschuss freigegeben. Dabei haben diesmal in den Medien nicht nackte Tatsachen gezählt wie im Falle von Britney Spears, bei der man die diversen Spielarten ihrer Intimfrisur öffentlich bloßstellte.

Drogen Bei Amy Winehouse ging es allein um die Zurschaustellung von Lächerlichkeit. Deren medizinische Ursachen in Form von Bulimie, manisch-depressiver Störung und Lungenemphysem infolge von überhöhtem Drogenkonsum spielten in der Berichterstattung keine Rolle. Amy schielend im Vollrausch, Amy mit Koks in der Nase oder Amy, deren Dekolleté verrutscht war. Nach ihrem Tod zu sagen, das interessiere niemanden, ist wohlfeil.

Es interessiert uns nämlich alle. Die Auflagen von »Bild« und »Gala«, von »The Sun« oder »Daily Mail« beweisen es. Und doch gibt es Schmerzgrenzen. Nicht zufällig wurde in der vergangenen Woche »News of the World« eingestellt, eines der hemmungslosesten Blätter Englands. Nicht nur dort wurde die Grenzlinie zwischen Journalismus und Kriminalität mutwillig überschritten – nur, um mit Kranken, mit Trauernden, mit Entführten Auflage zu machen (und wie selbstverständlich ihre Menschenwürde zu missachten). Vielleicht erlaubt ja der Tod von Amy Winehouse, einen Moment innezuhalten.

Der Autor ist freier Musikjournalist in Berlin.

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