Meinung

Nächstes Jahr in Teheran

Arye Sharuz Shalicar Foto: dpa

Berlin Tiergarten. 1992.

Ich erinnere mich daran, wie meine Eltern sich mit zwei Dutzend anderen Iranern immer sonntags zum Grillen trafen. 20 persischsprachige Freunde, mit Kindern, die Farsi sprachen und zu lauter persischer Musik tanzten. Auf den Nachbarsdecken saßen Türken und Araber, Inder und Afrikaner.

Man blieb unter sich. Wie so viele Migranten aus der muslimischen Welt kamen meine Eltern nie wirklich in Deutschland an.

Dies ist keine neue Entwicklung, im Gegenteil: Es ist eine Tatsache, wenn wir über die ersten Einwanderungsgenerationen sprechen, die nicht in Deutschland aufgewachsen sind, sondern irgendwann im Laufe des Erwachsenenlebens hierherkamen.

Wie so viele andere Migranten auch kamen meine Eltern in Deutschland nie wirklich an.

parallelgesellschaften Für viele jener Einwanderer der 50er- bis 80er-Jahre bestand der enge Freundes- und Vertrauenskreis ausschließlich aus Menschen aus der alten Heimat. Es war der Anfang von mehreren Parallelgesellschaften – unter anderem der türkischen, der arabischen und der iranischen, die sich langsam, aber sicher in Deutschland gebildet haben.

Ich war Anfang der 90er-Jahre zum Teenager herangewachsen und hielt es für vollkommen normal, dass meine Eltern ausschließlich mit Iranern befreundet waren. Die meisten Exiliraner waren sehr aufgeschlossen, sehr modern, und sie ähnelten meinen Eltern, mit der Ausnahme, dass meine Eltern die einzigen Juden unter ihnen waren. Das war jedoch nie Thema, denn man erinnerte sich gerne gemeinsam zurück an die Tage vor der islamischen Revolution 1979, in denen man im Iran noch frei leben konnte. Die Freunde meiner Eltern waren extrem regimekritisch und gegen die Mullahkratie eingestellt.

heimat Man redete offen. Man fühlte sich sicher, fern von der Heimat. Eine Heimat, die sich durch die Machtübernahme der Islamisten in eine Diktatur der radikalschiitischen Geistlichkeit, die Angst und Schrecken verbreitet, verwandelt hat.

Bis an jenem Septembertag 1992, als ich im Alter von 15 Jahren miterleben musste, dass der verlängerte Arm der Mullahs auch nach Berlin reichte, als vier iranische Oppositionelle von iranischen Agenten im Mykonos-Restaurant niedergeschossen wurden.

Man redete offen. Man fühlte sich sicher, fern von der Heimat. Ein Trugschluss?

Die Gemeinschaft der Exiliraner war geschockt. Jedoch alle waren sich einig, man ging fest davon aus, dass Deutschland wie ein Mann hinter der sich nach Freiheit und Demokratie im Iran sehnenden Opposition stehen würde. Bis vor genau einem Monat, als die Islamisten den 40. Jahrestag der Diktatur und Unterdrückung feierten und ein »standardmäßiges« Telegramm aus Berlin in Teheran einging, abgesendet nur wenige Kilometer entfernt vom damaligen Mykonos-Tatort.

revolution Es war ein Schlag ins Gesicht, umso mehr, als das Bundespräsidialamt publik machte, dass Frank-Walter Steinmeier nicht der erste Bundespräsident war, der die Mullahs in Teheran zum Jahrestag der islamischen Revolution beglückwünschte.

Das entlastet einerseits den Bundespräsidenten, deckt jedoch andererseits auf, dass das Problem ein viel tiefergehendes ist, als zunächst angenommen.

Der Gruß vom deutschen Bundespräsidenten war für uns ein Schlag ins Gesicht.

Denn nun ist offensichtlich, dass Deutschland vier Jahrzehnte lang die falschen Signale an die Islamisten in Teheran gesendet hat. All die Jahre, in denen die verschiedenen iranischen Sicherheitsorganisationen, allen voran die Pasdaran und die Basij, sowohl im Inland als auch in der Region des Nahen und Mittleren Ostens und darüber hinaus für unzählige Inhaftierungen, Folterungen, öffentliche Steinigungen, Erhängungen und zuletzt Auftragsmorde verantwortlich waren. Genau wie an jenem Tag in Berlin, der mir so sehr in Erinnerung geblieben ist.

menschenrechte Es ist nicht nur mir, sondern auch Tausenden in Deutschland lebenden Exiliranern ein absolutes Rätsel, wie Deutschland – anstatt klipp und klar die Opposition zu unterstützen – sich allem Anschein nach in keiner Weise mit Taten gegen die Missachtung von Menschenrechten im Iran stellt, ja, dank der jüngsten Klarstellung des Bundespräsidialamtes, wohl auch in der Vergangenheit nie wirklich gestellt hat.

Nächstes Jahr in Teheran! Vielleicht wird unser Traum irgendwann Wirklichkeit werden.

Diplomatische Gepflogenheiten sind eine Sache – Werte, Menschenrechte, Demokratie und Freiheit eine andere. Deutschland sollte als eine der führenden Demokratien weltweit hier klar Position beziehen.

Viele Millionen Menschen werden es zu schätzen wissen. Wir Juden erst recht. Nicht nur, aber besonders heute, an dem Tag, an dem wir die Errettung unseres Volkes vor der drohenden Vernichtung in der persischen Diaspora feiern. Dann wird unser Traum vielleicht irgendwann Wirklichkeit werden: Nächstes Jahr in Teheran!

Der Autor ist Publizist, Schriftsteller und Berater des amtierenden israelischen Außenministers.

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