Plädoyer

Neubeginn braucht Erinnerung

Für die bewusste Aufarbeitung eines tief sitzenden Antisemitismus haben jüngere Generationen bis heute keinen Raum. Foto: Thinkstock, imago (1)

Meine Familie ist eine von vielen jüdischen Familien, die die Geschichte von Flucht und Zerstreuung erzählen. Auf der Suche nach einer besseren Zukunft – frei von Antisemitismus – migrierten die meisten jüdischen Bekannten meiner Eltern nach Israel und in die USA. Nur wenige kamen auf den Gedanken, nach Deutschland zu gehen. Was auch sollte letztlich eine jüdische Familie dazu bewegen, sich ausgerechnet in dem Land niederzulassen, in dem Juden systematisch vernichtet wurden? Es bleibt eine Entscheidung, die für viele Menschen nur schwer nachvollziehbar ist.

Und dennoch entschied sich meine Familie vor 19 Jahren dafür – geleitet von der Hoffnung, dass sie ausgerechnet im »Land der Täter« weniger Antisemitismus erfahren würde als in ihrer Heimat, der Ukraine.

Laut dem Bundesamt für Migration und Flüchtlinge zählen wir zu den 219.604 Jüdinnen und Juden, die zwischen 1991 und 2004 auf Grundlage eines Beschlusses der Innenministerkonferenz vom 9. Januar 1991 nach Deutschland zugewandert sind. Im Rahmen humanitärer Hilfsaktionen konnten in diesem Zeitraum Juden aus den Nachfolgestaaten der Sowjetunion als sogenannte Kontingentflüchtlinge nach Deutschland zuwandern.

schulbus Zum ersten Mal das Bedürfnis, mit meinen Eltern über ihre Entscheidung zu sprechen, hatte ich, als ich mich durch den antisemitischen Witz eines Mitschülers »ertappt« und vorgeführt fühlte: Ich war mit meiner Klasse unterwegs zur KZ-Ge-denkstätte Dachau. Ein Junge fragte, ob es denn »Juden im Schulbus« gebe – diese müssten schließlich angemeldet werden. Für mich war das ein Schock.

Meine Eltern sagten, ihnen sei es leichtgefallen, nach Deutschland zu kommen: Juden wurden hier explizit willkommen geheißen, Auschwitz lag ein halbes Jahrhundert zurück. Mehr als genug Zeit sei seitdem vergangen, um die dunkle Vergangenheit aufzuarbeiten und sich mit dem tief sitzenden Antisemitismus auseinanderzusetzen.

In der Tat wurde in den vergangenen 72 Jahren ausgesprochen viel Erinnerungsarbeit geleistet: Nazizeit und Holocaust werden im Geschichtsunterricht ausführlich bearbeitet; es gibt unzählige Gedenkstätten, Museen, Mahnmale, die an die Gräueltaten und deren Leidtragende erinnern. All das soll dazu beitragen, dass auch die nachfolgenden Generationen nie vergessen, welche Verbrechen an der Menschheit begangen wurden, und sie dazu auffordern, alles zu tun, damit sie sich niemals wiederholen.

Die Schwierigkeit mit Gedenkkultur ist jedoch, dass sie schnell den Eindruck vermittelt, einen Teil der Geschichte ad acta zu legen – sobald etwas archiviert wird, gerät die Aufarbeitung der eigenen Vergangenheit in den Hintergrund.

Bereits 1936 schrieb der österreichische Schriftsteller Robert Musil einen Essay über Denkmäler. Darin hinterfragte er ihre eigentliche Aufgabe: Aufmerksamkeit auf etwas zu lenken und zu steigern. Seiner Auffassung nach gibt es »nichts auf der Welt, was so unsichtbar wäre wie Denkmäler«. Sie würden sich in unseren Alltag einfügen und aus dem Vordergrund unseres Bewusstseins in den Hintergrund verschwinden, so Musil.

scham In den Vordergrund treten stattdessen Scham, Verdrängung und Ablehnung. Denn selten wurde über die Nachwirkungen der antisemitischen Propaganda aus dem Dritten Reich gesprochen. Eine »ganzheitliche Aufarbeitung« betrieben die wenigsten Familien, die während der Nazizeit nicht verfolgt wurden.

