9. November

Mutiger Opa, stolzer Enkel

Eigentlich gehört der Gartendirektor Hans Hallervorden längst ins Bett. Nach einer langen und anstrengenden Dienstreise ist er nämlich ziemlich erschöpft. Doch der pflichtbewusste Mann unternimmt wie jeden Abend noch einen Kontrollrundgang durch »seine« weitläufige Wörlitzer Gartenanlage. Was ihm dabei auffällt, sorgt bei Hallervorden schnell für ein ungutes Gefühl. Es ist 23 Uhr, und in der Synagoge brennt noch Licht.

eindringlinge Als Direktor unterstehen Hallervorden die Gartenanlagen mitsamt ihren Kulturgütern. Dazu gehört auch die kleine Synagoge, die auf einem künstlichen Hügel errichtet ist. Am späten Abend des 10. November 1938 also geht Hallervorden in die Synagoge und entdeckt darin zwei Männer, die dort eigentlich nichts verloren haben. Er erkennt sie nicht, weil sie ihre dicken Mantelkrägen hoch vor ihre Gesichter geschlagen haben. Aber Hans Hallervorden weiß sofort, was diese Eindringlinge im Schilde führen. Nur einen Tag zuvor war bereits die Synagoge in der Nachbarstadt Dessau in Brand gesetzt worden und dem Pogrom zum Opfer gefallen.

Auch in der Wörlitzer Synagoge wollen die Nazis Feuer legen und sie vollständig niederbrennen. Sägespäne liegen auf der Treppe zur Empore verstreut, Benzinkanister stehen bereit. Hallervorden schreit die Männer an, das bloß zu unterlassen, schubst sie in einem Handgemenge weg von den Kanistern. Dann hält er die Tür von außen zu. Eine mutige Frau aus der Nachbarschaft eilt ihm dabei zu Hilfe. Schließlich reißen die beiden Männer mit vereinten Kräften die Tür auf.

Das Duo flieht aus der Synagoge, ohne sie angezündet zu haben. Hans Hallervorden organisiert für den Rest der Nacht zur Sicherheit noch eine Wache, die er selbst mit übernimmt. Zwei Wochen später wird der Direktor der Wörlitzer Gartenanlagen Hans Hallervorden auf Druck der Nazis als Angestellter seines Arbeitgebers, der Joachim-Ernst-Stiftung, entlassen.

familie Wenn der Unterhaltungskünstler Dieter Hallervorden, den die meisten Menschen nur namentlich verkürzt als »Didi« Hallervorden kennen, die Geschichte seines Großvaters erzählt, dann hat er Tränen in den Augen. Das mutige Eingreifen seines Opas vor 73 Jahren rührt ihn noch heute sichtlich an.

»Ich bin stolz, dass der Name Hallervorden nicht immer nur mit dem lustigen Komiker Didi, sondern vor allem auch mit meinem Großvater Hans verbunden sein wird«, sagt Dieter Hallervorden. Er beschreibt seinen Großvater als einen vom Toleranzgedanken beseelten, geradlinigen Mann »mit stets aufrechtem Gang«. »Ich bin begeistert, einen solchen Menschen als meinen Opa zu haben«, so Hallervorden im Gespräch mit der Jüdischen Allgemeinen.

Er selbst hat erst spät von dem couragierten Einsatz seines Großvaters erfahren, nämlich im Jahr 1968, und zwar aus der Presse. Ehemalige Mitschüler hatten Dieter Hallervorden zum Tode seines Großvaters einen Artikel aus der Mitteldeutschen Zeitung zugeschickt. Dort wurde Hans Hallervordens Eingreifen vom 10. November 1938 postum und mit vielen Zeilen gewürdigt. Dieter Hallervorden weilte da längst in West-Berlin. Er hatte die DDR noch vor dem Mauerbau verlassen und war, als er die Geschichte seines Großvaters las, ebenso berührt wie überrascht. »Als mein Opa damals plötzlich ohne Arbeit war und einfach daheim blieb, dachte ich, er sei in Rente gegangen. In der Familie wurde der wahre Grund doch nie genannt«, erinnert sich Dieter Hallervorden an die Zeit nach dem November 1938, als er selbst noch ein Kind war.

