Meinung

Muslime, Medien und »kritische Juden«

Philipp Peyman Engel Foto: Chris Hartung

Meinung

Muslime, Medien und »kritische Juden«

Es gibt Orte in Deutschland, die Juden besser meiden sollten – daran ändern auch Verharmlosungen nichts

von Philipp Peyman Engel  20.02.2017 15:55 Uhr

Gibt es No-go-Areas für Juden in deutschen Städten? Diese Frage hat sich Anfang Februar die »Zeit«-Reporterin Mariam Lau gestellt. Um eine Antwort darauf zu erhalten, verabredete sie sich mit dem Berliner Rabbiner Yehuda Teichtal zu einem 45-minütigen Spaziergang durch Neukölln. Der Bezirk hat nicht gerade den besten Ruf in der Hauptstadt – insbesondere in der jüdischen Gemeinschaft. Immer wieder kommt es in dem Stadtteil mit hohem Anteil arabisch- und türkischstämmiger Migranten zu judenfeindlichen Angriffen.

Mariam Laus Fazit ihrer unter dem Titel »Unterwegs an der Front« veröffentlichten Reportage: Es gibt Orte, die Juden meiden sollten. Viele Neuköllner nahmen zwar Notiz vom Rabbiner und gingen friedlich an ihm vorbei. Doch zur Wahrheit gehört auch, dass Autofahrer ihr Fenster herunterkurbelten und Teichtal »Yahoud!« hinterherbrüllten.

Schutz O-Ton Lau: »Ein Mann rempelt Teichtal an, eine Frau spuckt im Vorbeigehen auf die Straße – ob aus Versehen oder mit Absicht, ist beide Male nicht ganz klar. Leute hupen an der Ampel, grinsen ihn an, fühlen sich gedrängt, seine Gegenwart irgendwie zu kommentieren.« Und weiter: »Es fühlt sich alles nicht gut an, nicht selbstverständlich. Mit einem Fotografen zur Linken und einer Reporterin zur Rechten – es wirkt, als müssten wir ihn schützen.«

Nun wäre der Artikel ein guter Anlass zur Diskussion darüber gewesen, was viele Journalisten immer noch nur ungern benennen: Die muslimische Gemeinschaft hat ein massives Problem mit Judenhass in den eigenen Reihen. Stattdessen erschien vergangene Woche bei »Zeit-Online« eine Replik von Armin Langer, die Laus Beobachtung systematisch zu relativieren versucht.

Darin schreibt der frühere Rabbinatsstudent des Abraham Geiger Kollegs, der erst vor einigen Jahren sein Judentum entdeckt hat, dass Juden in Neukölln keine Angst haben müssen. Kein Wort davon, dass es gerade dort regelmäßig zu judenfeindlichen Attacken kommt. Alles im grünen Bereich, teilt er mit. Es kann nicht sein, was nicht sein darf.

Angriffe Kein Wort davon, dass Fußballer des jüdischen Sportvereins TuS Makkabi Berlin von Neuköllner Spielern Ende 2015 physisch und verbal mit Drohungen wie »Wir stechen euch ab!« attackiert wurden. Kein Wort davon, dass ein Mann einige Monate zuvor auf der Karl-Marx-Straße antisemitisch beschimpft und ins Gesicht geschlagen wurde. Kein Wort davon, dass in Neukölln während der European Maccabi Games 2015 mehrere als Juden erkennbare Personen antisemitisch angepöbelt und bedroht wurden. Die Liste ließe sich ohne Probleme weiter fortführen.

Zugleich verrät der Artikel auf »Zeit-Online« auch viel über den Medienbetrieb. Langer steht exemplarisch für jene Juden in Deutschland, die immer dann angerufen werden, wenn ein »kritischer Jude« benötigt wird. Er ist die neue Stimme in der »Muslimischer Judenhass ist halb so wild«-Bubble, doch das Prinzip bleibt dasselbe: Früher waren es Publizisten wie Abraham Melzer oder Rolf Verleger, heute ist es der sendungsbewusste Langer.

Und der liefert nur allzu gern, was verlangt wird. Sein zynisches Resümee von Laus Versuch: »Es passiert eigentlich nichts Spektakuläres.« Langer nimmt die Funktion des jüdischen Kronzeugen ein, der sich nur allzu gern gebrauchen lässt – und wird mit fünf Minuten »Ruhm« entlohnt. Beides ist in höchstem Maße unwürdig.

engel@juedische-allgemeine.de

Schweiz

Ein Importverbot von koscherem Fleisch gefährdet jüdisches Leben

Ein Kommentar von Jonathan Kreutner, Generalsekretär des jüdischen Dachverbands SIG

von Jonathan Kreutner  01.10.2026

Aufruf

Rapper Danger Dan: Man darf sich von Angst nicht lähmen lassen

Das ZDF untersagte im Sommer den Auftritt von Danger Dan und Igor Levit mit ihrem Song »Keine Angst« in der Satire-Sendung »Die Anstalt«. Doch das Lied motivierte andere, aktiv zu werden gegen Neonazi-Umtriebe

von Barbara Just  01.10.2026

UN-Kongress

Experten diskutieren strafrechtliche Verfolgung sexueller Gewalt in Konflikten

Bei einer Veranstaltung im Rahmen des UN-Kongresses zur Verbrechensverhütung in Abu Dhabi diskutierten jüdische Organisationen über Strafverfolgung, digitale Beweismittel und den Schutz von Betroffenen

 01.10.2026

Madrid

Kritik an Zara wegen Halloween-Kostüm mit Ähnlichkeit zu KZ-Kleidung

Die Hintergründe

 01.10.2026

Terrorismus

Sicherheitsbehörden verhindern Mordanschläge auf jüdische Ziele in Deutschland

Die Hintergründe

 01.10.2026

Washington D.C.

Keith Sonderling als US-Arbeitsminister bestätigt

In den Vereinigten Sraaten ist der in New York geborene Anwalt bereits der vierte Jude, der dieses Amt ausübt

 01.10.2026

Der RAF-Stützpunkt Fairford, im Hintergrund ein B1-Bomber

London

Vorfall bei US-Militärbasis: »Hinweise« auf Beteiligung eines Drittstaates

Nach dem Vorfall an einem US-Luftwaffenstützpunkt in Großbritannien kommen immer mehr Details ans Licht. Andy Burnham bestätigt nun eine mögliche Verbindung zu einem ausländischen Akteur.

 01.10.2026

Berlin

Linken-Politiker Ferat Koçak gibt Sitz im Innenausschuss ab

Der Wahlsieg der Linken lässt die Linken jubeln. Doch Fotos werfen Fragen zu Mitfeiernden auf. Der Neuköllner Bundestagsabgeordnete steht besonders in der Kritik und zieht nun Konsequenzen

 01.10.2026

Berlin

Linke, Grüne und SPD reden über Antisemitismus

Die drei potenziellen Koalitionspartner diskutieren nach der Wahl gemeinsam über Judenhass und organisierte Kriminalität. Warum das offiziell noch keine Sondierungen sind

 01.10.2026