Prozess

Nachhilfe in Wannsee

Muss an einer Führung im Haus der Wannsee-Konferenz teilnehmen: Knaan Al S. Foto: Reuters

Saal 700, Kriminalgericht Moabit: Nach zwei Verhandlungstagen fällt das Jugendschöffengericht am Montagabend sein Urteil im Prozess gegen Knaan Al S. Für seine Attacke vom 17. April auf zwei Kippa tragende Männer im Berliner Stadtteil Prenzlauer Berg wird der 19-jährige Palästinenser, der 2015 aus Syrien nach Deutschland geflüchtet ist, nach dem Jugendstrafrecht wegen Beleidigung und Körperverletzung verurteilt (Az. 422 Ls 32/18).

Al S. erhält vier Wochen Jugendarrest und einen Betreuungshelfer für ein Jahr. Weil er mehr als zwei Monate in Untersuchungshaft saß, wird der Arrest nicht vollstreckt. Außerdem muss Al S. eine Führung im Haus der Wannsee-Konferenz absolvieren, wo die Nationalsozialisten im Januar 1942 die Judenvernichtung organisiert hatten. Es gehe nicht um »größere Kurse in Staatsbürgerkunde«, begründet Günter Räcke, Richter am Amtsgericht Berlin-Tiergarten, die Maßnahme. Sondern der Angeklagte solle begreifen: »Warum regen die sich hier eigentlich so auf?«

schläge Doch ob Knaan Al S. begriffen hat, warum in Deutschland nicht nur Schläge, sondern auch Beschimpfungen von Juden »inakzeptabel« sind, wie es der Staatsanwalt formuliert, bleibt offen. »Ich habe einen Fehler gemacht und viel daraus gelernt, ich bereue es zutiefst«, sagt der Angeklagte im Schlusswort eher allgemein.

Am ersten Prozesstag hatte Al S. die Attacke auf den arabischen Israeli Adam A. und dessen Begleiter, einen Deutsch-Marokkaner, gestanden. Im Urteil folgt das Gericht weitgehend der Version des Opfers und des Staatsanwalts. Der Angeklagte, der mit seinem Cousin und einem weiteren Mann unterwegs war, habe die Kippa-Träger ohne vorherige Provokation als »Hurensöhne«, »dreckige Juden« und »Arsa Yahudi« (arabisch: »zuhälterische Juden«) beschimpft, sagt der Anklagevertreter.

Dann habe Knaan Al S. mindestens drei Mal mit dem Gürtel zugeschlagen. Adam A.’s Lippe sei aufgeplatzt, er erlitt Schmerzen an den Beinen und im Rumpfbereich. Auch psychisch sei es ein »einschneidendes Erlebnis« gewesen.

Hasskriminalität Die Verteidigerin des Angeklagten bestreitet ein antisemitisches Motiv: »Wer ›dumme Sau‹ sagt, ist kein Schweinefeind«, sagte sie unter anderem zur Begründung. Die Nebenklagevertreterin hingegen greift Angela Merkels Wort von der Sicherheit Israels als »deutscher Staatsräson« auf: »Wenn hier jemand einen israelischen Bürger attackiert, tritt Deutschland in die Verantwortung, Herr Al S.« Nach dem Urteil sagt sie: »Das Gericht hat erkannt, dass es sich um einen Fall der Hasskriminalität handelt.«

Doch der Richter legt sich darauf nicht eindeutig fest. Er erklärt, bei Knaan Al S. habe auch »allgemeiner Frust« ein Ventil gefunden: »Der ideale Auslöser waren die beiden Angehörigen der ihm missliebigen Gruppe jüdischer Menschen.« Dass der Angeklagte gemeint habe, sein Verhalten gegenüber einer Zeugin, die ihn zur Rede stellte, mit dem Satz »Ich bin Palästinenser« rechtfertigen zu können, zeige: »Da hat jemand etwas gründlich noch nicht verstanden.«

Um den antisemitischen Hintergrund der Tat zu betonen, hat die Nebenklagevertreterin zuvor auch darauf hingewiesen, dass der Cousin von Al S. auf Facebook die syrische »Jerusalem-Brigade« mit »Like« markiert hat – eine Organisation, die Israel zerstören will. Der Anwalt des Cousins wiederum verbreitete eine Theorie, die nach Verschwörung klingt: Der »B.Z.« sagte er, Adam S. könne den ganzen Angriff inszeniert haben. Das Opfer hatte die Attacke gefilmt und das Video ins Internet gestellt.

ecstasy Der Angeklagte habe vor der Tat Haschisch und Ecstasy konsumiert, stellt der Staatsanwalt fest. Der Richter schildert, der junge Mann sei »schlechter Stimmung« und ohne Wohnsitz gewesen, das Jobcenter hatte die Unterstützung gestrichen. Seine Eltern hofften, er würde Lehrer werden: »Nichts davon funktionierte.«