braune wölfe Hans Hallervorden, der nie einen NSDAP-Mitgliedsausweis besaß, fühlte sich im hohen Maß verantwortlich für den Schutz der Kulturgüter in den Gartenanlagen rund um die anhaltinische Kleinstadt Wörlitz. Das dokumentieren zahllose Berichte aus jener Zeit. »Es gehörte für ihn selbstverständlich dazu, diese Gebäude vor der Zerstörung zu schützen«, erklärt der Historiker Bernd Ulbrich von der Universität Halle-Wittenberg die Motive des Gartendirektors Hallervorden in jener Novembernacht.

Hans Hallervorden bezeichnete die Nazis schon frühzeitig als »braune Wölfe«. Das wurde ihm später in den November-Verhören 1938 durch einen SA-Ortsgruppenführer als oppositionelle politische Aussage interpretiert. »Auch soll Hans Hallervorden sich abfällig über Nazigrößen geäußert haben, vor allem unmittelbar nach der Zerstörung der Dessauer Synagoge«, so Ulbrich, der über die Regionalgeschichte Anhalts und das Judentum in dieser Region forscht.

gondeln Der heute 76-jährige und in Dessau geborene Dieter Hallervorden leitet mittlerweile das Schlosspark-Theater in Berlin-Steglitz und besucht noch oft die Gartenanlagen von Wörlitz. Auf einem Gebiet von 142 Quadratkilometern erstreckt sich dieser wunderschöne erste Landschaftsgarten Kontinentaleuropas.

Er ist zwischen der Bauhaus-Stadt Dessau und der Lutherstadt Wittenberg im Biosphärenreservat Mittelelbe zu finden und wurde vom Landesfürsten Leopold III. Friedrich Franz von Anhalt in den 1760er-Jahren angelegt. Zahlreiche Wasserwege führen durch diesen Park, und auf einer Gondelfahrt ist es besonders anregend, sich diese außergewöhnliche Landschaft zu erschließen. Sichtachsen sorgen stets dafür, dass die Besucher die in den Park mit Bedacht eingefügten Kulturbauten in Augenschein nehmen können.

Auch die kleine Synagoge gehört dazu. Der tolerante und aufgeklärte Fürst Leopold III. ließ sie 1789/90 von dem Baumeister Friedrich Wilhelm von Erdmannsdorff für die Juden in Wörlitz errichten und machte sie der damals höchst lebendigen Gemeinde zum Geschenk. In Wörlitz ist bereits seit dem 18. Jahrhundert eine jüdische Gemeinde nachgewiesen. Damals verzeichnete sie knapp 140 Mitglieder, was annähernd sieben Prozent der Bevölkerung der Kleinstadt ausmachte.

gästebuch Als Vorbild für die außergewöhnliche Architektur der als Rundtempel entworfenen Synagoge diente der Vestatempel im antiken Rom. Unter dem Hauptraum des Hauses liegt ein Ritualbad. Die Gondolieri erzählen ihren Passagieren gerne und mit viel Bedacht die wechselvolle Geschichte dieser Synagoge, wann immer man sie auf der stimmungsvollen Rundfahrt durch den Landschaftspark entdeckt. Über 3.000 Menschen besichtigen jährlich die Synagoge von Wörlitz, die heute eine Ausstellung der jüdischen Geschichte in Anhalt beherbergt. Sie ist neben der Synagoge in Gröbzig das einzige noch erhaltene jüdische Gotteshaus im gesamten Bundesland Sachsen-Anhalt. Und Hans Hallervorden hat sie gerettet.

Auf einem Stehpult in der Synagoge liegt stets aufgeschlagen ein dickes Gästebuch. Wer es in Händen hält, sollte einfach mal zurückblättern – bis zum 30. Mai 2008. Dort findet sich folgender Eintrag: »Beeindruckend, in Wänden zu stehen, die ohne das mutige Eingreifen meines Großvaters so nicht mehr existieren würden. Der stolze Enkel Dieter Hallervorden.«

Johann Wadephul

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