Interview

»Partner für Yad Vashem«

Herr Bajohr, in München soll ein internationales Zentrum für Holocaust-Studien am Institut für Zeitgeschichte aufgebaut werden. Warum ist das in Deutschland nötig?
In den vergangenen beiden Jahrzehnten hat es in Deutschland eine Holocaust-Forschung gegeben, die auch zu Recht international große und verdiente Beachtung gefunden hat. Dies ist das Verdienst verschiedener Institutionen: des Zentrums für Antisemitismusforschung in Berlin, des Fritz-Bauer-Instituts in Frankfurt, nicht zuletzt des Instituts für Zeitgeschichte in München. Aber Holocaust-Forschung ist leider an deutschen Universitäten gar nicht institutionalisiert. Das heißt, hier gibt es anders als in den USA, Israel oder Großbritannien keinen einzigen festen Lehrstuhl. Es stellt sich daher zunehmend als Problem heraus, dass so große Forschungseinrichtungen wie das United States Holocaust Memorial Museum in Washington oder Yad Vashem in Jerusalem keinen wirklichen institutionellen Partner in Deutschland haben. Von daher besteht die Gefahr, auch durch den Generationswechsel an den Universitäten, dass die Holocaust-Forschung durch mangelnde institutionelle Verankerung auf lange Sicht zurückfallen könnte.

Sollte die Holocaust-Forschung nicht in ganz »normale« Fakultäten für Geschichte oder Zeitgeschichte eingebunden werden?
Doch! Wir selbst wollen mit der Ludwig-Maximilians-Universität kooperieren. In Deutschland gibt es aber eine Tradition, Lehrstühle nicht spezifisch und eng auszuschreiben, sondern eher in einem weiteren Kontext zu gestalten. Das hat seine Vorteile, hat aber in der Vergangenheit dazu geführt – sieht man sich etwa die Lehre an deutschen Universitäten an –, dass doch klassischerweise viel stärker die Themen des Dritten Reiches, Außenpolitik, Herrschaftssystem unterrichtet wurden als Holocaust-spezifische Themen. Deshalb ist es wichtig, diese Forschung und vor allem auch den internationalen Austausch darüber institutionell zu sichern.

Besteht dann aber nicht die Gefahr, dass die Forschung über die Schoa sich isoliert?
Natürlich wollen wir vermeiden, eine völlig isolierte Holocaust-Forschung zu betreiben, die sich immer stärker spezialisiert und sich dann tendenziell löst von der NS-Geschichte, der Geschichte des Zweiten Weltkrieges oder auch der Geschichte der europäischen Gesellschaften in der 1930er- und 40er-Jahren. Wir verstehen uns nicht als Zentrum für eine abgekoppelte Spezialforschung oder ein neues Institut für ein vermeintliches Orchideenfach. Es geht ja darum, genau hinzuschauen, wie eigentlich dieses Jahrhundertverbrechen in einem gesellschaftlichen Umfeld, das sich vor 1933 für zivilisiert gehalten hat, stattfinden konnte. Immer neue Spezialstudien über einzelne Mordeinheiten oder Täter helfen uns da nicht unbedingt weiter. Wir müssen auch schauen, wie sich die nichtjüdische Bevölkerung in Deutschland und in den europäischen Ländern zum Holocaust verhalten hat, und warum er gesellschaftlich möglich wurde. Das neue internationale Zentrum für Holocaust-Studien soll eine Brückenfunktion nach Osteuropa übernehmen – der Region, in der wir für die Zukunft am meisten Erkenntnisgewinn für die Holocaust-Forschung erwarten.

Der israelische Historiker Yehuda Bauer sagte unlängst in Berlin, in den Ländern der ehemaligen Sowjetunion würden viele Archive erst jetzt zugänglich. Haben Sie ähnliche Erfahrungen gemacht?
Ja, das ist ganz eindeutig so. Hier gibt es auch insofern einen Nachholbedarf, als es vor 1989 eben keinen offenen Zugang zu vielen Aktenbeständen gibt oder gab und dies auch heute nicht gerade einfach ist. Wir sind ja über EHRI, das von der EU geförderte European Holocaust Research Infrastructure Programm, mit einer Vielzahl von Partnern verbunden, die sich darum bemühen, vorhandene Archivbestände in Osteuropa zu erschließen. Natürlich gibt es in Washington und in Jerusalem etablierte bewährte Partner, die für uns eine wichtige Funktion haben werden. Wir denken aber auch daran, dass viele Osteuropäer finanziell nicht gerade auf Rosen gebettet sind und es für junge Wissenschaftler gerade in diesen Ländern bisweilen sehr schwer und sehr teuer ist, nach Amerika zu reisen und dort einen Vortrag auf einer Konferenz zu halten. Deshalb wollen wir für den osteuropäischen Raum eine Art Brückenfunktion wahrnehmen, die es eben auch erlaubt, junge osteuropäische Wissenschaftler auf Konferenzen auftreten und sie hier ihre Arbeitsergebnisse präsentieren zu lassen.

Werden die Pläne für das neue Zentrum auch in Washington und Jerusalem begrüßt oder befürchtet man vielleicht Konkurrenz?
Ich denke, dass wir dort mit sehr, sehr großem Wohlwollen rechnen können. Ich selbst bin ja Fellow in Washington und in Jerusalem gewesen und habe dort jeweils ein halbes Jahr gelebt. Im Übrigen ist eine ganz maßgebliche Initiative zur Gründung unseres Zentrums von Washington und den USA ausgegangen.

Das Bundesbildungsministerium will das neue Zentrum für Holocaust-Studien in München in den kommenden beiden Jahren mit gut 700.000 Euro fördern. Reicht das aus?
Das ist sicher erst einmal eine brauchbare Anschubfinanzierung, die sehr hilfreich ist – die aber auf mittlere oder längere Sicht nicht ausreichen wird. Wir werden natürlich zusätzliche Mittel einwerben und Forschungsprojekte entwickeln.

Mit dem designierten Leiter des Zentrums für Holocaust-Studien am Institut für Zeitgeschichte (IfZ) in München sprach Ayala Goldmann.

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