Plakataktion

»Moralisches Signal«

2000 dieser Plakate werden ab Dienstag in Berlin, Köln und Hamburg platziert. Foto: operationlastchance.org

Plakataktion

»Moralisches Signal«

Wiesenthal Center startet neue Fahndungskampagne nach Naziverbrechern

von Ayala Goldmann  22.07.2013 14:10 Uhr

Mehr als 68 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs hat das Simon Wiesenthal Center die Deutschen noch einmal zur Fahndung nach Naziverbrechern aufgerufen. Unter dem Motto »Spät, aber nicht zu spät.« wurden in Berlin, Köln und Hamburg insgesamt 2000 Plakate platziert – mit dem Aufruf an die Bevölkerung, bisher nicht verurteilte Kriegsverbrecher aufzuspüren. Efraim Zuroff, Leiter des Wiesenthal-Zentrums in Jerusalem und weltweiter Koordinator zur Bekämpfung von Nazi-Verbrechen, reiste zum Beginn der Aktion nach Berlin, wo die Plakate am Dienstagabend am Potsdamer Platz aufgehängt wurden.

Für »wertvolle Informationen« ist im Rahmen der Kampagne »Operation Last Chance II« eine Belohnung von bis zu 25.000 Euro ausgesetzt. Auf den Plakaten des Wiesenthal-Zentrums, die in Zusammenarbeit mit der Wall AG geklebt wurden, sind die Bahngleise und das Einfahrtstor zum Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau in Schwarz-Weiß zusammen mit dem Fahndungsaufruf zu sehen. Zuroff sagte, erste Hinweise seien bei der Hotline bereits eingegangen.

Gericht Der Leiter des Wiesenthal Center rechnet damit, dass von etwa 6000 Verbrechern, die in NS-Einsatzgruppen und deutschen Vernichtungslagern aktiv waren, noch etwa 120 am Leben sind. Etwa 60 von ihnen seien nach seiner Einschätzung in einem Gesundheitszustand, in dem sie vor Gericht gestellt werden könnten: »Jeder, der strafrechtlich belangt wird, ist ein Sieg«, sagte Zuroff der Jüdischen Allgemeinen. Doch auch die übrigen NS-Verbrecher sollten »nicht ruhig schlafen können«. Ehemalige Massenmörder verdienten auch als alte Männer kein Mitgefühl, betonte der Leiter des Wiesenthal-Zentrums.

Dieter Graumann, Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, begrüßte die Aktion ausdrücklich. »Es bleibt schließlich nicht mehr viel Zeit, um die NS-Täter noch zur Rechenschaft zu ziehen«, so Graumann: »Besser spät als gar nicht. Sowohl für die noch lebenden Opfer als auch und vor allem für die heutige Generation ist das moralische Signal doch so wichtig: Unmenschliches Verhalten darf niemals unbestraft bleiben.«

Ausgangspunkt für die Plakatkampagne des Wiesenthal Center ist die Verurteilung von John Demjanjuk 2011 in München wegen 1000-facher Beihilfe zum Mord. Zum ersten Mal seit den 60er-Jahren wurde in diesem Prozess ein Nazi-Helfer verurteilt worden, dem keine konkrete Einzeltat nachgewiesen werden konnte. Damit können auch in Zukunft Täter bereits verurteilt werden, wenn ein Gericht ihnen nachweisen kann, dass sie in einem Vernichtungslager Dienst taten.

gerechtigkeit »Last Chance II« ist eine Nachfolgeaktion der Kampagne »Last Chance«, die das Wiesenthal Center ab 2002 in Osteuropa, Österreich und Deutschland gestartet hatte. Zuroff sagte, damals habe es Hinweise gegen 605 Verdächtige gegeben. 103 Namen seien den Justizbehörden übergeben worden, in acht Fällen sei es zu strafrechtlichen Maßnahmen gekommen.

»Jede Anklage ist eine wichtige Erinnerung daran, dass Gerechtigkeit für die Opfer des Holocaust immer noch erreicht werden kann«, sagte Zuroff. Auch Zentralratspräsident Graumann betonte: »Es geht hier schließlich um Gerechtigkeit. Und Gerechtigkeit kennt keine Verfallszeit.«

Leider habe es in der Nachkriegsjustiz bei der Aufarbeitung von NS-Verbrechen schwere und schwerste Versäumnisse gegeben: »In Deutschland wurde viel zu lange gewartet, um viele der damals Verantwortlichen zu belangen. Viel zu oft wurde weggeschaut, um zu viele Verbrecher erst überhaupt gar nicht anklagen zu müssen«, kritisierte Graumann.

Meinung

Wenn niemand sonst zu Israel steht

Unser Autor ist Schüler auf einem Gymnasium nahe Köln. Mit Entsetzen musste er feststellen, dass Antisemitismus und Israelhass in seiner Klasse weit verbreitet sind. Nun fragt er sich: Wie kann das sein?

von Jan Tersteegen  22.06.2026

Verhandlungen

USA lockern Sanktionen auf iranisches Öl

Nach »produktiven« Gesprächen mit dem Iran setzen die USA Teile ihrer Sanktionen gegen den Iran vorübergehend aus. Die Maßnahme könnte dem Iran Milliarden einbringen und die Energiemärkte beruhigen

 22.06.2026

Trauer

Ex-Fed-Chef Alan Greenspan ist gestorben

Er galt jahrelang als Orakel und Maestro: Über 18 Jahre lang herrschte Alan Greenspan als Zentralbankchef über die Zinspolitik der weltgrößten Wirtschaftsmacht

von Anna Ringle, Thomas Kaufner  22.06.2026

Debatte

Jüdischer Verein verlangt Schutz für das Tragen religiöser Symbole

Der Fall sorgte bundesweit für Aufsehen: Bei einem Prozess wegen Volksverhetzung in Flensburg musste eine Zuschauerin ihre Davidsternkette ablegen. Der Verein Jüdischer Hochschullehrender fordert nun Maßnahmen von der Justiz

 22.06.2026

Berlin

Mann mit Kippa beleidigt und bespuckt

Laut eines Medienberichts kam es am Samstag in Berlin-Charlottenburg zu einem antisemitischen Vorfall

 22.06.2026 Aktualisiert

Essay

Das Kopftuch und die Freiheit

Die radikalen Kräfte in der muslimischen Community bestimmen zunehmend den Kurs. Wenn dies ohne Gegenwehr von den moderaten Kräften hingenommen wird, ist irgendwann der Kipppunkt erreicht

von Daniel Neumann  22.06.2026

Berlin

Nova-Ausstellung: Interne Unterlagen zeigen Streit um Fördergeld

Die Finanzierung des Projekts war bis zuletzt umstritten. Eine angekündigte Kürzung der Landesförderung in Höhe von mehreren Hunderttausend Euro wurde zurückgenommen

 22.06.2026

Hamburg

Er spionierte Josef Schuster und Volker Beck aus: Däne vor Gericht

Der Mann mit afghanischen Wurzeln soll im Auftrag des Iran spioniert haben

 22.06.2026

Bundeswehr

Fünf Jahre Militärrabbinat

Verteidigungsminister Boris Pistorius (SPD) betonte, die Jüdische Militärseelsorge bereichere den Dienstalltag und schärfe die ethische Orientierung der Streitkräfte

 22.06.2026