Integration

Neues Deutschland

Integration ist Chefsache: Bundeskanzlerin Angela Merkel lud in der vergangenen Woche erneut führende Vertreter aus Politik, Wirtschaft und Gesellschaft, einschließlich Migrantenorganisationen und Religionsgemeinschaften, nach Berlin. Die Ziele und Motive dieses mittlerweile fünften Integrationsgipfels zeigen, wie wichtig das Thema und vor allem ein gesamtgesellschaftlicher Konsens dazu ist. Schon der erste Gipfel im Jahr 2006 fiel in Merkels Amtszeit. Sie engagiert sich persönlich und überzeugend in der Sache. So weit, so gut.

Betrachtet man jedoch die ambitionierte Tagesordnung des Gipfels, so bedarf es keiner großen Fantasie, um festzustellen, dass für eine inhaltliche und konstruktive Auseinandersetzung schlicht die Zeit fehlte. Damit unterschied sich der fünfte Gipfel auch nicht von den vorhergehenden, und die Mehrzahl der Teilnehmer äußerte sich entsprechend kritisch.

Klartext So wies etwa der baden-württembergische Ministerpräsident Winfried Kretschmann darauf hin, dass bürgerliches Engagement von Migranten und eine Identifi- zierung mit der deutschen Gesellschaft nur schwer zu erwarten sein dürften, solange man ihnen die bürgerschaftliche Mitwirkung vorenthalte – etwa durch fehlende Staatsbürgerschaft oder die Versagung des kommunalen Wahlrechts für nichteuropäische Staatsbürger.

Viktor Ostrowski, Vorstandsmitglied des Bundesverbandes russischsprachiger Eltern, sprach Klartext, indem er die mangelnde Anerkennung von Bildungs- und Schulabschlüssen als ein andauerndes und schwerwiegendes Integrationshindernis benannte.

Leider wurden solche Beiträge nicht etwa aufgegriffen und als konkreter Arbeitsauftrag ernst genommen. Vielmehr wurden längst bekannte Weisheiten, wie etwa der Zusammenhang zwischen guter Bildung, sozialer Herkunft und guter Integration, bekräftigt. Beispiel: Die Frage, ob eine mehrsprachige Erziehung sich grundsätzlich positiv auf die Integrationschancen auswirkt, soll wissenschaftlich untersucht und das Ergebnis auf dem nächsten Gipfel 2013 vorgestellt werden.

Der Blick in andere Einwanderungsgesellschaften oder die schon heute praktizierte Mehrsprachigkeit an vielen deutschen Schulen zum Beispiel in Berlin hätten die Frage schnell und vor allem positiv beantwortet.

Solche Diskussionsbeispiele lassen dann doch Zweifel an der Ernsthaftigkeit aufkommen, mit der das Thema in der Politik behandelt wird. Dabei muss sich die Integrationspolitik nicht nur in der Debatte, sondern gerade »draußen im Lande« bewähren. Es wäre eine Illusion, zu glauben, dass sich alle Herausforderungen, denen sich die immer bunter gemischte Bundesrepublik gegenübersieht, mit der Zeit von allein lösen werden.

Fördermaßnahmen Die deutsche Gesellschaft von heute ist offener als noch vor einigen Jahrzehnten. Allerdings bleiben viele Zuwanderer nicht nur auf aktive Fördermaßnahmen des Staates angewiesen, auch ein genereller Bewusstseinswechsel ist unabdingbar für eine erfolgreiche Integration, das heißt ein Zusammenwachsen.

Erst wenn die Gemeinschaft begreift, dass nicht jede Subkultur eine bedrohliche Parallelgesellschaft darstellt, wie Ministerpräsident Kretschmann völlig zu Recht anmerkte, haben wir ein Klima, in dem Vielfalt wirklich zusammenwachsen kann.

Die jüdische Gemeinschaft hat in mehrfacher Hinsicht ein Interesse an einer erfolgreichen Integrationspolitik. Zum einen leidet ein großer Teil unserer Gemeindemitglieder unter der Nichtanerkennung ausländischer Ausbildungsabschlüsse. Hierdurch ist eine große Anzahl hochqualifizierter Akademiker auf Hartz-IV-Leistungen angewiesen, obwohl sie fähig und willens sind, selbst für ihren Lebensunterhalt und ihre Familien zu sorgen.

