70 Jahre Luxemburger Abkommen

»Moralisches Fundament«

Bundeskanzler Olaf Scholz während seiner Ansprache bei der Veranstaltung zur Würdigung des vor 70 Jahren unterzeichneten Luxemburger Abkommens im Jüdischen Museum Berlin Foto: picture alliance/dpa

Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD) hat Holocaust-Überlebenden auch für die Zukunft finanzielle Unterstützung versprochen. Es sei der Bundesrepublik »heute und in Zukunft ein Anliegen«, Entschädigungszahlungen sicherzustellen, damit sie den Lebensabend in Würde verbringen könnten, sagte Scholz am Donnerstag in Berlin.

Dies gelte auch für Fürsorgeleistungen, ergänzte er in seiner Ansprache bei einer Veranstaltung zur Würdigung des vor 70 Jahren unterzeichneten Luxemburger Abkommens im Jüdischen Museum Berlin.

pflege Scholz verwies dabei auf die häusliche Pflege für die inzwischen hochbetagten Überlebenden der nationalsozialistischen Judenverfolgung. Anlässlich der Gedenkveranstaltung gab die Conference on Jewish Material Claims Against Germany, die Entschädigungsansprüche von Schoa-Überlebenden vertritt, die aktuellen Verhandlungsergebnisse mit der Bundesregierung bekannt. Demnach stockt Deutschland unter anderem die Mittel für Überlebende, die im Alltag auf häusliche Dienstleistungen angewiesen sind, um 130 Millionen Euro auf.

Die Zahlungen, die Deutschland bis heute zur Unterstützung und als Entschädigung an Überlebende leistet, fußen auf dem Luxemburger Abkommen, das 1952 zwischen der israelischen und deutschen Regierung sowie der Claims Conference verhandelt wurde. Scholz bezeichnete den Vertrag als »zweiten Gründungsakt der Bundesrepublik«. Das Abkommen sei »zum moralischen Fundament unserer freiheitlichen Demokratie« geworden, sagte er.

Der Akt habe die schwere Schuld, die Deutschland durch die Verfolgung und kaltblütige Ermordung der Juden auf sich geladen habe, nicht abtragen können. Es sei aber der Versuch gewesen, Verantwortung zu übernehmen und »dafür zu sorgen, dass nicht die Unmenschlichkeit das letzte Wort hat, sondern die Menschlichkeit«. Den Holocaust bezeichnete Scholz als schwärzestes Kapitel der deutschen Geschichte: »Seine Singularität verbietet jede Relativierung und jeden Vergleich.«

verhandlungen In den jüngsten Verhandlungen verpflichtete sich Deutschland nach Angaben der Claims Conference auch zu humanitären Sofortzahlungen an rund 8500 ukrainische Holocaust-Überlebende. Nach Beginn des russischen Angriffskriegs auf die Ukraine hatte die Bundesregierung mehrfach die Verantwortung gegenüber dort lebenden Schoa-Opfern betont. Mehr als 90 von ihnen hat Deutschland seitdem aus der Ukraine aufgenommen.

Externer Inhalt

An dieser Stelle finden Sie einen externen Inhalt, der den Artikel anreichert. Wir benötigen Ihre Zustimmung, bevor Sie Inhalte von Sozialen Netzwerken ansehen und mit diesen interagieren können.

Mit dem Betätigen der Schaltfläche erklären Sie sich damit einverstanden, dass Ihnen Inhalte aus Sozialen Netzwerken angezeigt werden. Damit können personenbezogene Daten an Drittanbieter übermittelt werden. Dazu ist ggf. die Speicherung von Cookies auf Ihrem Gerät nötig. Mehr Informationen finden Sie hier.

Bundesfinanzminister Christian Lindner (FDP) sagte, Deutschland habe eine moralische Verpflichtung und historische Verantwortung gegenüber den Überlebenden. Er betonte, dass sich der Charakter der auf Grundlage des Luxemburger Abkommens zustande gekommenen Leistungen verändern werde, weil es immer weniger Zeitzeugen gibt. Es gehe jetzt um die Vermittlung des Holocausts und das Aufrechterhalten der Erinnerung.

Der industrielle Massenmord durch die Nationalsozialisten, an dessen »historischer Singularität des Abgrunds des Bösen« es keinen Zweifel geben könne, könne nicht wiedergutgemacht werden. Der Beitrag Deutschlands helfe aber dabei, den Opfern ein Leben in Würde zu ermöglichen.

Scholz bezeichnete den Vertrag, mit dem sich Deutschland 1952 zu Entschädigungszahlungen gegenüber Israel verpflichtet hatte, als »zweiten Gründungsakt der Bundesrepublik«.

