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Paul Ronzheimer im Gespräch mit Josef Schuster

Paul Ronzheimer berichtet für »Bild« aktuell aus Israel (Archivfoto) Foto: picture alliance / SvenSimon

Während des Besuchs von Bundespräsident Frank Walter Steinmeier in Israel traf Josef Schuster, Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, den Journalisten und stellvertretenden Chefredakteur der »Bild« für dessen Podcast zu einem sehr persönlichen Gespräch über das Leben nach dem 7. Oktober, den Krieg der Hamas und die Empfindungen Schusters, der in Haifa geboren wurde, in dieser Situation vor Ort zu sein.

Eine gespenstische, gänzlich ungewohnte Ruhe, die er noch nie erlebt habe, sei ihm bei der Ankunft am Flughafen Ben Gurion aufgefallen, so Schuster. Doch in Jerusalem habe der gewohnte Verkehr geherrscht.

Gänzlich ungewohnt sei dann aber der Besuch im verheerten Kibbuz Be’eri gewesen. »Ich hätte mir nicht vorstellen können, dass es so barbarisch war, was durch die Hamas am 7. Oktober veranstaltet wurde«, erzählt Schuster. Die Terroristen zündeten Häuser an, in denen noch Menschen in ihren Schutzräumen ausharrten. »So dass dann Rauch in die Schutzräume kommt und sie die Wahl haben zu ersticken oder aus dem Fenster zu fliehen und dabei erschossen zu werden – das hätte ich mir nicht vorstellen können«, schildert der Zentralratspräsident.

Schusters Verwandte wurden eingezogen

Eindringlich und voller Empathie führt Paul Ronzheimer das Gespräch – er hat die Fähigkeit, eine intime, vertraute Gesprächsatmosphäre an Orten und unter Umständen zu schaffen, die derlei Tiefe eigentlich gar nicht zulassen. Wie jetzt in Israel, das nach wie vor von den atavistischen Grausamkeiten der Hamas am 7. Oktober traumatisierte ist – und vor allem von der Tatsache, dass dieses Grauen die Menschen im vermeintlich sicheren Zuhause überrascht hat.

Obwohl Josef Schusters Verwandte, ein Cousin und eine Cousine und deren Familien nicht im direkten Kriegsgebiet wohnen, so waren natürlich auch sie von den Ereignissen direkt betroffen, wie Josef Schuster erzählt. »Es gibt Verwandte, die eingezogen wurden; es ist insgesamt eine ausgesprochen bedrückende Stimmung, wie ich sie in dieser Form eigentlich noch nie erlebt habe.«

Steinmeier ambivalentes Verhältnis zu Israel

Dem Bundespräsidenten und auch der Bundestagspräsidentin Bärbel Bas, den beiden nominell obersten Repräsentanten Deutschlands, rechnet Schuster hoch an, dass sie so unmissverständliche Worte für Israel gefunden hätten – »und es ist ja auch bemerkenswert: Seit dem 7. Oktober ist das die erste Reise eines hochrangigen Politikers, der über Nacht bleibt. Alle anderen Politiker sind am gleichen Tag wieder zurückgeflogen. Er hatte sich entschieden, ganz bewusst als Signal, über Nacht in Israel zu bleiben.«

Dabei ist die Beziehung zwischen Steinmeier und Israel ambivalent. Als der Bundespräsident 2017 einen Kranz am Grab des ehemaligen Terroristenführers Jassir Arafat niederlegte, stieß das in Israel aber auch hierzulande auf Kritik. Und trotz der offiziellen Solidarität gab es in den vergangenen Wochen auch unzählige antisemitische Demos, mehrere Angriffe auf Synagogen und persönliche Anfeindungen gegen Juden.