Außerdem brauchen wir als religiöse Minderheit ein offenes und tolerantes Umfeld. Das gilt nicht nur für die Mehrheitsgesellschaft mit ihren immer noch vorhandenen antisemitischen Klischees, sondern vor allem auch für solche muslimischen Kreise, in denen religiös motivierter Judenhass herrscht.

Wir wollen aber auch mit unserer Erfahrung zum besseren Erfolg künftiger Integrationspolitik beitragen. Nach der deutschen Vereinigung haben die jüdischen Gemeinden hierzulande einen wesentlichen Beitrag zur Integration der Zuwanderer aus der Ex-UdSSR geleistet. Natürlich hat jede Migrantengruppe ihre spezifischen Merkmale und besonderen Bedürfnisse.

Allerdings hat unsere Gemeinschaft gezeigt, wie Gemeinden den Zuwanderern nicht nur ein geistiges und religiöses Zuhause in der neuen Heimat bieten, sondern ihnen auch entscheidend bei der Eingliederung in die deutsche Gesellschaft helfen können. Bei allen Schwierigkeiten, die bis heute bestehen, ist das ein Erfolgsbeispiel, zu dessen Nachahmung jeder herzlich eingeladen ist.

Meinung

Liebe Politiker, habt ihr nur warme Worte im Angebot?

Das CDU-Präsidium hat einen Beschluss zum Schutz jüdischen Lebens gefasst. Er ist gut gemeint, aber nicht wirklich überzeugend

von Michael Thaidigsmann  06.05.2026

Teheran

Iran prüft US-Vorschlag

In den Streitigkeiten um die Straße von Hormus und die fragile Waffenruhe zwischen dem Iran und den USA gehen diplomatische Bemühungen weiter. Jetzt meldet sich Irans Außenamtssprecher

 06.05.2026

Berlin

Berliner Holocaust-Mahnmal beschmiert

Wieder ist ein antisemitischer Schriftzug in Berlin aufgetaucht. Dieses Mal traf es das Holocaust-Mahnmal

 06.05.2026

Analyse

»Kill all Jews« - Neue und alte Bedrohungen für Juden - Terrorexperte erwartet härtere Anschläge

Fast täglich konnte man zuletzt Nachrichten über Attacken und Hass gegen Juden in Europa lesen - nicht nur, aber auch im Zusammenhang mit Gruppen, die in Verbindung zum Iran stehen. Was das mit Betroffenen macht

von Leticia Witte und Christoph Schmidt  06.05.2026

München

Bayern: Zahl antisemitischer Vorfälle bleibt auf Rekordhoch

»Antisemitische Ausdrucksformen wurden enthemmter, bedrohlicher und direkter«, sagt Annette Seidel-Arpacı, die Leiterin von RIAS Bayern

 06.05.2026

Washington/Teheran

Bericht: USA und Iran nähern sich Vereinbarung zur Beendigung des Krieges

Kern der laufenden Gespräche ist ein auf einer einzigen Seite untergebrachtes, knappes Memorandum, das auf wenigen Punkten basieren soll

 06.05.2026

Berlin

Hubig besorgt über Zulauf zu militanten Rechtsextremisten

In mehreren Bundesländern laufen Durchsuchungen gegen Rechtsextremisten. Was die Bundesjustizministerin dazu sagt

 06.05.2026

New York

USA unterstützen UN-Resolution zu möglichen Iran-Sanktionen

Dem Regime in Teheran werden in einem von den USA unterstützten Entwurf »wirksame Maßnahmen entsprechend der Schwere der Lage, einschließlich Sanktionen« angedroht

 06.05.2026

Washington D.C.

Trump stoppt Marineeinsatz in der Straße von Hormus

Der Präsident begründet dies mit angeblichen Fortschritten in Gesprächen mit Teheran über ein Abkommen. Außenminister Rubio hatte zuvor dagegen erklärt, das »Project Freedom« stelle nun den Schwerpunkt dar

 06.05.2026