Die jüngste Vereinbarung sieht den Angaben zufolge vor, in diesem Jahr erstmals Mittel für die Holocaust-Vermittlung bereitzustellen, insgesamt zehn Millionen Euro. 2023 sollen 25 Millionen Euro zur Verfügung gestellt werden. Der Betrag steigt den Angaben zufolge stetig an bis auf 35 Millionen Euro im Jahr 2025.

Mit dem am 10. September 1952 unterzeichneten Luxemburger Abkommen verpflichtete sich Deutschland zu Wiedergutmachungsleistungen gegenüber den jüdischen Opfern der Schoa. Die Bundesrepublik versprach Israel Leistungen im Wert von 3,5 Milliarden D-Mark. Im Laufe von zwölf Jahren lieferte die Bundesrepublik Schiffe, Lokomotiven oder Eisenbahn-Waggons sowie Fabrikmaschinen an Israel. Rund 500 Millionen D-Mark waren damals zudem bereits für die Unterstützung jüdischer Flüchtlinge sowie der von den Nazis verfolgten Jüdinnen und Juden bestimmt.

Nur sieben Jahre nach den Verbrechen des Holocaust mit sechs Millionen jüdischen Opfern gingen Deutschland und der jüdische Staat damit aufeinander zu, auch wenn die Verhandlungen in beiden Ländern durchaus umstritten waren. Heute erhalten nach Angaben des Bundesfinanzministeriums noch rund 250.000 Überlebende Leistungen aus Deutschland. dpa/epd

Externer Inhalt

An dieser Stelle finden Sie einen externen Inhalt, der den Artikel anreichert. Wir benötigen Ihre Zustimmung, bevor Sie Inhalte von Sozialen Netzwerken ansehen und mit diesen interagieren können.

Mit dem Betätigen der Schaltfläche erklären Sie sich damit einverstanden, dass Ihnen Inhalte aus Sozialen Netzwerken angezeigt werden. Damit können personenbezogene Daten an Drittanbieter übermittelt werden. Dazu ist ggf. die Speicherung von Cookies auf Ihrem Gerät nötig. Mehr Informationen finden Sie hier.

Nahost

Wie der Konflikt im Libanon den US-Deal mit Iran gefährdet

Der Gesprächsbeginn zwischen Washington und Teheran in der Schweiz lässt auf sich warten. Derweil spitzt sich die Lage zwischen Israel und der Hisbollah im Libanon zu. Es gibt Tote auf beiden Seiten

von Hans Dahne, Christoph Meyer, Mathis Richtmann  19.06.2026

Kommentar

Wie Holger Friedrich und seine »Berliner Zeitung« Juden instrumentalisieren

Ob in der Debatte über den Umgang mit KI oder Kreml-Diktator Wladimir Putin: Der Verleger interessiert sich nur dann für Juden, wenn es seinen Interessen dient

von Matthias Meisner  19.06.2026

Berlin

Nouripour zu Iran-Rahmenabkommen: »Weg in Normalität für Regime«

Ist das Rahmenabkommen zwischen den USA und dem Iran ein Weg in den Frieden? Bundestagsvizepräsident Nouripour bezweifelt das. Die Übereinkunft gebe dem Iran vielmehr »eine andere Legitimität«

 19.06.2026

Bayreuth

Bayreuther Gedenkveranstaltung mit Michel Friedman soll nun doch stattfinden

Eine Gedenkveranstaltung zum Bayreuther Festspieljubiläum wird geplant, dann abgesagt. Michel Friedman und Charlotte Knobloch zeigen sich entsetzt – jetzt rudert das weltbekannte Opernfestival zurück

 19.06.2026

Washington D.C.

Republikaner kritisieren Trumps Iran-Abkommen ungewöhnlich scharf

»Die Geschichte zeigt, dass es eine außergewöhnlich schlechte Idee ist, Milliarden Dollar an theokratische Verrückte zu geben, die uns ermorden wollen«, sagt Senator Ted Cruz

 19.06.2026

Wahlkampf in Israel

Trump signalisiert Unterstützung für Netanjahu

»Ich werde mir ansehen müssen, wer kandidiert, aber ich mag Bibi sehr«, sagt der amerikanische Präsident

 19.06.2026

Genf

Absage aus Bern: Heute keine USA-Iran-Gespräche

Abkommen unterzeichnet, Treffen abgesagt: Die geplante Gesprächsrunde in der Schweiz findet heute doch nicht statt

 19.06.2026

Bayreuth

Scharfe Kritik nach abgesagter Gedenkveranstaltung

Eine Gedenkveranstaltung zum Festspieljubiläum wird geplant, dann abgesagt. Charlotte Knobloch ist entsetzt über die Bayreuther Festspiele

 19.06.2026

Essay

Zwischen Progressivität und Zerfaserung

Quo vadis, liberales Judentum? Ein Debattenbeitrag von Avitall Gerstetter

von Avitall Gerstetter  19.06.2026