Zuvor berichtete eine Sozialarbeiterin der Jugendgerichtshilfe, wie Knaan Al S., der jüngste Sohn, und dessen Bruder im Auftrag der Familie aus Syrien nach Europa geschickt wurden: »Junge, geh mal woanders hin, wir sehen hier keine Zukunft.« Al S. kam als 16-Jähriger über die Türkei, das Mittelmeer und Budapest nach Eisenhüttenstadt. Dort unterstützte ihn die Jugendhilfe. Die Sozialarbeiterin sagt: »Solange ihm gesagt wurde, was er zu tun hatte, lief es auch.«

Doch dann fühlte sich Al S. von Mitschülern gemobbt. Er brach die Schule ab und zog nach Berlin. Vor Gericht braucht er eine Dolmetscherin. Diese irritiert den Richter einmal mit einer Übersetzung: Der Angeklagte wolle ein guter Fußballer werden und bei der NATO arbeiten. Al S. meinte den Markt »Netto«.

Reaktionen Zum Urteil sagte der Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, Josef Schuster, das Gericht sei »den absurden Ausflüchten und Rechtfertigungen der Verteidigung nicht gefolgt«. Felix Klein, Antisemitismusbeauftragter der Bundesregierung, hofft, dass »trotz des relativ milden Urteils eine Signalwirkung davon ausgeht«.

Sigmount Königsberg, Antisemitismusbeauftragter der Jüdischen Gemeinde zu Berlin, kritisierte das Urteil des Amtsgerichts: »Manche werden es als Freibrief ansehen, Hatz auf Juden zu machen. Gewalttäter können sich gestärkt fühlen, da ihre Taten faktisch keine Konsequenzen haben. Opfer werden geschwächt, da der Täter im Grunde als freier Mann das Gericht verlassen kann.«

Meinung

Israel hat seine Zukunft zurück

Ran Gvili, die letzte Geisel in Gaza, wurde geborgen und nach Israel überführt.

von Sabine Brandes  26.01.2026

Serie

»Holocaust«-Serie: Wendepunkt der deutschen Erinnerungskultur

Vor 47 Jahren wurde im öffentlich-rechtlichen Fernsehen die US-Serie »Holocaust - Die Geschichte der Familie Weiss« ausgestrahlt. Der damals verantwortliche Leiter der Hauptabteilung Fernsehspiel erinnert sich an Widerstände und weinende Anrufer

von Jonas Grimm  26.01.2026

Schleswig-Holstein

Vandalismus an Synagogen-Mahnmal in Kiel sorgt für Entsetzen

Zertretene Blumen und Kerzen: Politiker verurteilen die Verwüstungen des Synagogen-Mahnmals in Kiel - und sprechen von einem feigen Akt

 26.01.2026

Berlin

Geschichte jüdischer Politiker: Bundestag zeigt neue Ausstellung

Tagebücher, Videos und Briefe: Eine neue Ausstellung im Bundestag zeigt die Biografien jüdischer Politiker. Ein besonderes Augenmerk liegt auf einer Überlebenden des Holocaust

von Nikolas Ender  26.01.2026

Tova Friedman mit Enkel Aron Goodman

Mahnung

Überlebende Friedman über AfD: Ich möchte sie konfrontieren

Die Holocaust-Überlebende Tova Friedman wird am Mittwoch im Bundestag sprechen. Bewusst teilt sie ihre Erinnerungen öffentlich - um aufzuklären und deutlich zu machen, dass sich Juden nie wieder verstecken dürften

 26.01.2026

Berlin

Mehr Störungen an NS-Gedenkstätten

In Gästebüchern wird immer öfter eine Tonlage »im Grenzbereich zwischen antisemitischen und israelfeindlichen Inhalten« registriert

 26.01.2026

Essay

Zynische Umdeutung der Geschichte

Der Holocaust ist zur moralischen Währung geworden – und wird nun gegen die Juden selbst verwendet

von Johannes C. Bockenheimer  26.01.2026

Interview

»Den Worten müssen Taten folgen«

Ron Prosor über das Holocaust-Gedenken am 27. Januar, die Bedrohung jüdischen Lebens, den Zustand des deutsch-israelischen Verhältnisses und seine Position als Botschafter in Berlin

von Detlef David Kauschke  26.01.2026

New York

Columbia University beruft Jennifer Mnookin zur neuen Präsidentin

Die jüdische Rechtswissenschaftlerin übernimmt, nachdem in den vergangenen zwei Jahren zwei Präsidenten zurückgetreten waren – wegen ihres unzureichenden Umgangs mit Antisemitismus auf dem Campus

 26.01.2026