Es gibt bis heute keinen Raum für eine bewusste Aufarbeitung des tief sitzenden Antisemitismus, besonders nicht für die dritte Generation von Kindern, Jugendlichen und jungen Erwachsenen, die Schwierigkeiten haben, ihre Rolle in der Geschichte zu verstehen.

Selten wird sich in Deutschland mit der Frage beschäftigt: »Wie ist meine familiäre Verbindung zum Dritten Reich?« Stattdessen wird fleißig über die moralischen Fehltritte von vor mehr als 72 Jahren gesprochen. Über die eigene Familiengeschichte jedoch wird konsequent hinweggeschwiegen. Dabei ist Aufarbeitung eine Frage der Anerkennung. Wenn ich etwas nicht als Teil meiner Familiengeschichte und somit nicht als Teil von mir selbst anerkenne, kann kein Umgang damit gefunden werden. Es geht nicht darum, die Verantwortung für die Taten und Handlungen der Großeltern und Urgroßeltern zu übernehmen. Das ist auch gar nicht möglich.

Vielmehr geht es im wahrsten Sinne des Wortes um ein Erkennen von Verbindungen und Einflüssen, denen man durch seine Familiengeschichte ausgeliefert ist. Die Skepsis der Urgroßeltern gegenüber Juden und Jüdinnen wurde nicht gemeinsam mit ihnen begraben. Nach wie vor höre ich Äußerungen wie etwa: »Meine Großmutter hat Juden nicht vertraut, ich weiß nicht, wieso, aber sie wird ihre Gründe gehabt haben, und ich sehe das ähnlich.« Oder: »Der sieht aus wie ein Jude.«

stereotype Antisemitische Stereotype wie diese verschwinden nicht, selbst wenn Erinnerungskultur noch so ganzheitlich und so präzise wie möglich ist. Erinnerungskultur ist das eine, Aufarbeitung der eigenen Geschichte etwas ganz anderes: Sie erfordert Arbeit und letztlich die Einsicht, dass unser familiäres Umfeld uns vielleicht mehr prägt, als uns lieb ist. Doch nur so ist eine wahrhafte und allumfassende Aufarbeitung möglich. Solange ein Satz wie »Mein Vater war nur bei der Eisenbahn« fallen kann, ist Deutschland ganz gewiss kein Ort, der frei von Antisemitismus ist.

Zwischen 1941 und 1945 schrieb die politische Theoretikerin Hannah Arendt Beiträge für die jüdische Exilzeitung »Aufbau«, sie wurden unter dem Titel »Vor Antisemitismus ist man nur auf dem Monde sicher« veröffentlicht. Arendt vertritt die These, dass »jedes Menschenleben einen Neubeginn« darstellt. So schreibt sie zum Beispiel, dass »dem Neuankömmling die Fähigkeit« zukomme, »selbst einen neuen Anfang zu machen, das heißt, zu handeln«.

72 Jahre nach dem letzten Beitrag der jüdischen Philosophin für die Exilzeitung und der zeitgleichen Befreiung von Auschwitz stand Deutschland bereits vor mehreren Neuanfängen. Sie sind positiv – treiben sie doch politische Auseinandersetzungen voran und tragen mit anderen Handlungen, Perspektiven und Gedankengängen zu bestehenden Strukturen bei.

Dabei ist es wichtig, nicht zu vergessen, dass auch ein bewusstes Erinnern Teil eines solchen Neubeginns ist – sowohl im Sinne einer Erinnerungskultur als auch im Sinne eines Aufarbeitens der eigenen Familiengeschichte.

Denn das Erinnern an Antisemitismus entlarvt zum Teil die Quellen seines Ursprungs, auch innerhalb der eigenen Familie, und trägt so ein Stück weit zu seiner Bewältigung bei.

Gholam-Hossein Mohseni-Ejei

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