Schuster beklagt Gleichgültigkeit gegenüber Israel

»Wie nehmen Sie es im Moment wahr, als Jude in Deutschland zu leben?«, fragt Paul Ronzheimer Josef Schuster. »Was ich in Deutschland wahrnehme und was mich ein wenig irritiert, das sind zwei Dinge«, erwidert Schuster. »Einmal im Kulturbereich, eher im linken Bereich – dröhnendes Schweigen. Man hört gar nichts. Und auf der anderen Seite in der Gesamtgesellschaft, auch in der Mitte der Gesellschaft, ebenfalls Schweigen. Was man hört, ist eine Minorität. Ich glaube, wir müssen uns im Klaren sein, dass die Mehrheit der deutschen Gesellschaft nicht antisemitisch ist. Aber eine Empathie für Israel kann ich in weiten Teilen der Bevölkerung auch nicht erkennen, sondern eher eine gewisse Gleichgültigkeit.«

Woran das liegen könnte, möchte Ronzheimer wissen, der praktisch aus dem Ukrainekrieg nach Israel geeilt war, zwei Länder, denen er über den Beruf hinaus emotional verbunden ist. Schuster schiebt es, leicht resignativ, auf den größeren Abstand zwischen Israel und Deutschland als zwischen der Ukraine und Deutschland. Dass Israel allerdings als »einzige Demokratie des Nahen Ostens« als Bollwerk gegen Terror und Gottesstaat auch für Europas Rechtsstaatlichkeit kämpfe, das komme nach Ansicht des Zentralratspräsidenten in der Distanziertheit der meisten Deutschen etwas zu kurz.

Ob er sich denn persönlich bedroht fühle in Deutschland als Jude, möchte Ronzheimer von Schuster wissen. Nein, er sei ja als Präsident durch den Personenschutz privilegiert, so Schuster. »Was erschreckend war, war am 13. Oktober, dem sogenannten Tag des Zorns, der von der Hamas ausgerufen wurde, dass Eltern Angst hatten, ihre Kinder in jüdische Schulen zu schicken. Die Schulen waren leer an diesem Tag. Dass das der Hamas gelingt, das ganz normale Schulleben so zu beeinträchtigen, ist für mich erschreckend.«

Klartext auch in Richtung der Ordnungskräfte: Anfangs, so Schuster, sei die Polizei bei den Pro-Palästina-Demos »nicht so richtig dazwischen gegangen wie man hätte dazwischen gehen müssen«.  Was könnte denn die Politik tun, um das Leben von Juden – auch durch Gesetzgebung – besser zu schützen, möchte Paul Ronzheimer wissen. Dass es jüngst bei der Justizministerkonferenz nicht die erforderliche Mehrheit dafür gab, die Leugnung des Existenzrechts Israels künftig als Straftat zu werten, das, sagt Josef Schuster, habe ihn enttäuscht. »Nie wieder ist eben jetzt.« Auch vor Gericht brauche es in Sachen Antisemitismus eine »deutlich abschreckendere Wirkung«.

Ronzheimer kritisiert sprachliche Entgleisungen in den Medien

Besonders auffällig seien sprachliche Entgleisungen in deutschen Medien im Kontext mit dem Krieg gegen die Hamas, erwähnt Paul Ronzheimer. Gerade erst hatte die Tagesschau in den sozialen Medien vom »Geiselaustausch« gesprochen, später den Terminus gelöscht, aber sich nicht für die Wortwahl entschuldigt. Ob das denn nur Fehler seien oder etwas Systemisches, will er von Schuster wissen. »Man muss Ross und Reiter klar benennen. Die Menschen, die entführt wurden am 7. Oktober sind endgültig Geiseln, die Menschen, die nach rechtsstaatlichem Prinzip in Israel verurteilt wurden, haben eine Straftat begangen.«

Wie häufig in Bezug auf Israel werden Ursache und Wirkung verwechselt in diesem Beispiel. Ähnliches gelte für die Opferzahlen. Jedes Opfer ist eines zu viel, aber die Hamas hat Israel angegriffen, nicht umgekehrt; das Leitmotiv dieses Gesprächs ist letzten Endes die Täter-Opfer-Umkehr. In Deutschland, in der UNO, in der Welt.

Trotz alledem – die Perspektivlösung für Josef Schuster lautet immer noch Zweistaatenlösung. Und es freue ihn, dass er sehr viel Zuspruch erhalten habe von Menschen. »Es gibt auch diesen Teil der Gesellschaft, und das stimmt mich positiv.«

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